Kreuzweise deutsch : Endstation Sehnsucht

Michael Jürgs

Es gibt viele kluge Versuche von Deutungsdeutschen, zu erklären, warum die Einheit nicht von allen in Ost und West als Glückstreffer in der Geschichtslotterie der Nationen begriffen wurde. Die Uneinigkeit lässt zumindest eine Deutung zu – nichts Genaues weiß man nicht.

Die Sehnsucht nach jener Freiheit, die im Westen blühte und ihre im Westfernsehen sichtbaren bunten Kinder, war im Osten nie größer als zu Zeiten, da sie unerfüllbar schien. Logisch. Dieses Gefühl war Identität stiftend und einte alle die Ostdeutschen, die nicht inoffiziell oder offiziell für die Staatssicherheit arbeiteten. Also die zum Verschweigen ihrer Sehnsucht verdammte Mehrheit. Als sich über Nacht, zudem aus eigener Kraft, die Sehnsucht erfüllen ließ, ergriffen mutige Ostdeutsche die Chance und jagten die regierenden Parteibonzen in die Bedeutungslosigkeit. Der Rest dieser Geschichte des Volkes ist Historie.

Was beim Sieg offensichtlich verloren wurde, ist das Gefühl, das lange wärmte, das Gefühl der Sehnsucht. Und damit war auch die Identität verloren, denn ein spezielles Nationalgefühl Ost gab es in der DDR in Wahrheit nie. Eigentlich unlogisch. Im Stolz auf die gemeinsam errungene volkseigene Revolution, hätte sich eine neue Identität finden lassen.

Identitätskrise Ost bedeutet nicht, dass die vermiefte DDR fehlt. Was schmerzt, ist der Verlust der Sehnsucht, und dieser Verlust ist durch Ostalgie nicht ersetzbar. Die einst ersehnte Verheißung Freiheit dagegen wird heute oft als unmittelbare Bedrohung empfunden. Gegen dieses Gefühl ist mit Logik nicht zu argumentieren.

Waren die im Westen etwa klüger, als die erste (mit der zweiten nicht vergleichbare) deutsche Diktatur auf dem Müllhaufen der Geschichte landete? Nein, waren sie nicht. Das gemeinsam erarbeitete Wirtschaftswunder stiftete Identität, und der sichtbare Erfolg festigte die anfangs fragile Demokratie. Das motivierte. Im Osten erlebten viele ihre Biografie nach 1989 nicht als eine Erfolgsgeschichte. Das demotiviert. Weil jedoch die aktuelle Wirtschaftskrise gleichermaßen alle Deutschen trifft, eint plötzlich der Sehnsucht dunkle Schwester die Nation – die Angst.

Der Mut des Jakob Augstein, sich ausgerechnet jetzt mit dem bisher so grauwertigen schnarchigen „Freitag“, einst 1990 vom konservativen Linken Günter Gaus vor dem Untergang gerettet, als Ost-West-Forum online wie offline aufs weite Feld zu wagen, ließe sich deshalb auch als Endstation seiner Sehnsucht deuten.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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