Kreuzweise deutsch : Von Menschen und Monstern

Angela Elis
Angela Elis HP Kontur

Wenn im Genre Horrorfilm ein tot geglaubtes Ungeheuer wiederaufersteht und seine Zähne fletscht, wächst Grauen im Saal. Für viele, die in der DDR aufgewachsen sind, hat das Grauen einen Namen: Egon Krenz. Der frühere SED-Funktionär, bei dessen Anblick man unweigerlich Darwins Abstammungslehre assoziiert, hat nicht nur im Sommer 1989 das Massaker in Peking als berechtigten Akt gegen Konterrevolutionäre verteidigt, derzeit erprobt er mit seinen Gefängnisnotizen neue Argumente, um gewalttätige Diktaturen zu verteidigen. Das bringt sogar die Genossen von der Linkspartei in Erklärungsnot, weil die mit solchen Typen eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen.

Eine Rede von Horst Köhler habe ihn animiert, tönt das Ex-DDR-Monster Krenz, aufzustehen und aufzuklären gegen Lüge und Verleumdung, denn der SED-Staat soll nicht schlechtergemacht werden als er war, und das vereinte Deutschland nicht besser, als es ist. Auch die junge Bundesrepublik hat 20 Jahre gebraucht, um mit den alten Nazis aufzuräumen. Nach der friedlichen Revolution konnten bekanntlich nur einige wenige Handlanger des verblichenen Unrechtsstaates verurteilt werden, denn von 1990 an galten die Gesetze eines Rechtsstaates. Auf die beriefen sich eifrig alle Täter. Egon Krenz war einer der wenigen, die wegen Totschlags mit Gefängnis bestraft werden konnten. Als „Siegerjustiz“ verunglimpft er das, denn die Mauer sei zwar kein schönes Bauwerk gewesen, aber Gewalt gegen das eigene Volk, die war im Sozialismus nie vorgesehen. Dass sie dennoch physisch und psychisch massenhaft stattfand, übergeht Krenz bei seinen Betrachtungen der Vergangenheit, ja, er bestreitet sogar, dass es einen Schießbefehl gab. Seine krude Logik: Schließlich sei am 9. November 1989 kein Blut, sondern nur Sekt geflossen. Krenz reduziert historische Wahrheit auf den gemeingefährlichen Nenner, jeder habe das Recht sich so zu erinnern, wie es ihm ins Weltbild passt.

Zu verdrängen, was war und auf das Nichtwissen der anderen zu setzen, das war schon immer die Chance für Geschichtsklitterer aller Couleur, ganz gleich, ob braune oder rote Monster. So werden jetzt ostdeutsche Biografien durch die Erinnerungen der Krenz-Gänger diffamiert, sozialistische Paradiese als Konzept gegen kapitalistische Höllen angepriesen. Bleibt am Ende eine Frage: Wo bitte ist unsere Beate Klarsfeld, die ihre Hand erhebt, um ewig Gestrigen unsanft eine zu klatschen?

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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