Zeitung Heute : Kreuzberger Nächte sind bang

Berlins Polizeipräsident Glietsch ist bei den 1.-MaiDemonstrationen in Kreuzberg angegriffen worden. War es überhaupt nötig, dass er sich vor Ort blicken ließ?

Jörn Hasselmann

Nein, Angst, Angst habe er nicht gehabt, sagt Berlins Polizeipräsident Glietsch am Freitagmittag. 15 Stunden zuvor war er in Kreuzberg aus einer Demonstration heraus von Autonomen angegriffen worden. Nur mit Mühe gelang es seinen beiden Personenschützern und anderen Beamten, den 61-Jährigen aus der Gefahrenzone in einen Mannschaftswagen zu bringen – Steine, Flaschen, Stühle und ein Fahrrad wurden ihm hinterhergeworfen. Die Attacke auf Dieter Glietsch ist wohl das bemerkenswerteste Ereignis des diesjährigen 1. Mai in Kreuzberg gewesen.

Auf die Frage warum sich ein Polizeipräsident überhaupt mitten in die Demonstrationen und damit in eine Gefahrenlage begeben muss, antwortet Innensenator Ehrhart Körting: „Führungskräfte müssen sich selbst ein Bild von der Lage machen.“ Auch Glietsch betont, dass nicht das Opfer zum Täter gemacht werden dürfe: „Die schlichte Präsenz, egal ob von Polizisten oder vom Präsidenten, darf nicht als Provokation gewertet und zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht werden.“ Seit sechs Jahren ist Glietsch in Berlin, seit sechs Jahren hat er den 1. Mai in Kreuzberg vor Ort verfolgt – immer dicht dran, „ohne dass das jemals zu Unmutsäußerungen führte“, wie er sagt.

Es geschah am Donnerstag gegen 21 Uhr auf dem Lausitzer Platz. Glietsch hatte mit seinen Personenschützern und dem Einsatzleiter gerade die Skalitzer Straße überquert, als mehrere Fotografen auf ihn aufmerksam wurden. Die Blitzlichter weckten das Interesse der „Revolutionären 1. Mai-Demo“. Und dann sei es zur Sache gegangen, berichtet Glietsch. Den Fotografen macht er keine Vorwürfe. Immerhin waren die Randalierer erst durch sie auf den Polizeipräsidenten aufmerksam geworden.

Dennoch muss sich Glietsch nun Kritik gefallen lassen. Kreuzbergs Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) sagt, Glietschs Verhalten sei „leichtsinnig“ gewesen. Er und seine Leute hätten die Lage völlig verschätzt. Das dementiert die Polizei. „Ich musste damit nicht rechnen“, sagt Glietsch. Verletzt wurde bei der Attacke am Lausitzer Platz niemand, aber auch niemand festgenommen. Allerdings gibt es Videobilder und Fotos der Täter, so dass die Polizei optimistisch ist, die Angreifer zu identifizieren.

Schon in den Jahren zuvor hat Glietsch am 1. Mai die Demonstrationen in Kreuzberg beobachtet, und konnte dort auch immer von Journalisten angesprochen werden. Allerdings hatte er als Standort unauffälligere Plätze gewählt als diesmal.

Glietsch wird nur an zwei Tagen im Jahr von Personenschützern des Landeskriminalamtes bewacht – am 30. April (Walpurgisnacht) und am 1. Mai. Der LKA-Chef habe auf die Begleitung bestanden, „nun habe ich festgestellt, dass das doch ganz gut ist.“ Die Gefährdungseinschätzung beruht auf der Bekanntheit des Polizeichefs in der Öffentlichkeit.

Auch Innensenator Körting kam mit drei Personenschützern, zwei Mann Vorauskommando und drei weiteren Beamten am Nachmittag zum Myfest. Am frühen Abend traf er sich vor dem Restaurant „Sol y Sombra“ am Oranienplatz mit einigen Journalisten. Die heiklen Demonstrationen beobachtete er später im Polizeifernsehen.

Dieter Glietsch jedenfalls will im kommenden Jahr wieder in Kreuzberg sein – wenn auch nicht unbedingt in direkter Nähe der „Revolutionären 1. Mai-Demo“, wie er sagt.

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