Zeitung Heute : Kratziges Karokleid

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Astrid Lindgren muss es wissen. Schließlich hat sie die schönsten Kinderbücher geschrieben. So bin ich auch fest entschlossen, ihren Leitspruch zu beherzigen: „Es gibt kein Alter, in dem alles so intensiv erlebt wird wie in der Kindheit. Wir Großen sollten uns daran erinnern, wie das war.“ Jan und Josefine sind mir darin wunderbare Helfer, auch wenn ich von meiner Zeit als knapp Zweijährige eigentlich gar nichts mehr weiß und auch die nächsten Jahre eher schemenhaft sind. Deshalb haben wir drei eine kleine Zeitreise unternommen, haben uns ins Auto gesetzt und sind nach Hamburg gefahren.

Dort ist gegenwärtig im Museum für Kunst und Gewerbe die Ausstellung „Schauplätze der Kindheit“ zu sehen. Der Dreiklang Hamburg-Kindheit-Museum übt auf mich magische Anziehungskräfte aus. Und irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass ich Jan und Josefine einmal umgekehrt mit meiner Kindheit bekannt machen müsste, selbst wenn es mit ihren 22 Monaten noch etwas früh dafür ist. Aber schließlich sind sie auf dem besten Wege, eine Berliner Kindheit mit Kiez und Kita und allem Drum und Dran zu erleben. Da kann es nichts schaden, sich der mütterlichen Hamburger Erfahrungen zu besinnen.

Begleitet von der Großmama sind wir dann zu dem großartigen grau-gelben Kasten gleich neben dem Hauptbahnhof gezogen, nachdem wir zuvor „Planten und Blomen“ besucht hatten. Das ist Hamburgs schönster Park, und das nicht nur, weil ich da auch schon Sandkuchen gebacken habe. Entsprechend nostalgisch gestimmt haben wir dann das Museum für Kunst und Gewerbe betreten, wenn auch - wegen des Zwillingswagens - von hinten durch die Garderobe. Macht nichts, dachte ich mir, vielleicht werden sich Jan und Josefine später einmal erinnern, wie sie mit einem gläsernen Lift, vorbei an Kleiderhaken in die Kindheit ihrer Mutter eingeschwebt sind.

Nur wenig später fand meine eigene sentimentale Erinnerungsreise allerdings ihr Ende, denn „Schauplätze der Kindheit“ ist zwar eine sehr schöne, sehr sehenswerte Ausstellung mit Taufkleidchen und Puppenhäusern, Bilderbüchern und Babyhauben aus vier Jahrhunderten. Mit dem Hamburg der sechziger Jahre hat das alles jedoch weniger zu tun, auch wenn ich mein kratziges Karokleid und den steifen kleinen Mantel mit doppelreihiger Knopfleiste und Pikeekragen wieder entdeckt habe. Jan und Josefine konnte das kaum verdrießen. Sie haben ohnehin die meiste Zeit vor der riesigen Vitrine zugebracht, in der das Spielzeug eines heute 58-jährigen Hamburgers mit zahllosen Teddies und Puppen, jede Menge „Auddo“ und „Fluchzeuch“ ausgebreitet lag.

Natürlich habe ich mich da gefragt, ob wir dafür 250 Kilometer weit in eine andere Stadt und eigens in ein Museum fahren mussten. Wieder in Berlin angekommen, weiß ich, dass es für mich notwendig war. Jan und Josefine waren die perfekten Reisebegleiter. Demnächst wollen wir übrigens nach Schweden fahren. Und vielleicht entdecken wir da etwas aus der Kindheit Astrid Lindgrens.

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg, bis 13. Juli; Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr. Das Ausstellungsjournal kostet 2,50 Euro. Mehr Informationen unter www.mkg-hamburg.de .

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