Zeitung Heute : Kreative Ankermieter: Standort Chausseestraße in Mitte

Harald Olkus

Die Chausseestraße strotzt vor Kreativität. Die gesamte Werbe-, Computer- und Internetbranche drängt dort hin und macht die Straße in Mitte zur ersten Adresse für Phantasie und Schöpferkraft in der Hauptstadt.

So klingt es zumindest, wenn in der Werbebranche von der Chausseestraße die Rede ist. "Die Straße entwickelt sich", sagt Martin Puchmayr von der Maklerfirma FPD Savills etwas zurückhaltender. Denn die Werbe- und Internetbranche würde am liebsten immer noch an den Hackeschen Markt ziehen, wenn dort nur die Mietpreise nicht so hoch wären. Aber 35 Mark pro Quadratmeter sind den meisten zu viel. Deshalb weichen sie auf alternative Standorte wie die Chausseestraße aus und versuchen diese zu etablieren. In der Werbebranche gehört Trommeln schließlich zum Handwerk, und so wird kurzerhand der Ersatz zum Original erklärt. Da in Berlin alles im Fluss ist, kann der Ersatz ja durchaus noch zum Original werden.

Die Anziehungskraft der Chausseestraße begründet sich hauptsächlich auf der alten Lokfabrik von Borsig. Das Grundstück zieht sich von der Chausseestraße durch den ganzen Block bis zur Novalisstraße. Zu Zeiten der industriellen Revolution fertigten die Arbeiter von Borsig hier Ersatzteile für Lokomotiven. Jetzt beherbergen die Lofts Film- und TV-Produktionsfirmen wie Warner Brothers, "Hope and Glory" und AVF.

Als "Ankermieter" begreift sich die Werbeagentur Publicis. Sie hat in dem Gebäude gleich mehrere Stockwerke angemietet, unter anderem auch eine Wohnung im aufgesetzten sechsten Stockwerk. Das Staffelgeschoss kann mit einer begrünten Terrasse über den Dächern von Mitte aufwarten. "Hier halten wir Konferenzen ab. Außerdem ziehen sich unsere Mitarbeiter hierher zurück, wenn sie in Ruhe eine Präsentation vorbereiten müssen", sagt Publicis-Geschäftsführer Wolfgang Hünnekens. Ein Stockwerk tiefer geht es hektisch zu: Die Mitarbeiter flitzen mit Skate-Rollern durch die langen, mit Publicis-roten Paneelen verkleideten Gänge. Corporate Design ist schließlich eine Erfindung der Werbeindustrie. Das moderne Outfit des Büros komme nur im Kontrast zum Altbau der Lokfabrik richtig zur Geltung, meint Hünnekes. Neubauten wie am Potsdamer Platz fehle das Flair.

Im Café am Ende des roten Ganges im Publicis-Büro treffen sich die Mitarbeiter mit Kollegen anderer Agenturen oder Produktionsfirmen. "Der Austausch gehört zu den wichtigsten Dingen in der Kommunikationsbranche." Und genau das bietet die Lokfabrik. "Wir stehen in engem Kontakt mit den ganzen Unternehmen hier im Haus und profitieren voneinander." Vor etwa eineinhalb Jahren ist Publicis an die Chausseestraße gezogen. Einige der Geschäftspartner sind seither gefolgt. "Es ist ein bisschen wie in einer großen Wohngemeinschaft", meint Hünnekens und will es dann doch nicht gesagt haben.

Der Werbemanager wollte schon immer in die Mitte. "Vor der Wende saßen wir in Wilmersdorf - damals war das mitten in West-Berlin. Heute gibt es dort nur noch Witwen und Waisen. Als Kreativer muss man aber am Puls der Zeit sein." Und der schlägt nun mal in Mitte. Dort befinden sich die großen Wirtschaftsverbände, die Hauptstadtrepräsentationen von Konzernen und die Politik. "Wir müssen sein, wo unsere Kunden sind." Schon jetzt haben sich rund um die Lokfabrik eine Menge Internet-Startups angesiedelt.

Hünnekens will die Lokfabrik zum internationalen Zentrum für Neue Medien machen. Ab Herbst wird im Vorderhaus ein neuer Studiengang der Hochschule der Künste eingerichtet. Hünnekens ist Initiator und Hauptsponsor dieses Instituts of Electronic Business, das mit 50 Studenten im ersten Semester beginnen will. "Die Mischung aus Internet-Startups, etablierten Werbeagenturen und Studenten macht die kreative Atmosphäre aus, die wir zur Arbeit brauchen", meint er.

Von dieser Aufbruchstimmung ist in der gesamten Chausseestraße etwas zu spüren. Durch die enge Straßenschlucht rumpeln die Straßenbahnen, auf den Bürgersteigen geht es hektisch zu. Doch es gibt auch eine ganze Reihe von Brachflächen, und bei weitem nicht alle Hinterhöfe oder alten Fabrikgebäude sind saniert. Ähnlich raumgreifend wie Borsigs Lokfabrik sind die Edison Höfe. Ab 1883 ließ Emil Rathenau hier nach Edisons Patent die ersten Glühbirnen herstellen. Später wurde aus dem Betrieb die AEG. Im vergangenen Jahr plante die Copro Concept Immobilien, das mehrere Innenhöfe umfassende Areal zwischen Schlegel-, Chaussee- und Invalidenstraße zu einem funktionierenden Hofensemble auszubauen. Die alten Fabrikgebäude sollen zu Büroflächen für Medienbetriebe und einem Backpacker-Hotel für Berlin-Touristen umgebaut werden. In den begrünten Höfen sind Cafés und Restaurants vorgesehen. Doch von einem Baubeginn ist bislang noch nichts zu sehen.

Auch geplante Neubauten lassen auf sich warten: Das Grundstück Chausseestraße 118-120 liegt seit Jahren brach. Dem Flachbau des ehemaligen HO-Supermarkts fehlen die Scheiben, der Rest des Grundstücks ist zugewuchert. Die Hamburger BPO-Planungsgesellschaft Osterbek will auf der Baulücke ein Büro- und Geschäftshaus errichten. Ein Baustart steht jedoch noch nicht fest.

Martin Puchmayr gibt der Chausseestraße gute Chancen. "Es ist eine gute und günstigere Alternative zu anderen Standorten in Mitte." Die kreativen Mieter in der Lokfabrik werden weitere Unternehmen dieser Branchen anziehen. Die großen Mietgewinne seien dort aber nicht zu erzielen. "Viel mehr als 25 Mark pro Quadratmeter sind kaum drin."

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