Zeitung Heute : Kreuzberg, wie es singt und labert

MAXIM GORKI THEATER Milan Peschel bringt „Der kleine Bruder“ von Sven Regener auf die Bühne – und entführt in das Berlin der Punks und Hausbesetzer.

PATRICK WILDERMANN

Das Postsparbuch ist geplündert, die Heimat Bremen liegt schon weit zurück. Jetzt jagen sie in völliger Nachtschwärze mit ein paar hundert Mark in der Tasche im klapprigen Kadett über die Transitstrecke. Das Ziel: ein neues Leben. In Berlin, der gelobten Stadt. Frank Lehmann und sein Mitbewohner Wolli suchen in Sven Regeners Roman „Der kleine Bruder“ im Jahre 1980 das Glück auf der Insel West-Berlin. Und landen mitten im alternativen Kreuzberger Paradies der Punks, Hausbesetzer und Künstler.

Der Schauspieler Paul Schröder kämpft auf der Bühne gerade mit einem Auto, das in seine Einzelteile zerfällt, Türen und Dach purzeln ihm entgegen, aus dem Dunkeln feuert sein Regisseur Milan Peschel ihn übers Mikrofon an: „Ja, super, so’n Mist, denkste dir!“ Er hat merklich Spaß an dieser Probe, es hält ihn kaum auf dem Sitz.

Von Westalgie keine Spur

Wenig später, während er im Garten des Gorki-Theaters fotografieren wird, sagt Peschel, es jucke ihn während der Arbeit fortwährend in den Fingern, selber mitzuspielen. Er lächelt verschmitzt. Im Moment hält er die Rollen sauber getrennt. Hier Peschel der Schauspieler, der an der Volksbühne durch fünfstündige Castorf-Abende tobt und vor der Kamera momentan gefragter ist denn je. Dort Peschel, der Theaterregisseur, der sich gerade den letzten Teil der „Herr Lehmann“-Trilogie des „Element of Crime“-Sängers Regener in eigener Fassung vorgenommen hat. Ein Buch, das mit sanfter Spottlust und großem Bierdurst die guten alten Vorwendetage in Kreuzberg 36 heraufbeschwört.

Ein Fall von Westalgie? Davon will Peschel nichts hören. „Mich hat schon beim Lesen vieles an meine eigene Jugend in den 80er Jahren in Ostberlin erinnert“, hält er dagegen. „Letztlich hat man in Kreuzberg ja auch im Schatten der Mauer gelebt.“ Peschel, Jahrgang 68, erzählt, er sei nicht zuletzt übers Radio und Fernsehen stets dicht dran gewesen am Westen und seiner Musikszene. Seine Lieblingsband mit 13 war „Ideal“, die Trennung der Gruppe habe ihn schwer mitgenommen, damals. Auch die rauchzarten Balladen von „Element of Crime“ kannte er bereits seit Mitte der 80er Jahre – damals gab die Regener-Band zusammen mit der ostdeutschen Formation „Die Firma“ ein Konzert in der Zionskirche, das brutal von Skinheads aufgemischt wurde. Man vermutete später, dass die Stasi dahintersteckte. Peschel und seine Freunde schafften es gerade noch rechtzeitig, sich aus dem Staub zu machen.

Der Regisseur will mit dieser Inszenierung allerdings nicht die alten Platten auflegen. Es geht ihm weniger um den süßen Vogel Jugend als vielmehr um die Wehmut des Erwachsenwerdens. Er hat die Rollen – bis auf den Part des Frank Lehmann – bewusst älter besetzt als im Buch. Mit Schauspielern wie Ronald Kukulies als Künstler Karl oder Peter Kurth als Kneipenkönig Erwin. „Was ist aus diesen Leuten geworden?“ war eine Frage, die immer mitschwang. Regener deutet es ja in den Büchern mit den knapp bemessenen Zeitspannen an: Manche werden aufbrechen. Andere bleiben am Tresen hängen. „Jeder kennt irgendwen, der sich totgesoffen hat, der einfach nicht mehr da ist“, sagt Peschel. Die Sehnsucht nach Freiheit, aber auch die Tristesse des Scheiterns will er zutage treten lassen. Und betont im gleichen Atemzug: „Ich bin niemand, der mit starrem Konzept an die Arbeit geht.“

Wenn Peschel es als Schauspieler bislang mit Romanadaptionen zu tun hatte, dann waren das Kaliber wie Dostojewski oder Tolstoi. Genügt es ihm, mit einem solchen Stoff vermeintlich nur eine Geschichte zu erzählen? „Klar reicht das“, gibt er lakonisch zurück. „Die Frage ist nur, wie man sie erzählt.“ Die Grenze zwischen Pop und Tiefe lässt er jedenfalls nicht gelten. „Man muss eben schauen, was man von einem Genre ins andere transportieren kann.“ Entsprechend breit ist mittlerweile auch das Spektrum an Rollen, die er vor allem im Kino angeboten bekommt. Da schien er vor wenigen Jahren noch auf den Part des sympathischen Losers mit Alkoholproblem abonniert, wie in Robert Thalheims „Netto“. „Ist ja immer so, muss man sich erst erarbeiten“, sagt er und zuckt die Achseln. Alles keine große Sache.

Glück und Schrecken

Heute bedient Peschel selbstverständlich die leichte Unterhaltung in der Kerlekomödie „What a Man“ seines guten Freundes Matthias Schweighöfer, mit dem er gerade auch das Buddymovie „Schlussmacher“ dreht. Und glänzt daneben als todkranker Familienvater in Andreas Dresens Drama „Halt auf freier Strecke“. Eine sensationelle Leistung, die ganze Kinosäle zu Tränen rührte. Für Peschel war der Dreh schlicht „ein Glück“, bei aller Schwere des Themas.

Fragt man ihn, ob er zuletzt auch mit seinen eigenen Regiearbeiten erreicht habe, was er wollte – etwa mit der Carl-Sternheim-Trilogie „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“ in Hannover – entgegnet er auf typische Peschel-Art: „Es ist ja nicht so, dass ich mir Ziele setze, die ich erreichen muss.“ Und schwärmt stattdessen von der Begegnung mit einem Schauspieler wie dem Lars-von-Trier-Recken Jens Albinus, mit dem er in Aarhus gearbeitet hat. „Ich gehe jedes Mal gerne zu den Proben, auch jetzt wieder“, sagt Peschel, was man sofort glaubt. Auch wenn ihm das Stillsitzen schwerfällt. PATRICK WILDERMANN

Premiere 1.4., 19.30 Uhr

Vorstellungen 5., 17. und 30.4.

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