Kreuzweise deutsch : Mit Mut und Grisuten

Angela Elis

Auch in hundert Jahren werde die Mauer noch stehen, das verkündete Ende Januar 1989 der da schon fast scheintote Oberhäuptling Rote Socke, Erich Honecker. Zehn Monate später hätten ihn in seinem Lauf sogar Ochs und Esel aufgehalten, dies war aber nicht mehr nötig, die realsozialistische Wirklichkeit hatte sich selbst überholt. Danach nutzte Honecker die neue Reisefreiheit und machte sich auf in Richtung Sonnenaufgang.

Hätte der steinerne Alte recht behalten, würde die DDR noch heute existieren. Manche wünschen sich das ja. Dann müssten wir täglich mehrmals Briketts aus dem Keller schleppen, um unsere billigen Buden unter morschen Dächern zu beheizen. In kaum erleuchteten Straßen und über längst verblühten Landschaften würde der ätzende Geruch von Braunkohle und Schwefel hängen, bronchienzerfressend.

Den Gashahn hätten uns die noch Sowjets genannten Russen längst zugedreht, weil die letzten Westmark aus dem vom CSU-Klassenfeind Strauss besorgten Milliardenkredit in maroden VEB-Kombinaten versickert sind und die viel beschworene deutsch-sowjetische Freundschaft ohne Devisen nichts wert ist. Genosse Putin wiederum hätte niemals ausgerechnet auf einem Trallalla-Opernball einen Orden für gute Taten angenommen – so etwas Dekadentes wäre nicht einmal dem alle liebenden Erich Mielke eingefallen –, eine Militärparade plus lebenslanges Abo des „Neuen Deutschland“, das hätte dem verdienten Mann des KGB gefallen. Bananen würde es noch immer nicht geben, und die Apfelsinen wären immer noch grün und hart. In tristen Läden würden geschmacklose Waren aus Wolpryla, Grisuten und Dederon hängen, DDR-Ersatzstoffe, die ganz nebenbei den Klassenstandpunkt verkauften: „Gehst du grisutenbekleidet, jeder Westler dich beneidet!“ Nach kaum zwanzig Jahren Wartezeit hätte manch einer seinen Trabant bekommen und sich sofort zur Zonenrallye aufgemacht, die der gewann, der am besten Schlaglöcher umfahren oder unfallfrei über holprige Autobahnen stottern konnte, wo jede Ausfahrt von der Stasi überwacht war.

Allerdings: So etwas wie die derzeit grassierende Finanzgrippe hätte es nicht gegeben. Es gab weder börsenabhängige Fieberschübe noch Aktien oder Kurse, die hätten abstürzen können. Was uns fehlte, glichen wir mit Erfindergeist aus. Und als Honecker mit der ewigen Mauer drohte, haben wir Hoffnung, nicht Furcht gewählt. Was wäre, wenn wir das wieder täten.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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