Zeitung Heute : Kreuze für die Kleinen

Der Tagesspiegel

Von Sabine Heimgärtner

Gisy-les-Nobles, im äußersten Norden des Burgund, 130 Kilometer von Paris entfernt, 500 Einwohner. Eine einzige Bar gibt es hier im Dorf, und die ist zugleich Lebensmittel- und Zigarettenladen. In diesen Tagen ist sie außerdem das Zentrum der politischen Diskussionen. „Ich wähle Arlette, aber das wird nichts nützen“, sagt die 51-jährige Verkäuferin Chantal Lalande. Sie und ihr Ehemann, der Sozialarbeiter Marcel, haben bis jetzt immer die Sozialisten gewählt, aber nun ist damit Schluss. Arlette Laguiller bekommt ihre Stimmen, Frankreichs trotzkistische Präsidentschaftskandidatin, die schon zum fünften Mal antritt und von allen kumpelhaft beim Vornamen genannt wird.

Eine Entscheidung, die typisch ist für die Stimmung in Frankreich: Die Kandidaten der kleinen Parteien stehen derzeit hoch im Kurs. 14 sind es insgesamt, und sie könnten bei der ersten Wahlrunde am kommenden Sonntag den beiden Favoriten, dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin und dem neogaullistischen Amtsinhaber Jacques Chirac, die Schau stehlen. Größter der Kleinen wird auch diesmal wieder Rechtsaußen Jean-Marie Le Pen sein, den die Demoskopen bei zwölf Prozent sehen.

Ununterscheidbare Zwillinge

Der 21-jährige Guillaume Gilquart hat einen Job als Kellner im Café von Gisy-les-Nobles. Und damit viel Gelegenheit, bei der Kundschaft seine politischen Ansichten loszuwerden. „Die prominenten Kandidaten interessieren sich keinen Pfifferling für die Belange der Bürger“, wettert er, „wenn überhaupt, kann man nur den kleinen Bewerbern vertrauen, die engagieren sich wenigstens.“ Das Wahlsystem nach dem Prinzip der einfachen Mehrheit ist simpel, aber für die prominenten Kandidaten gefährlich. Umfragen sagen voraus, dass die Kleinen bei der ersten Wahlrunde bis zu 70 Prozent der Stimmen gewinnen könnten. Das Phänomen der Stimmen-Zersplitterung, bei dem für Chirac und Jospin dann nur noch Anteile von unter 20 Prozent übrig blieben, würde deren Position bei der Stichwahl am 5. Mai zwar nicht gefährden, aber deutlich schwächen – offenbar die Absicht vieler Wähler, nicht nur in Gisy-les-Nobles.

Die Wahlstrategen in den Pariser Parteizentralen von Jospin und Chirac raufen sich die Haare. Was könnte in letzter Minute noch getan werden, um die Franzosen für die Präsidentschaftswahl und vor allem für die Favoriten zu interessieren? Einem Berater der Chirac-Partei RPR schwant Schreckliches: „Der Abend am 21. April wird mit einer Katastrophe enden. Die Kameras werden auf zwei Spitzenpolitiker gerichtet sein, einen Ex-Premier und einen Ex-Präsidenten, die die schlechtesten Wahlergebnisse aller Zeiten eingefahren haben. Das ist eine schallende Ohrfeige.“

Seit zwei Monaten dümpelt der Wahlkampf vor sich hin. „Völlig farblos“, sagt der frühere Außenminister Roland Dumas. Jospin fehle es an Charisma, Chirac an programmatischer Ernsthaftigkeit. Wobei der es wenigstens noch einigermaßen verstehe, publikumswirksam aufzutreten. „Wenn man Präsidentschaftskandidat ist, muss man Visionen präsentieren“, sagt Dumas, „ein bisschen Romantik, ein bisschen Träumerei.“ Hier ist der 69-jährige Chirac in seinem Element. Küsschen links, Küsschen rechts, er brilliert rhetorisch, er flirtet mit den Frauen, er nimmt Bäder in der Menge, strahlend, selbstsicher, charmant. Ein Mann zum Anfassen. Die zahlreichen Affären, in die der Kandidat verwickelt ist – schwarze Gelder sind in seine eigenen Taschen oder in die Kassen seiner Partei geflossen – schaden seinem Ansehen offenbar nicht. Frankreich liebt die Show, und Chirac ist darin der perfekte Darsteller. Die Mehrheit der Franzosen sieht sich gerne von ihm repräsentiert – Reformen allerdings trauen ihm nicht viele zu.

