Kreuzweise deutsch : Wege der Befreiung

Der erste Tag der Einheit fand vor genau dreiundsechzig Jahren, am 8. Mai 1945 statt. Um 23 Uhr 01 trat die bedingungslose Kapitulation des Großdeutschen Reiches in Kraft, und der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Von diesem Tag an war das hitlergläubige Volk in der Niederlage vereint, doch diese Einheit hielt nicht lange. Die westlichen Alliierten begannen in ihren Zonen mit dem Aufbau einer Demokratie, in der Ostzone folgte auf das gerade erst vernichtete das nächste Schreckensregime, Faschismus rot lackiert – allerdings mit einem entscheidenden Unterschied zum braunen: Für die erste deutsche Diktatur stehen Völkermord und Auschwitz, für die zweite Schießbefehl und Mauer.

Es wuchs im Laufe der Jahre dann auseinander, was bei Kriegsende noch zusammengehörte, denn die einen wie die anderen hatten die gleichen Mütter und Väter – die Nazis. Als Befreiung vom Faschismus wurde jedes Jahr der 8. Mai in der DDR pompös gefeiert. War zwar von oben gesteuert, entsprach aber dem Gefühl der Mehrheit im Osten, die moralischeren Deutschen zu sein. In der Bundesrepublik dauerte es Jahrzehnte, ehe nicht mehr von Kapitulation gesprochen wurde, sondern ebenfalls von Befreiung. Bis dahin hatten DDR-Spießergesellen leichtes Spiel, den freien Teil Deutschlands als Hort der Nazis zu denunzieren, um von ihrem Seelen zersetzenden Obrigkeitsstaat abzulenken. Natürlich gab es zu lange ungestraft in Amt und ohne Würde agierende braune Altkader im Westen. Doch nach dem Aufbruch 1968 und mit der Wahl des Emigranten Willy Brandt 1969 wurden sie auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt. Da hätten sie bereits 1945 hingehört.

Der zweite Tag deutscher Einheit, im Gedenken an den 17. Juni 1953, als sowjetische Panzer den Aufstand der Arbeiterklasse niederwalzten, bevor er zum Volksaufstand gegen Ulbricht & Konsorten anschwoll, wurde dann nur noch im Westen gefeiert – mit Spruchblasen, Grillwürsten und Gruß an die fremden Brüder und Schwestern. Den einen ist die Freiheit geschenkt worden, die anderen haben sie sich im Herbst 1989 ertrotzt. „Das deutsche Volk krankt seit Jahrzehnten in allen seinen Schichten an einer falschen Auffassung von Staat, von der Macht, von der Stellung der Einzelperson“, erkannte Konrad Adenauer wenige Monate nach der Befreiung. Inzwischen sind die meisten Deutschen von dieser Krankheit befreit. Der 8. Mai wäre also ein undeutsch cooler Tag der deutschen Einheit.

Michael Jürgs und Angela Elis schreiben im Wechsel über West und Ost.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben