Kreuzweise deutsch : Von Locken auf Glatzen

Angela Elis
Angela Elis größer für Ressort
Angela Elis nimmt in ihrer Kolumne regelmäßig Ost-West-Themen aufs Korn. -

Sag mir etwas, und ich sage dir, aus welchem Stall du bist. Wo nämlich wären wir, na?, wenn folgende Nachricht ertönte: „Von ihren Kombinaten auserwählte Reisekader fuhren zur zielstrebigen Verwirklichung des vorgegebenen Plansolls ins nichtsozialistische Ausland und bezeugten ihren festen Klassenstandpunkt des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus im umfassenden Gedankenaustausch.“

Richtig, wir wären zurück in der DDR. So wurde dort gesprochen: wenig poetisch, mit viel Ideologie. Ermüdend. Doch die Mehrheit lernte, zwischen den Zeilen die Wahrheit zu entdecken. Jetzt, da die Sprache der DDR untergegangen ist, vermissen wir etwas. Fremdheit entsteht allein dadurch, dass Vertrautes fehlt. Die Diagnose für viel Ungesagtes seit 20 Jahren: Leiden unter sprachlicher Obdachlosigkeit. Mit der neuen Zeit drängte sich zwar eine neue Sprache ins Haus, viele wohlklingende Sätze, die uns aber wenig sagten. Abgeklopft auf den Gehalt, hörte sich vieles hohl an. Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum, so machten sich Ostdeutsche ihren Reim auf das neudeutsche Gequatsche.

Dabei wollen wir gar keine broileressenden Blockflöten mit Sättigungsbeilage mehr. Wir können inzwischen auch Surfen statt Brettsegeln, verschenken Engel anstatt Jahresendflügelfiguren. Aber im Einheitsalltag wuchsen auch Wörter wie Arbeitsagentur, Sozialhilfe, Insolvenz und Millionenabfindung, die es in der DDR nicht gegeben hat.

In der gab es Pioniernachmittag und Patenbrigade, Einführung in die sozialistische Produktion und produktive Arbeit, wo Frau Ost Punktschweißen lernte, weil man ja nie wissen konnte, wann es darum ginge, auf den Punkt zu kommen. Wir hatten auch die Straße der Besten. Jedes Arbeitskollektiv wählte die Herausragenden aus, und die hingen dann mit Fotos im Kantinenbereich, denn nach dem Essen kommt bekanntlich die Moral. Heute wäre mancher lieber wieder Held der Arbeit, als ein Niemand ohne Arbeit.

Als die friedliche Revolution begann, blühte im Osten eine ungewohnte Sprache. Auf Sichtelementen (= Plakaten) prangte plötzlich der Ruf nach Freiheit. Sag mir, wo diese blühende Oase geblieben ist, und ich sage dir, wonach wir uns sehnen. Diese geistige Heimat ist weder supermaximiert, noch bohlenpupsvulgär. Vielleicht würde dann ein neues Wunder passieren, wir könnten Locken auf Glatzen drehen, eine Kunst, die noch nicht einmal Wessis beherrschen.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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