Kreuzweise deutsch : 18 Jahre und ein bisschen weise

Die Deutsche Einheit wird 18. Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

Angela Elis

Morgen ist es so weit. Das vereinte Deutschland wird volljährig. Ein dreifaches „Hoch die Tassen“ also, bevor wir die Kerzen wieder ausblasen und es nüchtern weiter geht. 18 Jahre – das heißt, erwachsen und geschäftsfähig zu sein. Was jetzt noch kein zartes Pflänzchen geworden ist und somit keimende Hoffnungen auf blühende Landschaften in sich birgt, darf nicht mehr auf Hilfe hoffen.

Das aktive und passive Wahlrecht liegt ab sofort allein in unserer Hand. Wir können die Besten der Straße wählen oder uns von der Straße als die Besten wählen lassen. Auch heiraten dürfen wir und müssten dafür nicht mehr unseren Fürsorgeberechtigten – in dem Fall der uns etwas näher stehende Minister für Aufbau Ost – um Erlaubnis fragen. Mein Gott, wir sind erwachsen!

Vorbei die hart umkämpften Stunden der schweren Zangengeburt, bis der Vereinigungsvertrag unterschrieben war und die Freude der schönen Götterfunken aufwärts schoss. Vergangenheit auch die ersten Monate des postnatalen Glücklichseins, als wir unsere Behausungen gern mit den Wessis teilten, weil die uns Bananen mitbrachten. Gelaufen die Jahre des mühsamen Laufenlernens auf eigenen Beinen, nicht mehr gedrillt von Vater Staat und eingelullt von Mutter Mief.

Wobei das gelegentliche Stolpern wohl weiter zu unserem Alltag gehört. Wir Ossis behaupten ja gar nicht erst, perfekt zu sein. Hinter uns nun auch die Pubertät – diese himmelhoch jauchzend und dann wieder zu Tode betrübten Tage, in denen wir die Freiheit zu lieben und zu fürchten lernten und mit ihr die Regeln der Demokratie. Es waren wilde Jahre, das stimmt, in denen uns hormonelle Fehltritte mal nach rechts, mal nach links außen ausschreiten ließen. Im ständigen Wandel waren wir eben nur manchmal grandios und manchmal sind wir grandios gescheitert. Gern haben wir alles Neue hinterfragt, selbst wenn die Wessis davon nichts wissen wollten. Nun aber scheint das Jammertal, in dem wir wie Pflegefälle gegängelt wurden, durchschritten zu sein. Mancherorts wächst der Osten überdurchschnittlich. Wer will da noch behaupten, der Soli zahle sich nicht aus. Ab morgen müssen wir deshalb nicht mehr täglich „Danke, für die West-Milliarden“ sagen. Weil das neue Deutschland nun volljährig ist, wird es Zeit, dass wir Ossis uns abnabeln von den Westverwandten. Weg mit den Übervätern und Übermüttern, die uns immer noch die Welt erklären wollen. Uns geht es zwar nicht gold, aber danke, ganz gut.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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