Kreuzweise deutsch : Ende gut, alles gut?

Angela Elis

War das ein Sommer! Tausende machten sich zu einer Reise ohne Rückkehr auf. Unvergessen dieser Aufbruch, der wenig später zum Umbruch führte. Entschlossen wie nie zuvor packten bis dahin brave DDR- Bürger ihre Habseligkeiten ein. Danach schlossen sie trotzig ihre Arbeiterschließfächer im sozialistischen Plattenbauwohnkomplex zum letzten Mal ab oder verließen ihre Altbaubude, bei der schon lange der Putz von den Wänden gebröckelt war. Sich selbst ermunternd mit: Vorwärts immer, rückwärts nimmer und einer kleinen Träne im Auge zogen sie los, um nie mehr zurückzukommen. In einem unfassbaren Akt der Entmaterialisierung ließen sie nicht nur ihre Wohnungen, sondern selbst den lang erwarteten Trabi oder Wartburg stehen, um endlich ihren Träumen nachzugehen. Ihre größte Sehnsucht war die nach Freiheit.

Was die Ostdeutschen damals nicht wussten, sie träumten von einem Westen, den es so nie gegeben hat. Das störte lange nicht, denn die von ihrem Mut frisch Faszinierten schienen einen unerschöpflichen Proviant an Begeisterungsfähigkeit im Gepäck zu haben. So jubelten sie den Außenministern von Ungarn und Österreich zu als diese mit Bolzenschneidern den Eisernen Vorhang zerstörten, drückten fröhlich stampfend Grenzanlagen ein oder belagerten ausgelassen wie zuletzt bei der Klassenfahrt die westdeutschen Botschaften in Budapest und Prag. Von ihren Noch-Machthabern in der DDR, die weder die Einsturzgefahr der Häuser noch die des ganzen Staates erkannten, wurden sie verbiestert Kriminaltouristen genannt. Der blutleere Honecker persönlich beteuerte, man weine diesen flüchtigen Vaterlandsverrätern keine einzige Träne nach.

Doch was ist passiert, dass von diesem ungeheuerlichen Akt der Befreiung 20 Jahre später kaum noch müde Reste verblieben sind? Warum glauben 57 Prozent heute, also die Mehrheit der befragten Ostdeutschen, in der DDR gab es viel mehr Gutes als Schlechtes? Warum träumen sie nicht mehr vom goldenen Westen und der großen Freiheit, sondern plötzlich von einem Sozialismus, den es so nie gegeben hat, während vor ihren Türen Opel oder VW parken? Antworten gibt es viele. Dieser Sommer jedoch bietet eine Lösung: Ein Urlaub im DDR- Hotel mit Möbeln vom VEB Spanplatte, blauer FDJ-Bluse und einem Trainingsanzug von der NVA. So könnte die Erkenntnis reifen, dass das Schönste an der DDR dann doch ihr friedliches Ende war.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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