Kreuzweise deutsch : Besserwessi, go home!

Angela Elis

Verbale Inkontinenz und Reisefieber gehören zu den Krankheiten, die Ossis zu DDR-Zeiten nicht kannten. Die Herren von der Stasi passten genau auf, was man sagte und wohin es einen zog. Die daraus entstandene Zurückhaltung – über Jahrzehnte zwangsläufig antrainiert – ist eine Haltung, die der Wessi weder verstehen kann noch adaptieren möchte.

Das hat Gründe.

Wer im freien Teil Deutschlands schon von Kindesbeinen an dazu ermuntert wurde, nicht nur zu allem eine Meinung zu haben, sondern diese auch noch ungefragt zu äußern, der kann diese Attitüde des Immer-schon-Bescheid-Wissens nicht mehr ablegen. Deshalb hört diese Spezies von Wessis – wie wir es seit 1989 oft genug hören mussten – selbst dann nicht auf, zu jeder unserer Gurken ihren Senf abzugeben, wenn es eigentlich nichts Relevantes mehr hinzuzufügen gibt. Hätten wir nach der Wende nur die Milliarden und nicht zusätzlich als Morgengabe Tausende von Schwätzern und Karrieristen bekommen, die im Westen keine Chance mehr auf Beförderung hatten, stünde der Osten jetzt besser da.

Das hat Folgen.

Bis heute sind viele Ossis traumatisiert, die erlebt haben, wie Berater mit großen, aber leeren Koffern in ihre Betriebe kamen, um Weisheiten zu verkünden, die dem Erkenntniswert von: „Wenn es regnet, wird es nass“ entsprachen. Als sie von uns ließen, waren ihre Koffer voll und unsere Arbeitgeber am Ende. Aus dem Abbau Ost wurde zuweilen ein sehr persönlicher Aufbau West.

Kein Wunder also, dass die Arbeitslosigkeit im Beitrittsgebiet nach fast 20 Jahren Einheit noch immer doppelt so hoch ist wie im Westen. Kein Wunder auch, dass nach dem kindlichen Glauben an die Segnungen der sozialen Marktwirtschaft inzwischen wieder flächendeckend Atheismus dominiert. So gesehen ist es wohl tatsächlich ein Wunder, dass aus verödeten Industrielandschaften wie dem ehemaligen Bitterfelder Dreckdreieck blühende Tourismusoasen werden. Dass aber noch mehr passieren muss, haben endlich auch die nicht mehr ganz so großen Volksparteien CDU und SPD erkannt und wollen etablieren, was überfällig ist: Forschungsschwerpunkte im Osten.

Ex oriente lux oder auf unsere Art grob übersetzt: Im Osten geht dann ein Licht auf, wenn Hochleistungsathleten des Geistes ins Rennen gehen. Alle übrigens – garantiert – ungedopt.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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