Kreuzweise deutsch : Wenn der Ossi lacht

Angela Elis
Angela Elis

Von wegen Jammerossis. Humoriger als die drüben waren wir, damals der Not entsprungen, schon immer und wir sind es notgedrungen bis heute. Worin zum Beispiel besteht der Unterschied zwischen Sozialismus und Orgasmus, fragte man früher. Antwort: Im Sozialismus stöhnt man länger.

Ossis haben sich eben auf jede Lebenslage einen witzigen Reim gemacht. Forderte ein dickbäuchiger Politbürokrat bei den üblichen Engpässen, man müsse den Gürtel mal enger schnallen, damit der Sozialismus zulegen kann, lautete die passende Entgegnung, allerdings möglichst nicht in Hörweite der Stasi: Und wo kriegen wir die Gürtel her?

Vor bald zwanzig Jahren war das plötzlich vorbei und über Nacht mehr als nur die Gedanken frei. Wir gaben uns glückselig vor Lust schreiend dem Westen hin. Dann die Desillusionierung als die Ost-Braut nur noch dafür gut war, sie auf Benutzbarkeit hin abzutasten. Sprang da nicht für so manch drittklassigen Leiter einer Sparkasse West im Osten ein attraktiver Job heraus, natürlich in der Führungsetage? Gab es nicht auch noch eine Buschzulage obendrauf, eine Entschädigung für Westler im Einsatzgebiet Ost? Konnte der männliche Schnarchsack West nicht sogar als Mitgift eine reichhaltige Aussteuer mit Förder- und Finanzmitteln abgreifen? Da verging den Ossis das Lachen.

Über ein Thema allerdings hat in der DDR keiner Witze gemacht, weil das im realen Sozialismus nicht vorkam: Kinderarmut. Fast alle hatten gleich wenig, aber genug zum Leben. Hungern musste niemand, und die Kleinsten schon mal gar nicht. In allen Kindergärten und Schulen gab es Küchen. In denen wurde für alle das Gleiche gekocht – das zumindest wollte die DDR sich leisten. Und heute?

Da wachsen Millionen Kinder in relativer Armut auf, so relativ benennt man das. Hunderttausende sind auf Essensausgaben in Suppenküchen oder bei Speisetafeln angewiesen. Richtig ist, dass hauptsächlich die Reichen mit ihren Steuern den Sozialstaat finanzieren. Unrichtig ist, dass gierige und unfähige Manager nach ihrer Entlassung teilweise sogar auf Lebenszeit ihre üppigen Jahresgehälter weiterbekommen. Ein Zeichen tätiger Reue sähe anders aus. Sie könnten für die Versorgung armer Kinder spenden. Für eine Million Euro könnte man ein ganzes Jahr lang über tausend Kinder täglich satt machen. Ein solches Gesetz ließe das Volk jubeln. Falls dann die gierlappigen Ex-Bosse stöhnen, wäre dieses Geräusch vermutlich der schönste deutsche Orgasmus.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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