Der knochentrockene Jospin punktet genau am anderen Ende. „Er ist nicht in der Lage, die Massen zu begeistern“, sagt Dumas, „aber er präsentiert ein ehrliches, fundiertes Programm.“ Und was ist beider gemeinsamer Fehler in dieser Wahlkampagne? Sie „unterscheiden sich praktisch überhaupt nicht voneinander“, sagt Dumas. Jospin habe einen großen Fehler gemacht, sein Wahlprogramm auf die politische Mitte zuzuschneiden und als „nicht-sozialistisches Projekt“ zu präsentieren. Seit Wochen macht deshalb ein Wort die Runde: „Chirospin“ nennen die Medien das Konkurrenten-Gespann Chirac/Jospin. „Chirospin“ ist es, was die französischen Wähler in diesem Wahlkampf am meisten stört. Wieder dieselben Gesichter auf den Wahlplakaten, wieder die bekannten Worthülsen, eigentlich Jacke wie Hose, denken offenbar Millionen Franzosen. Und viele kündigen an, am Sonntag lieber ins Grüne zu fahren; in Frankreich sind noch Osterferien.

Aber das ist nicht alles. Auf die Frage, warum es wohl so viele Protestwähler geben wird und warum so viele Enthaltungen, deutet ein anderer Gast in der Kneipe von Gisy-les-Nobles einfach auf sein mit Burgunderwein gefülltes Glas. „Die Leute wollen gemütlich ihr Gläschen trinken, sie wollen ihr großes Auto fahren, sie wollen das Wochenende in ihrem Landhaus verbringen, gut essen und gut verdienen. Das einzige, was sie nicht wollen, sind Veränderungen“, sagt er. Und damit trifft er einen wichtigen Punkt. In der Tat geht es den Franzosen so gut wie noch nie. Die Arbeitslosigkeit ist seit 1997 gesunken und wieder unter zehn Prozent gefallen, die Wirtschaft verzeichnete jährlich mit etwa drei Prozent ein Wachstum wie in keinem anderen Land der Europäischen Union, die großen französischen Unternehmen sind im internationalen Geschäft gut vertreten, 30 von ihnen zählen zu den 100 größten in Europa, zwölf zu den 100 einflussreichsten Firmen weltweit. Hinzu kommt die 35-Stunden-Woche. Auch wenn es damit in einzelnen Branchen noch Probleme gibt, im Großen und Ganzen funktioniert sie.

Frankreich erlebt deshalb seit zwei Jahren einen neuen Trend zum Privatleben. Das zeigen jedenfalls die verschiedensten Statistiken: ein neuer Baby-Boom zum Beispiel. In keinem anderen europäischen Land kommen so viele Kinder zur Welt, es wird kräftig geheiratet, die jungen Paare leisten sich in kürzester Zeit eine eigene Wohnung, die Immobilienbranche freut sich. Die Reisebranche auch. Der neue Reichtum führt dazu, dass die Franzosen, die traditionell den Urlaub lieber im eigenen Land verbrachten, neuerdings deutlich häufiger ins Ausland reisen. Und zu allem Überfluss ist Frankreich auch immer noch der Fußballweltmeister.

Der große Optimismus

So fühlen sich die Franzosen nun seit Jahren im Zustand eines großen Glücks, eines optimistischen Lebensgefühls, auch wenn mittlerweile ein paar Wolken am Horizont zu sehen sind. Natürlich sind mit dem 11. September auch hier die wirtschaftlichen Aussichten schlechter geworden. Vorzeigefirmen wie der Haushaltsgerätehersteller Moulinex, die Reifenfirma Michelin oder der Lebensmittelkonzern Danone machten mit Massenentlassungen Schlagzeilen, Großdemonstrationen von Angestellten des Öffentlichen Dienstes taten ein Übriges: Sie fordern seit Monaten höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen. Der dringend reformbedürftige Staatsapparat ist eines der Themen dieses Wahlkampfes, das andere heißt Innere Sicherheit. Vor allem in den gigantischen Einwandererghettos in Frankreichs Vorstädten ist die Kriminalitätsrate allein im letzten Jahr um acht Prozent gestiegen. Und seit man in Frankreich nach der Zuspitzung des Nahost-Konflikts täglich zwischen zehn und zwölf antisemitische Angriffe zählt, wird immer häufiger die Frage gestellt: Ist die Integration arabischer Einwanderer wirklich gelungen?

Und dennoch haben all diese Themen im Wahlkampf nicht zu großen Debatten geführt. Der wirkliche Wahlsieger bei den Präsidentschaftswahlen vom kommenden Sonntag wird deshalb wohl die Enthaltung sein.

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