Kreuzweise deutsch : Erlesener Osten

Angela Elis

Zu den vielen geplatzten Illusionen West über die Realität Ost gehört auch die Vorstellung, dass der gemeine Ossi im Sommer ausschließlich auf seiner Datsche gebuddelt hat oder vorm HO-Laden Schlange stand, wenn er nicht gerade im Kollektiv dem Sozialismus zum Sieg verhalf. Dabei hatten viele Ostdeutsche nur eines im Sinn … Nein, nicht FKK und Folgen … – Lesen! Die meisten lesenswerten Bücher waren zwar damals verboten, wurden zensiert oder erst nach der Wende gedruckt, dennoch schaffte es die eine oder andere Raubkopie von Hand zu Hand weitergereicht in die Köpfe der Ostdeutschen.

Erlesenes aus dem Osten könnte sogar dazu beitragen, westliche Vorurteile und Bildungslücken abzubauen. So ist es bei uns längst nicht mehr so, dass Selbstschussanlagen Touristen verschrecken und an ostdeutschen Stränden, Wessis, lässt es sich nicht nur gut leben, sondern auch wunderbar lesen. Drei Beispiele, aus denen man erfährt, wie es wirklich war in jenem einst so fernen Land, DDR genannt.

Für heiße Tage sei das locker zu lesende Buch „Ratloser Übergang“ von Bernd-Lutz Lange, Kabarettist und Mitinitiator der Oktoberdemonstrationen in Leipzig, empfohlen. Erfahrungen hat der Mann, der früher bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, für eine sozialistische Ernte sorgte, viele. Im Buch blickt er vor allem auf die Jahre nach der Wiedervereinigung, in denen „fast nichts nahtlos, aber vieles ratlos“ verlief. Und weil die Gegenwart so flüchtig ist, hilft nur: sich erinnern. Für kühlere Nachmittage eignet sich der Roman „Flugasche“ von Monika Maron, der erzählt, wie zu DDR-Zeiten die Umweltverschmutzung totgeschwiegen wurde. Sehr aufschlussreich geht es um den zynischen Verzicht auf Wahrheit und die gepflegte Doppelzüngigkeit, bei weitem nicht nur DDR-Phänomene. Für regnerische Tage wiederum, die auch der Ostmensch am liebsten im Bett oder unterm Vordach seines Zeltes verbringt, bietet sich Wolfgang Hilbig an. Der war eigentlich Heizer von Beruf und schrieb nachts neben dem Feuerofen mit dreckigen Arbeiterhänden Weltliteratur. Kuriosum der Geschichte, Texte, die verloren schienen, fanden sich bei der Birthler-Behörde wieder, denn die Stasi hatte den Gedichtband „Scherben für damals und jetzt“ beschlagnahmt. Als Hilbig im Westen die ersten Preise bekam, hat ein Freund über ihn gesagt: „Welchen Erfolg der auch immer haben wird – der bleibt sich immer gleich. Den verdirbt nicht mal der Westen.“ Erlesener Osten eben.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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