Kreuzweise deutsch : Tote Seelen, nirgendwo

Michael Jürgs

Ist weniger am Ende doch mehr oder ist das mehr oder weniger egal? Kommt auf die Perspektive an. Dass in Deutschland wahrscheinlich nicht 82,2 Millionen Menschen leben, wie bislang vom Statistischen Bundesamt angenommen, sondern nur 80,9 Millionen, ist einerseits also mehr oder weniger egal. Andererseits wüsste man schon gern, ob gleich viele Männer wie Frauen fehlen, woher sie stammen und wohin sie sich abgesetzt haben.

Sollten sie gar alle etwa in jenen wilden Zeiten verschwunden sein, als im Westen die Ost-Parole „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann kommen wir zu ihr“ helles Entsetzen auslöste und Kanzler Kohl deshalb zu einem günstigen Kurs die Währungsunion beschloss? Nein, es muss zuvor passiert sein. Die letzte Volkszählung in der DDR gab es 1981, und falls die so gefälscht war wie stets zum Beispiel Kommunalwahlen oder die Planerfüllungszahlen der Kombinate, wäre diese Kolumne mit der Vermutung, dass statt 16 Millionen Ostler nur 14,7 die deutsche Einheit bereicherten, hier zu Ende.

Selbst die kältesten Krieger West, von denen es schon aufgrund der Bevölkerungszahl hüben zehnmal so viele gab wie drüben, trauten der SED zwar alles, aber das nun doch nicht zu. Nach dem Umbruch 1989 haben von den kommunistisch gefärbten Reaktionären Hunderte ihr Vaterland Richtung Kuba, Nicaragua, Nordkorea verlassen – oder sich in den Weiten Meckpomms vergraben? Doch das erklärt die Lücke nicht. Auch dass viele Westler überhastet die Flucht angetreten haben in die Schweiz oder nach Liechtenstein, um sich und ihr Schwarzgeld vor den gierigen Brüdern und Schwestern in Sicherheit zu bringen, mag stimmen, aber es dürfte sich gleichfalls um eine eher zu vernachlässigende Zahl handeln.

Wo also sind 1,3 Millionen Mitbürger geblieben? Nahe liegende Lösung: es gab sie nie. Keiner hat sie vermisst, keiner je gesucht. In Nikolaj Gogols Roman „Die toten Seelen“ war es ein Schelm, der Gutsbesitzern die Seelen ihrer kürzlich verstorbenen Leibeigenen abkaufte, die aber auf den Ämtern noch als Lebende geführt und alimentiert wurden und ihm beim Verkauf an Banken Mehrwert einbringen sollten. Klappte bekanntlich am Ende nicht.

Sind alle toten Seelen Ossis? Wahr ist, dass auch im Westen seit zwanzig Jahren keine Volkszählung stattgefunden hat. Die erste gesamtdeutsche ist für 2011 geplant. Bis dahin muss unzähliges Volk damit leben, weniger statt mehr zu sein.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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