Kreuzweise deutsch : Lafontaine rettet die SPD

Michael Jürgs
Michael Juergs HP Kontur

Als unlängst Gregor Gysi seufzte, in seiner Partei Die Linke seien zehn Prozent streunende Irre unterwegs zum letzten Gefecht, dachte er nicht etwa an seine ehemaligen Brüder und Schwestern, sondern an westdeutsche Fundis. Die ringen seit gefühlt hundert Jahren mit der Realität. Am liebsten wollen sie außer den vier Jahreszeiten oder Spontanvereinigungen alles verstaatlichen. Nie aber wäre GG auf die irre Idee gekommen, dass sein Kumpel aus dem Büro nebenan mit der Ansage, zukünftig in Saarbrücken wirken zu wollen, ein rot-rot-grünes Bündnis an der Saar verhinderte.

Der ist allerdings nur auf den ersten Blick absolut irre.

In Wahrheit schlägt Lafontaines Herz immer noch links für die SPD. Der ehemalige Vorsitzende sorgte dafür, dass die Sozialdemokratie dank seiner Ankündigung wieder eine Option auf Zukunft bekommen, dass sie doch noch einen Protagonisten auf die Bühne des Nationaltheaters schicken könnte. Heiko Maas heißt der Mann. Welche Fähigkeiten dieser Urenkel Willy Brandts hat, weiß der Ex-Enkel Oskar, weil er das Talent schon früh gefördert hat.

Der 43-jährige Jurist, als Politiker noch unverbraucht, sollte nicht als Ministerpräsident im Südwesten verkümmern, stattdessen eine Hauptrolle an der SPD-Spitze spielen. Deshalb opferte sich Lafontaine. Er wusste, dass die Saar-Grünen auf seine Heimkehr so reagieren würden wie die Ostdeutschen auf Honecker-Nachfolger Krenz, als der im Herbst 1989 das Volk in seiner ersten TV-Ansprache mit den Sätzen Liebe Genossinnen, liebe Genossen endgültig davon überzeugte, dass es nur noch einen Ausweg aus der Krise gab – Revolution.

Lafontaines Schachzug ist bereits auf den zweiten Blick genial. Genie und Wahnsinn liegen ja nicht nur in der Politik eng beieinander, sind manchmal kaum zu unterscheiden. Wie wahnsinnig sich selbst ernannte Genies der SPD verhielten, beweist das Treffen des ZK wenige Stunden nach der verlorenen Schlacht am 27. September, das beim Fußvolk Begeisterung aufgrund des ihm verordneten neuen Führungspersonals Gabriel, Nahles, Wowereit etc. erregte. Das war für Oskar der Auslöser. In der Tat ist Heiko Maas die letzte Chance der SPD, nicht die nächsten zehn Jahre in der Opposition zu verdorren. Die Basis müsste auf dem Parteitag einfach nur für ihn stimmen. In Anbetracht der Alternativen eine ziemlich gute Wahl.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West. Ihre bisher gedruckten Kolumnen sind unter dem Titel „Kreuzweise deutsch“ als Taschenbuch im Aufbau-Verlag erschienen.

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