Kreuzberg und der Tag der Arbeit : Die Tanzlehrerin

1. Mai – kann man die Gewalt wegfeiern? Nicht ganz, aber Silke Fischer hat es beinahe geschafft

Ariane Bemmer

Es ist schon morgens richtig warm, warum ist das Wetter immer gut am 1. Mai in Berlin? Silke Fischer stoppt abrupt: Und warum stehen hier vier Generatoren? Sie telefoniert. Im Ohr den Hörer, das Mikro hängt unterm Kinn, sie kneift die Augen gegen die Sonne zusammen. Wann müssen die Generatoren an welcher Bühne sein? Yüksel weiß das, er macht die Technik. Andere machen Bühnenprogramm und Aufbau. Bei Silke Fischer läuft alles zusammen. Sie winkt vier Jungen ran, die sollen auf die Generatoren aufpassen. Sie muss das T-Shirt-Problem lösen.

Ihr Areal sind fünf Straßen und drei Plätze, immer ist Silke Fischer unterwegs, eine schmale blonde Frau, die in ihren Surfersandalen schnelle kleine Schritte macht. Auch noch am frühen Sonntagabend, als das Gedränge schon ganz dicht ist – die Polizei spricht von 15000 Besuchern –, scheint sie an den Bühnen mit den Bands vorbeizufliegen, sie ist überall zur gleichen Zeit, wie ein Geist.

Silke Fischer ist die Chefin des Fests, und jeder kommt mit seiner Frage zu ihr. Die Ordner wollen endlich ihre bedruckten T-Shirts, der Familienvater, der Tee verkaufen will, braucht Strom, und ein Polizist am Mariannenplatz sagt ihr, sie solle die Straße absperren.

Das dritte Myfest in Berlin-Kreuzberg, das bisher größte. Es soll am 1. Mai die Gewalt raushalten aus dem Bezirk. Silke Fischer plant das Fest seit Monaten. Immer wieder rufen Leute „Silke!“, einige umarmt sie, allen sagt sie: „Dann wollen wir uns mal Glück wünschen.“ Sie ist erst froh, wenn alles vorbei ist.

Sie läuft weiter. Die T-Shirts. Dunkelgrüne für die Ordner, hellgrüne für die vom Aufbau, es gibt auch rote, aber die sagen nichts. Mit der Polizei ist abgesprochen: Nur die mit grünen sind unsere Leute. Für später, falls es doch Krawall gibt. Aber jetzt ziehen die Ordner auch rote T-Shirts an, weil es nicht genug grüne gibt. Ali, der Chef der Ordner, ist sauer. Er ruft immer wieder an. Silke Fischer sagt, er könne sie ja morgen zusammenschlagen, heute soll er sich beruhigen.

Bis halb zwölf Uhr mittags ist ein Hubschrauber über den Straßen gekreist, hat laut geknattert. Silke Fischer hat nachgefragt, ob der mal verschwinden kann. Bei Bernhard Kufka, dem Einsatzleiter der Polizei, der ist mit Kollegen im Schlenderschritt unterwegs. Kufka hat sich auch geärgert über den Hubschrauber. „Der macht die Leute nur unruhig“, sagt er. Drin saß der Bundesgrenzschutz.

Als Silke Fischer mit Kufka im Häuserschatten steht, hält ein langhaariger Mann im offenen karierten Hemd auf dem Fahrrad an. Er ist betrunken. Er guckt von Silke Fischer zu den Männern in Uniform und sagt: „Befriedung.“ Anklagend, verächtlich. Sekundenlang fixiert er sie, die Kreuzbergerin und die Polizisten. „Ja, genau“, sagt Silke Fischer zu ihm, Befriedung. „Das ist doch Scheiße“, sagt der Mann und seine rot geränderten Augen werden feucht. Kreuzberg gegen die Polizei, muss es doch heißen. Stattdessen Kreuzberg mit der Polizei? „Schlaf dich aus“, sagt Silke Fischer zu dem Mann und klopft ihm auf die Schulter, als er schaukelnd davonradelt.

