Kreuzweise deutsch : Abwracken und Blech reden

Angela Elis
Angela Elis HP Kontur

In Bla-Bla-Blogger-und-E-Mail-Zeiten erübrigt sich oft das Denken. Dauert einfach zu lang. Am besten, man weiß schon Bescheid, bevor was passiert ist, beurteilt, ohne erlebt oder gar verstanden zu haben. Das spart Zeit und ist in Mode. Nur so ist erklärbar, warum ein ostdeutscher Ministerpräsident unverdrossen darauf beharrt, er wisse es als Wessi besser: Die DDR war kein Unrechtsstaat! Ein anderer, ebenfalls westgeprägter Arbeiter des Geistes posaunt: Mit dem Mauerfall seien eine grauenhafte Osthaftigkeit, Lüge und Heuchelei in den bis dahin aufrechten Westen gekommen. Gemeine Ossis, wie das Oberossi-Merkel, vergifteten seitdem das einst so wunderschöne Westdeutschland. Außerdem wird angemerkt: Die Revolution von 1989, das war natürlich gar keine. Hätte Blut fließen müssen? Währenddessen verkündet die wendehalsige Linkspartei unter dem Motto „Wir sind das Volk“, dass die friedliche Revolution vor allem ein Ergebnis ihrer Politik war. Halleluja! Eine Flucht nach vorn kann manchmal auch nach hinten losgehen. Verfrühte Ergüsse von sich selbst überzeugten Geschwindigkeitsdenkern sind vergleichbar mit den Aktivisten, die auf anderen Feldern versagen. Frust ist programmiert. Bereits jetzt hat dieser ungenießbare Brei aus überflüssigem Geplapper die gesamtdeutsche Stimmung verdorben. Zufrieden äußerten sich jüngst nur sieben Prozent im Westen, vier im Osten. Der Rest will offenbar die Mauer oder den Sozialismus wieder haben. Es gilt: je länger es die Abwrackprämie gibt, desto mehr Blech wird gesprochen. In vorindustrieller Zeit gab es einen berühmten Stotterer, der trotz seines Sprachfehlers in den elitären englischen Debattierclubs geschätzt war. Ob ihn sein Stottern nicht stören würde, wurde er gefragt. Im Gegenteil. Es gibt mir Zeit, über Antworten nachzudenken und hindert mich daran, unnötige Fragen zu stellen. Die Zeit der Debattierclubs ist vorbei. Doch bei der Rückbesinnung auf die DDR fällt auf: Wohlstand hatten wir nicht, dafür aber den Luxus Zeit. Niemand hinderte uns daran, lang und breit nachzudenken. Fazit: Entossifizierung ist nicht angesagt, aber Entblödung.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!