Kreuzweise deutsch : Eigenkapital Ost: Köpfchen

Angela Elis

In über zwei Jahrzehnten, in denen ich in der DDR gelebt habe, spielte das Thema Geld keine große Rolle. Was nicht daran lag, dass wir Ossis nur Bartergeschäfte tätigten, also das Begehrte bargeldlos austauschten. Kaum jemand besaß mehr als den Einheitslohn, und so musste man sich nicht mit quälenden Fragen, wie oder wo man seine Mark am besten anlegen soll, herumschlagen. Was wir hatten, reichte, um den Alltag zu bezahlen. Das Mangelgefühl wuchs also nicht aus dem Mangel an Kohle. Es war begründet in dem Frust, nicht einfach das kaufen zu können, was man sich hätte leisten wollen.

Unsere DDR-Währung, auch Aluchips genannt, war nicht viel wert, richtig. Dennoch fanden wir es wenig amüsant, wenn unsere Westverwandten sie zum Abschied auf dem Bahnhof achtlos auf die Gleise warfen. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Jetzt könnten, wenn sie es denn wollten, vom Wohlstand lange verwöhnte Wessis beim Umgang mit den Auswirkungen der Finanzkrise von uns lernen. Wenn der Wert des Geldes verfällt, kommt es nämlich auf Fähigkeiten an: Vorratshaltung oder Improvisieren dürften wieder gefragt sein.

Wir Ostdeutschen mussten nach der Vereinigung die bittere Pille schlucken, dass mit der ach so heiß begehrten Ankunft des harten Westgeldes nicht nur eine neue Freiheit verbunden war, sondern die Vereinnahmung unter eine neue Diktatur, die Herrschaft des Kapitals. Dessen Gebieter lechzen nach Rendite, selbst wenn sie dafür Seifenblasenhäuser verkaufen oder moralische Werte auf dem Ramschtisch der Weltökonomie verhökern müssen. Wir Ossis erlebten von der so anders erträumten Realität verblüfft, wie sich die langen Schlangen vor den Läden in lange Schlangen vor dem Arbeitsamt verwandelten. So hatten wir uns die Segnungen der Marktwirtschaft nicht vorgestellt.

Nun, da Billionen Euro vernichtet sind und Gier den Verstand vieler gefressen hat, bleibt uns nur der Kopf als Eigenkapital. Den zu benutzen, soll ja Gewinn bringen. Eine helle Zukunft zum Beispiel. Der pfundsschwere Sigmar Gabriel (West) predigte am vergangenen Sonntag in Weimar, wir (Ost) sollten mehr Selbstbewusstsein zeigen, da wir gut ausgebildete und hoch motivierte Arbeitskräfte seien. Recht hat er. Wir wuchern nicht mit Zinsen, sondern pro Schädel mit drei Pfund selbst gezüchtetem Gehirn. Ein Ergebnis: Uwe Tellkamp aus Dresden konnte sich bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises durchsetzen mit einem Roman über vergangene Jahre in der DDR.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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