Kreuzweise deutsch : Wenn die DDR ausstirbt

Angela Elis

Bei einer laut Prognosen ansteigenden Lebenserwartung der Deutschen auf bald über 90 Jahre werden um 2080 die letzten aussterben, die noch in der DDR geboren wurden, als die bereits im Koma lag. Und da jedes Ereignis wie etwa 50 Jahre Sandmännchen oder 60 Jahre Stasi geschmacksfrei vermarktet wird, darf man sich ein Bild von der Zukunft so ausmalen: Den letzten originären DDR-Exemplaren wird kurz vor dem Abgang in die Todeszone noch ein Mikrofon oder eine Kamera vor das Gesicht gehalten. Von einer ahnungslosen Nachwuchskraft im Dauerpraktikum werden solch hoch betagte Ex-DDRler dann mit Drama- Stimme zu ihren Erfahrungen während der Revolutionstage befragt. Ob es überhaupt eine war, wird übrigens bereits heute bezweifelt.

Die DDR-Dinosaurier würden brav und möglichst authentisch irgendetwas antworten, weil sie, kurz mal nachgerechnet, gar nichts Relevantes sagen können, denn im Herbst 1989 waren sie gerade erst ein paar Wochen oder Stunden alt. Dennoch würden bewegende Anekdoten über damals aus den Ruinen der Freiheit Auferstandene erzählt. Die Botschaft dabei ist wichtiger als die Fakten, was sich ja schon bei den diesjährigen Revolutionsfeierlichkeiten andeutete. Nach 2080 aber verschwinden die gängigen Themen DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung in den Archiven. Ist das gut so?

Wahrscheinlich. Denn vorbei sind dann auch die Zeiten, da Großbürger West über „verhunzte Ostmenschen“ lamentierten, die „wegen ihres unbrauchbaren Wissens nicht weiter verwendbar sind“. Vollendet auch der Prozess, in dem die Ostdeutschen den Westen mit Gysi & Co. ossifizierten. Auch die Frage „Opfor oder Dädor“, die uns heute manchmal beschäftigt, wird dank der Gnade später Geburt erledigt und 40 Jahre DDR eine Fußnote der Geschichte sein. Als einziges Alleinstellungsmerkmal für DDR-Abkömmlinge bleibt: Sie werden für immer und ewig die aus den neuen Bundesländern sein, was eine gewisse Unverbrauchtheit suggeriert. Dass ansonsten der Osten noch fünfzig Jahre braucht, um den Westen einzuholen, wie ein Wirtschaftsinstitut in Halle vermeldet, ist auf lange Sicht betrachtet gar keine schlechte Nachricht. Denn das hieße ja, logisch, spätestens ab dann sind alle schuld an der Lage der Nation. Nichts mehr mit Milliardengrab Ost.

Angela Elis und Michael Jürgs mokieren sich im Wechsel über Ost und West. Ihre Kolumnen sind unter dem Titel „Kreuzweise deutsch“ als Taschenbuch im Aufbau-Verlag erschienen.

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