Zeitung Heute : Krater im Großstadtdschungel

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Berlin. Loch an Loch – und hält doch? Nicht unbedingt. Der vergangene Winter war nicht dramatisch, aber dem Berliner Straßennetz hat er wieder heftig zugesetzt. In den Rathäusern und Bauämtern der Bezirke sind sich die Mitarbeiter einig: Nie waren die Straßen so schlecht wie jetzt.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hat nach Auskunft von Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) vor kurzem bei der Straßenverkehrsbehörde beantragt, das Tempolimit auf der Akazienallee in Westend auf zehn Kilometer pro Stunde zu senken. Tempo 30 sei auf der gern als Schleichweg genutzten Parallelstrecke zum Spandauer Damm nicht mehr zu verantworten. Besserung ist laut Investitionsplanung erst 2004 in Sicht. Und es sind nicht nur die kleinen Straßen, die zerbröseln: „Wir haben auf allen Hauptverkehrsstraßen einschließlich dem Kurfürstendamm Probleme“, sagt Gröhler. „Aber wir können nur noch Heftpflaster und Briefmarken verteilen.“ Auf der Westfälischen Straße sei Tempo 50 gerade noch möglich, und „beim Linksabbiegen vom Messedamm in die Masurenallee kann man das Lenkrad loslassen, weil einen die Spurrillen führen.“ Zur Behebung der gröbsten Schäden brauche der Bezirk in diesem Jahr rund vier Millionen Euro – es seien aber nur 1,5 Millionen in Sicht. Von dem Geld müssten außerdem Rad- und Gehwege instand gehalten werden – darunter der Breitscheidplatz mit seinen über 20 Jahre alten Platten.

Harald Büttner, den Leiter des Bauamtes von Mitte, bringt das Thema Straßenzustand in Rage: „Wir kriegen in diesem Jahr nur noch 47,5 Prozent von dem, was uns nach anerkannten Zumessungsmodellen des Landes zustehen würde. Dass wir mit so einer Handhabung ins Chaos rennen, sagt doch schon der gesunde Menschenverstand. In dem Maße, in dem wir unsere Infrastruktur versauen, schwächen wir unsere Wirtschaftskraft.“ Besonders schlecht stehe es um die Straßen rund um die Museumsinsel, den Schiffbauerdamm, Weidendamm, die Alte Jakobstraße, Behrenstraße und die Afrikanische Straße. In deren maroden Unterbau könnten sogar Lkw bis auf die Achse einbrechen. Konsequent wäre eine Sperrung für Lastwagen, aber dann würde der Verkehr in der ganzen Stadt zusammenbrechen. „Es geht längst nicht mehr ums Schönmachen, sondern um bloße Selbstverteidigung gegen Unfälle und damit sich niemand die Gräten bricht.“ In spätestens vier bis fünf Jahren seien Straßensperrungen absehbar – oder schon in diesem, falls jetzt noch ein paar kräftige Nachtfröste kommen sollten.

Der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Franz Schulz von den Grünen sagt: „Ich bin nun wirklich kein Autonarr, aber kaufmännisch betrachtet ist der Verfall der Straßen Wahnsinn.“ Schulz hat an der extrem befahrenen Ecke Mehringdamm / Yorckstraße „eine Allgäuer Landschaft im Straßenbelag“ ausgemacht, die sich wohl nur mit einer aufwändigen Totalsanierung wieder ebnen ließe. Aber dafür fehlt erst recht das Geld: 18 Prozent vom Richtwert habe der Bezirk zur Verfügung. Davon sollten auch Kreuzungen sehbehindertengerecht mit weißen Gehwegplatten ausgestattet und Querungen vor Schulen in zugeparkten Straßen geschaffen werden. Sollten. „Aber wir können nicht einmal mehr unsere Verkehrssicherungspflicht erfüllen“, sagt Schulz, der vor der Benutzung einiger Radwege „nur warnen“ kann.

Die Zeiten, in denen zumindest in manchen Bezirken noch auf hohem Niveau gejammert werden konnte, scheinen überall vorbei zu sein. In der West-City ist von „Angleichung durch Abbau West“ die Rede. Der ADAC hat jüngst die Straßen in mehreren deutschen Großstädten untersucht – und Berlin zur Hauptstadt der Buckelpisten gekürt. Jörg Becker, Leiter der Verkehrsabteilung des ADAC Berlin-Brandenburg, sieht „Zwangssperrungen und massenweise Tempo 30“ wegen Straßenschäden kommen und verlangt, die vorhandenen Mittel in die Rettung des Vorhandenen zu stecken und sämtliche Neu- oder Umbauten auf bessere Zeiten zu vertagen. Ähnlich äußern sich Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer oder die Berliner Baugewerksinnung, die nach der jetzigen Flickschusterei in wenigen Jahren eine Kostenlawine auf die klamme Hauptstadt zukommen sehen. Der Pankower Stadtentwicklungsstadtrat Martin Federlein (CDU) ruft bereits nach einem neuen Sonderprogramm von Bund oder Land, wie es der Senat 1999 aufgelegt hatte.

Doch manchmal profitiert sogar die Landeskasse von den maroden Fahrbahnen: Auf der Regattastraße in Köpenick gilt seit einigen Monaten ebenfalls Tempo 30 wegen Straßenschäden. Anwohner berichten seitdem von gehäuften Radarkontrollen der Polizei – meist nachts und mit hoher Erfolgsquote, denn die Strecke ist übersichtlich und noch relativ gut zu befahren.

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