Kreuzweise deutsch : Ohne Moos doch was los

Michael Jürgs

Auch hartherzigen Deutschländern, nach Meinung vieler Ostler sich über die Kosten der Einheit beklagende Mehrheit West, wird manchmal warm ums Herz. Zum Beispiel dann, wenn sie, berührt bis in jenes Organ hinan, lesen dürfen, wie tapfer ihre drübigen Verwandten der globalen Finanzkrise ins Auge sehen wollen. Und zwar so lange, bis diese besiegt den Blick senkt oder sich nach Island beziehungsweise Ungarn zurückzieht. Von dort her sendet sie, Faust in der Tasche ohnmächtig nur, schauerliche Börsenkurse ins Jammertal, wo dank Merkel & Steinbrücks holdem belebenden Blick bereits wieder Hoffnungsglück grünet.

Bis es so weit ist, dass ihnen was blüht, besinnen sich Ossis ihrer mehr als 40 Jahre im Arbeiter-, Bauern- und Bonzenparadies erprobten Primärtugend, wonach sich wahre menschliche Größe im Mangel zeigt. Keine Macht den Derivaten und Zertifikaten, rufen sie und verweisen rückblickend stolz auf ihre einst rein staatlichen Kassen und Banken. Die waren ihnen sicher. Da konnten sie nichts verlieren. Dort lagerten ihre Aluchips, und die erblühten erst zu Mehrwert, als nach der Währungsunion 1990 die schlafenden Konten von der D-Mark wachgeküsst wurden.

Das von zu vielen Westdeutschen noch immer abschätzig behandelte Brüder-Schwestern-Volk fühlt sich aufgrund seiner Geschichte deshalb besser gerüstet für die beginnende Rezession. Denn so etwas, da Planwirtschaft genannt, war bei ihnen Alltag. Was also sind mögliche sieben Jahre Dürre, da 40 Jahre Dürre überlebt wurden? Würde man an dieser Stelle anmerken, dass es westdeutsche Steuerzahler waren, die den unverstanden in Ruinen Hausenden, ohne Ansehen von Dialekt, Geschlecht oder Alter unter die Arme griffen, ihre Innenstädte sanierten, die Luft reinigten, die Straßen ausbauten etc., wäre das ziemlich gemein. Also wird es nicht erwähnt.

In Krisen nicht so erfahrene Westler sollten lieber gen Osten ziehen und sich dort fit machen lassen, um kommende harte Zeiten zu bestehen. Damit tragen sie doppelt bei zum Aufbau Ost. Weil erstens den anderen Deutschen für ihre Survivaltipps Kursgebühren bezahlt werden müssten. Weil es zweitens das Selbstbewusstsein der Ostler stärkt. Denn endlich können sie mal etwas, was die anderen nicht schon besser können. Die üblichen Klagen der Wessis, Ossis wollten immer nur ihr Bestes, Geld, verwehen ja eh im globalen Börsensturm. Die Krise fördert nämlich die Einheit. In der sind fast alle nur – ach, Volk.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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