Zeitung Heute : Kreuz des Südens

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Von Sabine Heimgärtner, Nîmes

Ihre Gegner nennen sie „Madame Clingcling“, weil sie immer so extravagant auftritt. Heute aber hat sich Madame nicht in Schale geworfen. Kein knallrosa Lippenstift, die blondierten Haare untoupiert, zu einem Kleinmädchen-Dutt hochgebunden. Kein Kostüm, kein auffälliger Goldschmuck, sondern schwarze Leggings und ein Ringel-T-Shirt. Die „Eiserne Lady“, wie Florence Berthezene in ihrem Wahlkreis im südfranzösischen Département Gard genannt wird, empfängt ihre Gäste in ihrem Haus in Vauvert, einer Kleinstadt 18 Kilometer südlich von Nîmes und vor den Toren des Naturschutzgebietes Camargue.

Am Sonntag ist die erste Runde der französischen Parlamentswahlen, und seitdem die französische Presse darüber berichtet hat, dass die 50-jährige Kandidatin der rechtsradikalen Partei Front National (FN) beste Chancen hat, mit einem Spitzenwahlergebnis in die Pariser Nationalversammlung einzuziehen, steht das Telefon nicht mehr still: „New York Times“, die britische „Financial Times“ und der „Observer“, die amerikanische Agentur Bloomberg, „die Griechen“, „die Italiener“ und zahlreiche französische Fernsehanstalten wollen Interviews. Die „Ehre“, die prominente Rechtsradikale hautnah zu erleben, ist an diesem Tag nur Deutschland vergönnt, „weil Deutschland ein vernünftiges und befreundetes Land ist“, heißt es zur Begründung, und vielleicht auch, weil Berthezenes Mann als Kind eines französischen Soldaten in Deutschland geboren ist.

„Ich gehöre zur ersten Sahne“

Die Region Gard ist eine heile Welt, auf den ersten Blick jedenfalls. Touristen knipsen Urlaubsfotos mit dem Pont du Gard, mit Flamingos an den Ufern der Sümpfe, Herden weißer Pferde und Stieren, und sie gucken sich in Arles die Hügel an, die van Gogh gemalt hat. Ein Ort für rechtsradikales Gedankengut? So gut gedeiht es hier, dass es die Le-Pen-Anhänger schon lange nicht mehr nötig haben, über ihre Überzeugungen zu diskutieren. Bei den letzten Parlamentswahlen 1997 erreichte die Partei im Wahlkreis 2 knapp 26 Prozent. Und trotz des landesweiten Aufrufs bei der Präsidentschaftswahl Ende April, gegen den Parteichef Jean-Marie Le Pen zu stimmen, erzielte die Front National bei der zweiten Runde mit 32,03 Prozent sogar noch mehr Stimmen als bei der ersten. Im Dörfchen Saint Gilles, nur einen Katzensprung von Vauvert entfernt, votierten sogar 40 Prozent für die Rechtsextremen.

17 Kandidaten konkurrieren nun im zweiten Gard-Wahlkreis gegeneinander, darunter alleine sechs ohne Parteizugehörigkeit, zwei Trotzkisten, zwei Lobbyisten der Jäger und Fischer und etliche Ökologen. Für die Stichwahl am 16. Juni zeichnet sich ein Zweikampf Vereinigte Linke gegen Front National ab. „Ich werde sie alle schlagen“ – da ist sich die eiserne Madame sicher. Stolz sagt sie: „Le Pen traut mir die Aufgabe zu, ich gehöre in der Partei mittlerweile zur ersten Sahne.“

Der 73-jährige Parteichef lächelt im Wohnzimmer von Florence Berthezene gütig-väterlich von einem Plakat auf die vier Mitarbeiterinnen herab, die emsig damit beschäftigt sind, Postwurfsendungen an die 120 000 Stimmberechtigten im Wahlkreis vorzubereiten. Bisher hatte sich die Fischhändlerin Berthezene nur in der Lokalpolitik engagiert. In Vauvert ist sie schon seit Jahren mit drei weiteren Parteikollegen Mitglied des Gemeinderates. „Ich bin eine Frau aus dem Volk“, sagt sie. Jeder kennt sie, bei den meisten ist sie beliebt.

Das Wahlprogramm von Madame Clingcling passt auf eine DIN-A4-Seite. Eine knappe Zusammenfassung der Grundsätze Le Pens, die bei den Präsidentschaftswahlen vor einem Monat die Menschen in ganz Frankreich auf die Straße getrieben haben: Nein zu Europa, Nein zu unkontrollierter Zuwanderung, Nein zu noch mehr Kriminalität. Geschickt hat Berthezene die rechtsextremen Thesen mit Lokalkolorit versehen. „Die Europäische Union hat dazu geführt, dass wir nicht mehr Herr im eigenen Haus sind, mit desaströsen Folgen für unsere Region“, heißt es im FN-Programm für die Weinregion Gard. „Dreiviertel der Weinanbaugebiete mussten nach den EU-Quoten stillgelegt werden, von vier Weinbauern hat nur einer überlebt“, wettert Berthezene. „Und was findet man heutzutage im Supermarkt? Weine aus Australien, Kalifornien, Italien und Deutschland.“

Die EU ist an allem schuld. Das denkt auch Etienne Mourrut. Er kandidiert für die „Union für die Präsidentenmehrheit“, UMP, eine Einheitspartei des konservativen Lagers rund um den wiedergewählten Präsidenten Jacques Chirac, die nach dem Überraschungssieg von Le Pen im April gegründet wurde. Die UMP soll eine Waffe gegen die FN sein, aber auch gegen die Sozialisten, die noch auf einen Revanche-Sieg bei den Parlamentswahlen hoffen. Mourrut schlendert gemächlich über den Wochenendmarkt im historischen Zentrum von Vauvert, wo es Käse aus der Region gibt und hausgemachte Wurst, außerdem heimischen Spargel, der jetzt Mourrut dazu dient, das Europa-Problem zu erklären. Länder wie Spanien und Griechenland hätten mit billigen Arbeitskräften aus dem Kosovo und aus Polen die Marktführerschaft übernommen und damit den einst großen deutschen Absatzmarkt für Spargel der Gard-Region zerstört. „Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig“, klagt Mourrut. Oder die geplante EU-Fischereireform, die mit dem drastischen Abbau der Fischereiflotte Südfrankreich ebenfalls hart trifft. Und dann wollen sie womöglich auch noch die traditionellen Stierrennen verbieten, „weil es schon ein paar verletzte deutsche Touristen gab“. Trotzdem gibt sich Mourrut diplomatisch: „Wir müssen Lösungen suchen, aber wir sollten nicht mit den Wölfen heulen.“

Die Wölfe, das sind die Rechtsextremen, und sie haben ein leichtes Spiel, nicht nur in der Landwirtschaft. Wie überall in Frankreich wird auch im Wahlkreis Nummer 2 erbittert über Kriminalität, Unsicherheit, Randale und Vandalismus diskutiert, immer im Zusammenhang mit den vielen Einwanderern. „Wir sind praktisch in der Hand von Maghrebinern. Am gefährlichsten ist die jüngste Generation. Die jungen Marokkaner und Algerier hassen uns Franzosen, zünden unsere Autos an und attackieren die Leute auf offener Straße“ – so fasst es die Le-Pen-Kandidatin Berthezene zusammen. Obwohl die Kriminalitätsrate in Vauvert im vergangenen Jahr gesunken ist und der Ausländeranteil in der 10000-Einwohner-Stadt mit 20 Prozent niedriger liegt als in den meisten französischen Problemvierteln, hat sich der Eindruck festgesetzt, dass Vauvert und die Dörfchen drumherum von Verbrechen aller Art bedroht sind. 47 Prozent der Bevölkerung fühlen sich unsicher, 37 Prozent der Einheimischen haben auch am helllichten Tage Angst, wenn auf der Straße mehr als zwei Jugendliche auf einmal auftauchen, und 79 Prozent befürchten, Opfer von Autodiebstählen zu werden.

„Ich habe keine Angst, nicht einmal vor meinem Schatten“, sagt die FN-Kandidatin Berthezene zwar kokett, aber sie wäre in der falschen Partei, würde sie die allgemeine Panik im Wahlkampf nicht kräftig ausnutzen. Der Eingang zu ihrem Bungalow ist mit einem Wohnwagen verrammelt, und dazu erzählt sie folgende Geschichte: 60 arabischstämmige Jugendliche hätten sie in ihrem Privatauto in der Nachbarstadt Nîmes mit Steinen beworfen. Seitdem: „Kein Wahlkampf mehr in den Wohnvierteln, viel zu gefährlich!“ Berthezene schüttelt sich vor Abscheu und beteuert kurz darauf: „Ich bin keine Rassistin, ich bin auch nicht gegen Einwanderer, die sich integrieren wollen, aber sie wollen ja nicht, tragen den Schleier, spielen ihre laute Musik und arbeiten nicht.“

Ein Klima des Hasses

Die Mischung aus Unsicherheit und Ausländerhass macht vor allem den Sozialisten zu schaffen. Im Wahlkampf versuchen sie, die Themen Kriminalität und Einwanderer getrennt zu diskutieren. „Alles andere schafft ein Klima des Hasses und treibt den Rechtsextremen noch mehr Wähler in die Arme“, argumentiert Guy Roca, der sozialistische Bürgermeister von Vauvert. Braun gebrannt, weißes Hemd, aufgeschlossen und jung – er ist ein strahlender Kandidat und steht doch auf verlorenem Posten, wenn er für Jugendcafés Werbung macht, für Sozialarbeiter auf den Straßen und freundliche Polizisten in Zivil.

Den Hauptgrund für die Unzufriedenheit sieht Roca in einem tief verwurzelten Konservatismus. „Die Bevölkerung der Camargue ist grundsätzlich gegen alle Fremden, man will unter sich bleiben, selbst die vielen Franzosen aus dem Norden, die hierher ziehen, weil die Landschaft so schön ist und das Klima so mild, oder auch nur Urlaub machen, sind nicht willkommen.“ Schon in den 60er Jahren hatte die Fremdenfeindlichkeit im Gard Tradition. Damals waren es spanische Erntehelfer, die die Wut der ansässigen Franzosen provozierten. Und aus dem Jahr 1893 ist überliefert, dass im Hafen von Aigues-Mortes, dem bekanntesten Ort der Camargue, 20 Italiener ertränkt wurden, weil sie den französischen Einheimischen angeblich ihr Brot weggegessen hatten. Für die Parlamentswahlen wagt keiner, Prognosen abzugeben.

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