Zeitung Heute : Kreativität ist weiblich

Ein Forschungsprojekt soll klären, warum so wenig junge Frauen technische Berufe wählen

Sybille Nitsche

Es gibt die Geschichte einer Bauingenieurin, die nur aus einem einzigen Grund zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, weil der Chef wissen wollte, wie eine Frau aussieht, die diesen Beruf gewählt hat. Dies war Ende der 70er Jahre. Zwar sind Frauen in den technischen Berufen mittlerweile keine Exotinnen mehr. Dennoch sind nur elf Prozent aller berufstätigen Ingenieure in Deutschland weiblich. „Im internationalen Vergleich nehmen Frauen hierzulande an den Innovationsprozessen kaum teil“, sagt Martina Schraudner. „Das verhindert nicht nur Neuerungen, es entpuppt sich vor allem als enormer Wettbewerbsnachteil.“

Martina Schraudner leitet ein Forschungsprojekt an der TU Berlin, in dem geklärt werden soll, welche Rahmenbedingungen gelten müssen, damit es einerseits für Frauen attraktiv ist, sich in der Forschung zu engagieren, und welche Faktoren andererseits die Institute und Unternehmen dazu bewegen, das Wissen der Frauen auszuschöpfen. Das Vorhaben „Gender-Chancen: Nutzung des Potenzials von Frauen im Innovationssystem“, an dem auch verschiedene Institute der Fraunhofer-Gesellschaft beteiligt sind, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert. „Wir werden zunächst in ausgewählten Unternehmen das Umfeld für die Forschung analysieren“, sagt Schraudner, die Biologie und Biotechnologie studierte und zurzeit als Gastprofessorin das Fach Qualitätswissenschaft lehrt. Anhand von Patentanmeldungen sollen dann Wissenschaftlerinnen in bestimmten Disziplinen ausfindig gemacht werden, die mit ihren Erfindungen in den Innovationsprozess eingestiegen sind. „Diese Frauen wollen wir zu ihrem Arbeitsumfeld befragen“, sagt Schraudner. „Wir wollen wissen, wie Arbeits-, Organisations- und Entscheidungsstrukturen gestaltet sein müssen, damit Frauen im Innovationssystem erfolgreich sein können.“ Das Ziel ist es, eine Materialsammlung zu erstellen, um das kreative Potenzial in der Gesellschaft bestmöglich zu nutzen.

Schließlich soll verhindert werden, dass Produkte entwickelt werden, die nur teilweise funktionieren. Ein Beispiel ist jenes berühmt-berüchtigte Spracherkennungssystem, das immer bei Frauen versagte. Mit hohen Stimmlagen war es einfach überfordert. Sybille Nitsche

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