Zeitung Heute : Kreta übt sich im Fortschritt - mit guten und mit schlechten Aussichten

Horst Schwartz

Manolis Yalitakis hat ein Problem. Er ist zwar stolzer Manager einer der architektonisch innovativsten Ferienanlagen in Griechenland. Aber wenn Dionysos Village in der Nähe der ostkretischen Stadt Sitia in diesen Tagen eröffnet, hat er noch keinen einzigen Kontrakt mit einem europäischen Reiseveranstalter in der Tasche. Wie er die 900 Betten der Villen und Studios füllen wird, weiß er nicht. Die "vielen Veranstalter-Kontakte", auf die er verweist, zählen nicht in diesem Geschäft. Die bonbonbunte Anlage mit stilistischen Anleihen bei Minoern und Venezianern hat zwei Wettbewerbsnachteile: Sie ist weit vom Schuss gebaut worden, und sie hat keinen Strand.

Dionysos Village liegt ganz im Osten der Insel, fünf Kilometer östlich von Sitia. Das bedeutet für Gäste lange Transferzeiten vom Flughafen Heraklion aus, was deutsche Veranstalter bislang sowieso davon abgehalten hat, Ostkreta im größeren Stil ins Programm zu heben. Das kann sich allerdings schlagartig ändern, denn der Flughafen Sitia wird zum internationalen Airport ausgebaut, die Bauarbeiten an den Pisten haben gerade begonnen. Die Hoffnung, dass sich Dionysos Village jemals mit einem nennenswerten Sandstrand schmücken kann, ist buchstäblich auf Sand gebaut. Zwar liegt das pittoreske Urlauberdorf direkt am Wasser, aber das Aufschütten größerer Sandflächen wäre unerschwinglich teuer.

Ursprünglich war Dionysos Village als Time-Sharing-Anlage geplant. Doch die Käufer blieben aus. Jetzt versuchen die Bauherren ihr Glück im Pauschaltourismus - wie so viele andere Bauherren auch.

Als gäbe es auf Kreta noch nicht genug Hotels: Insgesamt sind es über 750 mit 88 000 Betten. Dennoch wird weitergebaut, was der Betonmischer hergibt. Da jeder nur halbwegs akzeptable Strand schon vollgebaut ist, wenn er nicht gerade wie die berühmte Bucht mit dem Palmenhain von Vai in archäologischem Gebiet liegt, weichen die Bauherren auf Hügel, Berge und das Hinterland aus. Oder sie klotzen Hotels im pseudoklassischen Stil an Ufer ohne nennenswerten Strand. Die meisten neuen Hotelbesitzer haben vom schwierigen Hotelgeschäft keine Ahnung und wittern nur das große Geschäft. "Die Kreter bauen da, wo sie Land besitzen", sagt Miltiades Despotakis, Besitzer der Reiseagentur Kalamaki im gleichnamigen Ort bei Chania/Westkreta, "sie kümmern sich nicht darum, wo vielleicht für das Hotel ein guter Platz wäre." Das gilt auch für die vielen Appartement-Häuser, die auf Kreta wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie steuern noch einmal 23 000 touristische Betten bei. Manche werden nicht nur ohne vernünftige Planung, sondern auch ohne Rücksicht auf die Nachbarn in die Landschaft gesetzt. So versperrt jetzt den Ferien-Mietern der "Traditional Cottages", aufwändig und originalgetreu rekonstruierte altkretische Wohnhäuser im Südküsten-Dorf Koutsounari, der wesentlich höhere Appartementblock eines neidischen Nachbarn die Aussicht aufs Meer.

Die neuen Hoteliers können mit einer sich rapide bessernden Infrastruktur rechnen. Seitdem die EU Milliarden in das Land pumpt, gibt es auf Kreta keinen größeren Ort und kaum eine halbwegs wichtige Straße, an der nicht große Schilder mit dem EU-Sternenkranz auf große Bauvorhaben und deren Finanziers hinweisen. Manche Baumaßnahme ist sinnvoll, beispielsweise die Ortsumgehung der Touristen-Hochburg Chersonnisos oder die Verbreiterung von gefährlichen Passstraßen. Andererseits scheinen die EU-Mittel nach dem Gießkannen-Prinzip übers Land gestreut zu werden. Da verschönert die Inselhauptstadt Heraklion ihren Hauptplatz, die Platea Eleftherias (Freiheitsplatz), mit Betonbelag und hypermodernen Laternenmasten - was für ein Gegensatz zum alten Platz mit seinen wackligen Bänken, typischen Kiosken, die kleinen Kaufhäusern gleichen, und dem uralten Fotografen, der mit einer ebenso alten Plattenkamera Besucher ablichtete. Oder der Hamam an Chanias Hauptstraße Chalodon: Das Kleinod türkischer Baukunst mit seinen elf kleinen Kuppeln wurde ohne Rücksicht auf den Denkmalschutz modernisiert, um jetzt Souvenirgeschäfte aufzunehmen. Zwar war das kleine türkische Badehaus schon längst zweckentfremdet worden, doch früher verbargen sich hinter schmalen Türen Werkstätten, zum Beispiel eine Glockengießerei.

Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten auf Kreta. Im Eingangsbereich zum deutschen Soldatenfriedhof von Maleme, auf dem 4465 deutsche Soldaten ihre letzte Ruhestätte fanden, können Besucher neuerdings per Computer die Gräber sämtlicher gefallener Wehrmachtssoldaten, falls sie vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut werden, eruieren. Die 10 000 Windmühlen - kleine, mit Stoffsegeln ausgestattete Wasserpumpen -, für deren unvergesslichen Anblick die Hochebene von Lassithi berühmt ist, sind bis auf einen mickrigen Rest durch Elektropumpen ersetzt worden. Und selbst an entlegenen Stellen der Insel wie am Palmenstrand von Vai werden Autofahrer fürs Parken zur Kasse gebeten - mit dem Nebeneffekt, dass jetzt außerhalb der ausgewiesenen Plätze hunderte Meter lange Schlangen parkender Mietautos die Landschaft verschandeln.

Aber der Fortschritt hat auch seine guten Seiten. Die Marktgasse von Heraklion beispielsweise, in der früher Lederwaren neben frisch geschlachteten Hammeln, Obst und Gemüse beim Plastikgeschirr, dazwischen immer wieder Fisch und Fleisch, angeboten wurden, präsentiert sich jetzt aufgeräumter und hygienischer, dafür aber nicht weniger bunt. Überhaupt fällt die neue Sauberkeit auf Heraklions Straßen und Plätzen auf. Eine entsprechende Kampagne der Stadtverwaltung scheint zu greifen. Höhlen wie die von Melidoni, in denen Besucher sich früher nur im Schein von Kerzen oder Taschenlampen vorwärts tasten konnten, sind heute ausgeleuchtet und mit sicheren Treppen, Stegen und Geländern versehen. Die mit Stalagmiten und Stalaktiten besonders prachtvoll ausgestattete Dikti-Höhle oberhalb der Lassithi-Hochebene, die als Geburtsstätte des Gottvaters Zeus gilt, erhielt sogar getrennte Führungsstege für den 60 Meter tiefen Abstieg zum Höhlenboden und den Wiederaufstieg. Auch der Weg hinauf zum Höhleneingang, für den man gut und gern 20 Minuten benötigt, wenn man nicht auf Esel oder Maultier hinaufreitet, wird jetzt vom Abstieg getrennt, um die Besucherströme zu kanalisieren. Nur Eingeweihte denken sich etwas dabei, dass der neue Weg hinunter ins Tal genau bei der Taverne endet, die dem Chef aller Maultiertreiber gehört.

Hielten die Kreter nie etwas davon, ihre vielen Sehenswürdigkeiten zu beschildern, wird jetzt überall auf der Insel mit einheitlichen Schildern auf Kirchen, Klöster oder archäologische Fundstätten aufmerksam gemacht. Dadurch sollen Urlauber beispielsweise auch die Reste kleinerer minoischer oder altgriechischer Siedlungen leichter ausmachen können. Doch fehlen nach dem ersten Hinweisschild häufig weiterführende Schilder, so dass Ausflügler auf der Suche nach der Sehenswürdigkeit umherirren. Oder aber die Beschilderung wird wie bei der antiken Siedlung Polyrrhenia nahe der Stadt Kastelli im Nordwesten Kretas derart inflaziös betrieben, dass ungetrübte Fotos der imposanten Stadtreste unmöglich sind. Wer beim Hinweisschild "Gerani Cave" in freudiger Erwartung die Autostraße von Rethymnon nach Chania verlässt, um eine weitere Tropfsteinhöhle zu besichtigen, findet diese mit einem schweren Eisentor verrammelt, das seit Jahren nicht mehr geöffnet wurde. Der stolze Bilderbuch-Kreter Manolis mit Rauschebart und vollem Wichs, der sich neben der Höhle zum Erinnerungsfoto postiert, tröstet über die Enttäuschung hinweg. Nur noch wenige Männer, von touristischen Folkloretänzern einmal abbgesehen, tragen seine traditionelle Kleidung: bis an die Knie reichende schwarze Stiefel, weite Pumphosen mit durchhängendem Hosenboden, Vraka genannt, Hemd und meist ärmellose Jacke, auf dem Kopf das schwarze Fransentuch. Auch Jannis ist einer von ihnen. Er sitzt im Bergdorf Zenia am Straßenrand und schnitzt hölzerne Löffel, um sie an vorbeifahrende Touristen zu verkaufen. Die Arbeit fällt ihm von Jahr zu Jahr schwerer, die Arme und Hände wollen nicht mehr. Jannis und Manolis verkörpern das alte Kreta und sind selbst alt, uralt. Wenn sie sterben, geht ein Stück Kreta verloren, das auch nicht mit EU-Mitteln ersetzt werden kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!