Zeitung Heute : Kreative Kopfgeburten

Helena Ahonen fertigt Hüte auf Wunsch an. Jetzt sind ihre Kreationen und Fotografien des Arbeitsprozesses in den Nordischen Botschaften zu sehen

Jens Hinrichsen

Die Melone: Eben ruhte sie noch auf dem Huthalter, jetzt sitzt sie auf dem Kopf ihres potenziellen Besitzers. Passt. Aber Herr und Hut müssen sich auch vertragen. Und dieser Kunde, etwa Mitte dreißig, schüttelt den Kopf. Er will nicht wie ein britischer Diplomat aussehen. Seine Freundin kichert. Helena Ahonen kräuselt die Stirn und dreht sich zur „Männerwand“ ihres Hutgeschäfts, um mit einem Rohrstock ein sportlicheres Modell aus dem Sortiment zu angeln, das dem Kunden schließlich auch gefällt. Aber was soll seine Freundin nehmen? Die rote Filzkappe mit den langen Bändern? Etwas Frühlingswindleichtes aus Stroh? Dass Frauen im Friedrichshainer Laden „Dazu“ eher die Qual der Wahl empfinden als Männer, verwundert nicht. Für sie ist die Auswahl bei Helena Ahonen weniger konservativ, bunter, vielfältiger.

„Ich will nicht, dass alle Leute mit demselben Hut herumlaufen“, stellt die zierliche Schwedin fest, die als gelernte Hutmacherin alle Hüte im Sortiment selbst gestaltet. Ihr Stil ist einfallsreich, eine Spur skandinavisch-introvertiert und scheint für den pompösen Auftritt beim Pferderennen im britischen Ascot kaum geeignet. Dennoch spricht diese Mode Individualistinnen an: „Wer Hut trägt, zeigt Charakter“, sagt Helena Ahonen, „und widersetzt sich der Uniformität.“

Rund 20 selbstständige Hutdesignerinnen arbeiten in Berlin. Sie haben es nicht gerade einfach in einer Branche, die seit dem Einbruch Ende der Sechzigerjahre – Hutträger- und -trägerinnen galten plötzlich als konservativ oder gaga – ein Nischendasein führt.

Helena Ahonen empfindet das als Vorteil. Statt hektischer Laufkundschaft in Berlin-Mitte setzt sie in der Gegend um den Boxhagener Platz in Friedrichshain auf Stammkundinnen, denen sie Wunschhüte sozusagen auf den Kopf schneidert. Doch auch bei Männern wächst die Nachfrage: Kürzlich fertigte Helena Ahonen einen Cowboyhut mit Leopardenmuster an. Der Mann war glücklich, „aber seine Frau wurde kreideweiß vor Schreck“, berichtet die Hutmacherin. Apropos Cowboy: Das Kino ist eine wichtige Inspirationsquelle für Ahonens Klientel. Neulich hat sie Gene Hackmans Borsalino-Hut aus „French Connection“ auf Video studiert, um ihn für einen Kunden nachzuarbeiten. Dabei fiel ihr auf, wie individuell verknautscht Hackmans Kopfputz war. Ein wichtiges Merkmal der innigen Verbindung zwischen Lieblingshut und Träger: Im Zusammenleben formt sich der Charakter.

Ortstermin in Helena Ahonens Atelier in Prenzlauer Berg. Holzköpfe in allen Maßen ersetzen lebende Modelle, daneben stapeln sich in Cellophanwölkchen gebettete Neuschöpfungen. Gluckernd pustet ein Dampfgerät einen heißen Nebelstrahl in die Werkstattluft. Helena Ahonen hält einen schwarzen Filzhut darunter, um ihn in Form zu bringen. Ob Stoff, ob Stroh – die Wasserdampfbehandlung ist ein Muss für jeden Hutmacher, um dem Werkstück die Ecken und Kanten beizubringen. Erst dann kommen Hutband, Pfauenfeder oder Strassverzierung an die Reihe. „Manchmal habe ich den Hut vorher komplett im Kopf, dann wieder improvisiere ich“, erzählt Helena Ahonen.

Wie prozesshaft ihre Kreationen häufig entstehen, das schildern die Schwarzweißfotos von Heidi Scherm, die sich nun mit elf fantasievollen Ahonen-Hüten im „Felleshus“ der Nordischen Botschaften begegnen. Man muss zwei Mal hinschauen, um in den lose aneinander gesteckten Stoffstücken auf der Fotografie die orientalisch anmutende Kopfbedeckung in der Ausstellung wiederzuerkennen: Ahonen hat sie dem Fez nachempfunden, dem osmanischen Hut, dem eine rote Stoffrose den letzten Pfiff gibt. Hier wie bei den meisten anderen Schaustücken arbeitet Ahonen neben Seide oder Leinen mit einem schleierartigen Material namens Sinamay. Im Zusammenspiel mit den glänzenden Stoffen, die darunter hervorscheinen, ergeben sich geheimnisvolle, fast erotische Wirkungen: Ein raffiniertes Spiel zwischen Verbergen und Enthüllen. Um Ahonens Turbangebäude aus grün-rot schillernder ChangeantSeide laufen Stoffstreifen herum, wie Serpentinenstraßen den Berg umkreisen. Ein Hut, der sich selbstbewusst in die Höhe schraubt und seine stolze Trägerin sicher finden wird.

Hutladen „Dazu“, Kopernikusstraße 14, Friedrichshain.

Ausstellung „Hut im Quadrat“, bis 15. Mai im Felleshus, Nordische Botschaften, Rauchstraße 1, Tiergarten.

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