Kreuzweise deutsch : Dem Ossi zu Leibe rücken

Michael Jürgs



Jeder dritte im Westen und jeder zweite im Osten glaubt nicht mehr an die Kraft der Demokratie, und jeder fünfte Deutsche ist zu fett. Alarmiert von diesen Zahlen über die Schieflage der Nation hat sich die Regierung zu handeln entschlossen und will die Deutschen fit machen, damit sie noch das Halbfinale der Global Player Games erreichen. Favorit ist China. Die Chinesen, früher eher buddhafettleibig, sind inzwischen schlank wie britische Windhunde. Staatlich verordnete Gymnastik vor Arbeitsbeginn sowie gesunde Ernährung mit Reis und Wassersuppen haben sich bewährt.

Mit der Berliner Aktion „Abbau Ost“ soll vor allem das Übergewicht in den neuen Bundesländern reduziert werden. Das ist keine Diskriminierung Andersdenkender – Wählern der Linken – oder gar nichts Denkender – Wählern von NPD und DVU –, sondern eine politische Bauchentscheidung. Physische Spätfolgen der Diktatur sind ja jetzt im Sommer an ostdeutschen FKK-Stränden die sichtbaren Folgen von vierzig Jahren Sättigungsbeilagen.

An denen allein kann es nicht liegen. Auch Westdeutsche schleppen Schweres mit sich rum. Couchpotatoes gibt es hier wie dort. Überhaupt ist statistisch belegbar, dass Unterschichtler im Osten nicht fetter sind als die im Westen. Beide Gruppen schauen am liebsten bewegungslos vor TV-Apparaten sitzend die Nachmittagskracher der Privatsender. Ostprolos haben aber mehr Auswahl, denn das regionale Schwergewicht MDR geht auf ihre Bedürfnisse einfach sensibler ein, verlängert gezielt die alltägliche Verabreichung geistiger Sättigungsbeilagen oft bis in den späten Abend. Sich zu mokieren, ist besserwesserisch. Da seit 1990 Meinungsfreiheit herrscht, darf jeder Ossi sehen, was er will, wählen, was er will, und jammern, worüber er will. Eine Aktion Fortbildung wäre zwar im Osten wie im Westen die Pflicht aller demokratischen Parteien, doch weiterbilden lässt sich nur, wenn schon irgendwas da ist.

Fortschrittsgläubige im Westen hielten die DDR für ein Land voller hungriger Leser. Nach dem Umbruch sollte dieses Feld, gedüngt mit nunmehr freien Worten, erblühen. Doch als die Freiheit grenzenlos war, platzten auch diese Illusionen. Das ist am Ende zwar eine gemeine Verallgemeinerung. Aber für kurz gefasste Kolumnen gilt grundsätzlich das aus der Bibel entlehnte Prinzip: Deine Rede sei Ja Ja, Nein Nein, denn alles, was dazwischen liegt, wurde länger schon mal beschrieben.

Michael Jürgs und Angela Elis schreiben im Wechsel über Ost und West.

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