Zeitung Heute : Kreischende Libido

Von Martin Kilian

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Von der Bar des heimeligen Restaurants „C&O“ in Charlottesville im Staat Virginia grüßt mich der Anwalt Benjamin Dick, wie immer souverän auf seinem Stammbarhocker thronend. Ob ich von seinem Fall im Landkreis Caroline östlich von Charlottesville gehört habe, will der Anwalt wissen.

Ein Mord!

Und alles wegen eines „Bullen im sexuellen Overdrive“, sagt er. Meiner Seel! Eine amerikanische Moritat, voll ländlichen Dramas und blauer Bohnen!

Anwalt Dick vertritt den des Mordes Beschuldigten, einen begüterten Juristen und Viehzüchter namens John Ames, der ziemlich alles verkörpert, was der von ihm ermordete Nachbar Perry Brooks nicht verkörperte. Mit seinem Zaster erstand Ames ein historisches Gut in Caroline County, um dort edles Angus-Vieh zu züchten. Reinrassige Kälber bringen bis zu 35000 Dollar, penibel geht Züchter Ames daher mit Embryonen und Samen um.

Tatsächlich habe nichts die Geschäfte des noblen Viehherrn mehr geschädigt als „verunreinigte Blutlinien“, sagt Anwalt Dick. Ames’ Herde unterlag mithin einer Art von viehischem Gotha – jede Besamung durch einen nicht standesgemäßen Bullen war ein unerhörter Frevel mit schwerwiegenden finanziellen Folgen.

Ames’ Nachbar Perry Brooks hingegen scherte derlei Pingeligkeit nicht. Brooks war ein kleiner Farmer mit einer plebejischen Viehherde, als deren Haremsherr ein 900 Kilo schwerer Bulle fungierte. Die Nachbarn stritten seit Jahren wegen eines von Ames errichteten Zauns, der die beiden Anwesen trennte. Wiederholt hatte Brooks Bulle, ein proletarischer Kraftmeier, die anderthalb Meter hohe Absperrung durchbrochen, um die adligen Kühe von Züchter Ames zu beglücken.

Der Gutsherr klagte und klagte – Anwalt Dick stand ihm treu zur Seite – , doch eskalierte die Situation derart gen Wildwest, dass der Gutsherr sich eine Kanone vom Kaliber 9mm sowie zeitweilig einen mit Gewalt jeglicher Art vertrauten Ex-Angehörigen der Sonderkräfte der amerikanischen Armee als Begleitschutz zulegte.

Am dritten Wochenende im April 2004 – Anwalt Dick nimmt einen tiefen Schluck, meine Erwartung steigt – habe Perry Brooks sexbesessener Prolo erneut den Zaun plattgewalzt und sei mit kreischender Libido unter die Kühe von Züchter Ames gefahren. „Ein unglaubliches Tier“, sagt der Anwalt. Es klingt bewundernd.

Jedenfalls fing Züchter Ames den Eindringling und steckte ihn in einen Stall. Tags darauf kam Perry Brooks, dem das Betreten des Ames’schen Edel-Gehöfts von Gerichts wegen untersagt war, mit zwei Helfern, um den Bullen wieder nach Hause zu treiben.

Dabei, so Anwalt Dick, habe sich eine tragische Konfrontation ereignet, bei der Brooks drohend einen Hirtenstock geschwungen und Ames nach Gutsherrenart seine Schusswaffe gezogen habe. Gleich sechs Mal habe der Schütze abgedrückt und den leidigen Nachbarn, konstatiert Anwalt Dick lapidar, „vollgepumpt“. Nun soll der Anwalt verhindern, dass Ames wegen „Mord ersten Grades“ 20 Jahre eingebuchtet wird – kein einfacher Job, da der Züchter im Landkreis Caroline höchst verhasst ist.

Als Anwalt Dick neulich das Kreisgericht aufsuchte, erwartete ihn „extrem dicke Luft“. Man mag weder ihn noch seinen Klienten, der Dick zu Folge „von Albträumen und Schlafstörungen“ geplagt wird. Dabei sei er überhaupt nicht schuldig. Schließlich habe Perry Brooks seinen Klienten mehrmals bedroht. Auch habe der Verschiedene, fügt Anwalt Dick hinzu, „Oberarme wie Popeye“ gehabt – was bekanntlich vom Verzehr gewaltiger Mengen Spinats herrührt.

Anwalt Dick hofft, dass der Prozess nicht in Caroline County stattfinden wird, „wo eine faire Verhandlung unmöglich geworden ist“. Der Bulle aber, der so viel Unglück über Perry Brooks und John Ames gebracht hat und dessetwegen Anwalt Dick Brot und Arbeit hat, wurde nach der Bluttat sofort in einen Schlachthof im nahen Fredericksburg gebracht. Das hat er von seiner Geilheit.

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