Silke Fischer kam 1981 aus Westdeutschland nach Berlin, voll rein in die Kreuzberger Hausbesetzerszene, in der Polizisten Bullen waren und der Staat Scheiße. Sie ist heute 45 Jahre alt und Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, sie hat wilde Jahre miterlebt und auch die Angst der Anwohner vor den Mai-Krawallen. „Jahrelang haben wir hier stillgehalten.“ Bis die Idee mit dem Fest kam.

Aber kann man Gewalt wegfeiern? 1999 hat Silke Fischer mit anderen ein alternatives Quartiersmanagement auf die Beine gestellt. „Das Wunder von Kreuzberg“ – der Bezirk sollte wegkommen von seinem schlechten Image. 1999 wurden bei den 1.-Mai-Krawallen 139 Beamte verletzt und 239 Menschen festgenommen. Trotzdem: Das Wunder von Kreuzberg hat Türen geöffnet, Anwohner fingen an, miteinander zu reden. Jetzt, beim dritten Myfest, seien endlich auch viele Migranten dabei.

Ein Auto parkt vor dem Jugendklub Naunynritze, Bierkisten im Kofferraum. Habt ihr Becher?, fragt Silke Fischer. Sie fragt das immer wieder. Den Kneipenwirt, der auf der Straße Bierpaletten stapelt, den Anwohner mit seinem kleinen Stand. Wer keine Becher hat, fliegt raus. Keine Flaschen, keine Büchsen. Man kann damit werfen, und wer Sachen zum Werfen verkauft, ist Teil des Problems. „Das müssen die mal begreifen“, sagt sie. Und sie bleibt dabei immer freundlich. Wenn sie nicht das Myfest organisiert, arbeitet Silke Fischer im Kulturamt von Friedrichshain-Kreuzberg. Sie sagt, das wisse hier kaum einer. Es sei aber praktisch, weil man so ein Fest nicht ohne das Bezirksamt organisiert könne.

Zwischen den Häusern 34 und 171 ist hoch über der Oranienstraße ein großes Transparent gespannt. Es hat sich um sich selbst gewickelt, man kann es nicht lesen. In Augenhöhe klebt: „Krieg, Hartz IV, Abschiebung, Armut – eure Party machen wir nicht mit.“ Alle sollen um 18Uhr zum Oranienplatz kommen, zum „Revolutionären 1. Mai“. Diese Demo wurde vor drei Tagen abgesagt. Ihre Teilnehmer wollen trotzdem stören.

Silke Fischer glaubt nicht, dass ihr Fest ohne Krawall zu Ende geht. Sie sagt: Es wäre schon schön, wenn es weniger wird. Jedes Jahr ein bisschen weniger Stress, ein bisschen mehr Spaß.

Sie trägt einen Stapel T-Shirts, die Jungs und die Ordner stehen um sie rum, wie um den Mann mit den Ültje-Nüssen aus der Werbung. Einer regt sich auf, weil er ein XL-Shirt hat und sein Kumpel eins in XXL. Silke Fischer lacht. Klar, die nerven mit ihren blöden T-Shirts. Aber das zeige doch auch, dass sie hier dazugehören wollen. Das ist doch super, sagt sie.

„Steht auf, für das, was ihr liebt“, rappen türkische Mädchen auf der Bühne in der Mariannenstraße. Und als dann, um halb sieben, doch passiert, was Silke Fischer befürchtete, als sich nämlich ein schwarzer Block durch das Gedränge schiebt, singen sie ihre Kreuzberg-Hymne nur noch lauter. Und die Schwarzen bleiben, erst einmal, stumm.

Es wird dunkel, und die Anspannung wächst. Rangeleien hier, kleinere Schlägereien dort. Gegen 21 Uhr entschließt sich Silke Fischer, zwei Bühnen in der Oranienstraße abbauen zu lassen. Sicher ist sicher. Die Nacht ist noch lang.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar