Kreuzweise deutsch : Ignoranz kommt vor dem Fall

Angela Elis

Wissen und Macht sind zwei Grundlagen für Erfolg und Wohlstand. Beide sind inzwischen – Überraschung, Überraschung – fest in ostdeutscher Hand. Sachsen ist zum dritten Mal in Folge Bildungs-Spitzenreiter und Ossi Merkel wurde zum dritten Mal hintereinander zur mächtigsten Frau der Welt gekürt. Eine respektvolle Verneigung wäre da von Wessi- Seite her angebracht. Bisher ist jedoch noch niemand zum Gratulieren gekommen. Typisch. Der Wessi denkt vermutlich, das sei eh alles auf seinem Mist gewachsen.

Nicht nur Hochmut, auch Ignoranz kommt vor dem Fall. Deshalb hat man sich hinter den Kulissen im zuständigen Ministerium bereits über einen neuen Einbürgerungstest speziell für den Osten Deutschlands Gedanken gemacht. Ob das „Leipziger Bachfest“ deshalb so heißt, weil Dirk Bach es moderiert, soll eine der schwereren Fragen sein. Weil der Bundesregierung bekannt ist, dass Wessis von Geschichte und Leben in der DDR kaum eine Ahnung haben (wollen), sehen die weiteren Fragen in etwa so aus: War der Fall der Mauer im Jahr 1989 a) ein Glücksfall, b) ein Notfall oder c) ein Reinfall? Ein erster Testlauf hat gezeigt, dass sich eine überwältigende Mehrheit für „c“ entscheidet. Erstaunlich viele wussten, was ein Broiler ist. Zur Auswahl standen a) Teil der Heizungstechnik, b) gegrillter Gummiadler oder c) ausgekochter Ossi. Allerdings erwies sich bald, dass der durchschnittliche Bürger West im Durchschnitt nur drei statt der geforderten siebzehn von 33 Fragen richtig beantworten kann. Im Ausnahmefall würde ihm nach derzeitigen Kriterien dann ein Zuzug nach Mecklenburg-Vorpommern erlaubt, das Urlaubsparadies Rügen allerdings ausgeschlossen.

Nun heißt es, Angela Merkel habe die geplante Einführung des Tests zum 1. Januar 2009 erst einmal abgesagt. Denn das Problem, dass gut ausgebildete und so heiß begehrte Nachwuchskräfte Ost nach wie vor lieber in den Westen gehen, während es die ebenso heiß begehrten westdeutschen Leistungsträger nach Wegfall diverser Buschzulagen nicht mehr in den Osten zieht, ist noch ungelöst. Im kleinsten Kreis unter eingeweihten Greisen wird daher darüber diskutiert, ob nach den Wahlen im kommenden Jahr ein neuer Eliten-Schutzwall errichtet werden sollte. Das wäre pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Offen ist, ob der nur Ost und West trennen würde oder Deutschland vom Rest der Welt. Sicher ist bislang: Geschossen wird nur noch verbal.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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