Kreuzweise deutsch : Nackter Wahnsinn

Angela Elis

Es ist rund 60 Jahre her, da lag Deutschland in Schutt und Asche – Ost wie West. Und wer das große Grauen irgendwie überstanden hatte, besaß oft nicht viel mehr als das, was er am Leib oder bei sich trug. So ging es auch den 14 Millionen Menschen, die damals aus dem Osten in Richtung Westen flüchteten, von Haus und Heimat Vertriebene. Auch damals schon hielten die meisten anderen Deutschen, die das vergleichsweise komfortablere Elend aus der Lostrommel des Schicksals gezogen hatten, nicht viel vom geteilten Leid, obwohl es Nöte lindern kann. Und ebenso wenig hielten sie vom geteilten Brot, weil es zugegeben keine leichte Geste ist, ausgerechnet dann zu teilen, wenn man selber Hunger hat. „Habenichtse“ hieß es – diese Deutschen aus dem Osten waren eine zusätzliche Last, nicht wirklich willkommen. Eine Erfahrung, die Ost und West in den vergangenen Jahren erneut miteinander machten.

Und auch das passt zusammen, selbst wenn es nicht zwangsläufig zusammengehört: Wenn die aus dem Westen etwas abgeben müssen, dann sollen die aus dem Osten dankbar sein. Mit solchen Parallelen sind wir in der Jetzt-Zeit angekommen, wobei es heute natürlich längst nicht mehr ums nackte Überleben zwischen Schutt und Asche geht. Wir sind auferstanden aus Ruinen und dem Ausbau zugewandt. Geblieben ist den Deutschen Ost die Freude an der nackten Existenz. Denn wenn schon kein Leben in einem freien Land, dann wenigstens die freie Körperkultur leben, FKK genannt. Bei 80 Prozent der DDR-Bevölkerung von Hiddensee bis zum Thüringer Wald war das nackte Vergnügen miteinander etabliert. Dabei ging es nicht etwa um Sex, man wollte einfach frei sein von Kleidung und gleich sein in der Entblößung – egal ob Arbeiter oder Parteifunktionär.

Entblößte Ossis sorgen auch heute noch für Furore. Ob nun Frau Merkel mit ihrem tiefen Dekolleté oder andere Liebhaber nicht nur nackter Haut, sondern des ganz Nackten, die ihre mit dem Mauerfall eroberte Reisefreiheit beispielsweise in einer FKK-Busch-Lounge in Südafrika austoben, organisiert speziell als Ossi-Tour. Was beweist, wie man evolutionär und revolutionär vom nackten Überleben zum nackten Wahnsinn gelangen kann. Sollte der für Juli geplante und zwischenzeitlich abgesagte FKK-Flug von Erfurt nach Usedom doch klappen, müssen sich alle Passagiere nach der Landung wieder anziehen. Glück kann schon sein, was einem erspart bleibt.

Angela Elis und Michael Jürgs schreiben im Wechsel über Ost und West.

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