Zeitung Heute : Krieg als Rollenspiel

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Der Krieg gegen den Irak rückt näher. Die Koalition zum Sturz Saddam Husseins formiert sich. Und alle machen mit. Bloß aussehen muss das Theater natürlich anders. Eine höchst skeptische Weltöffentlichkeit will, dass es Antreiber und Mahner gibt, Bremser und Warner. Unbemerkt soll deshalb bleiben, dass Amerikaner, Europäer und Araber längst an einem Strang ziehen und lediglich die Rollen unterschiedlich verteilt haben. Für das Klientel daheim wird der Dissens betont, während hinter verschlossenen Türen Aufmarschpläne ausgetüftelt werden. Das Spektakel lässt sich verlogen nennen oder raffiniert - je nach politischer Couleur.

Seit mehr als einer Woche bereist US- Vizepräsident Dick Cheney den Nahen Osten. Unter anderem war er in Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien. Offiziell hieß es dort: Finger weg vom Irak! Die ganze Region werde durch eine Militärintervention destabilisiert. Gefährlich, gefährlich! Am Ende der vielen markigen Reden, versteckt in kleinen Nebensätzen, wurden dann allerdings die Bedingungen genannt, unter denen sich das kategorische „Niemals“ in ein „Wahrscheinlich doch“ verwandeln wird. Ein Mandat des UN-Sicherheitsrates wäre nötig und etwas mehr Druck auf die Regierung in Israel. Dann ließe sich erneut verhandeln.

Ähnlich verquer drücken sich die Europäer aus. Da wird ausgiebig über das Völkerrecht parliert und über die Rolle der Uno. Werden dramatisch die Hände gerungen und tiefe Sorgenfalten in die Stirnen gefurcht. Dabei zeichnet sich die Strategie seit vielen Wochen ab: Als Erstes tun wir so, als sei die US-Regierung vollkommen wild geworden in ihrem Drang, den Diktator von Bagdad aus dem Weg zu räumen. Unberechenbar seien die Amis, zügellos und unbeherrscht. Nur wir können sie bremsen. Als Zweites fordern wir die Beachtung des Rechts. Ohne Uno kein Krieg. Das ist doch klar. Möglichst energisch muss das klingen. Wenn die USA dann als Drittes darauf eingehen, klopfen wir uns auf die Brust und tönen: Allein unserem Druck ist es zu verdanken, dass die Dinge nun ihren geordneten Gang gehen. Der Preis dafür ist, dass wir jetzt leider mitkämpfen müssen.

Wer die Entwicklung des kommenden Irak-Krieges aus amerikanischer Sicht betrachtet, kann sich bei alledem ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Denn der Druck, den die US-Regierung nach dem 11. September systematisch aufgebaut hat, funktioniert offenbar prächtig. Beispiel: die Frage der UN-Waffeninspektoren. Inzwischen verlangen sämtliche europäischen Regierungen sowie die wichtigsten arabischen Anrainer-Staaten, dass Saddam Hussein die Rückkehr der Inspektoren bedingungslos zulässt. Andernfalls, so wird nebulös angedeutet, habe er mit „ernsten Konsequenzen“ zu rechnen. Damit haben sie eine zentrale Forderung der USA übernommen. Sollen sich die Europäer ruhig als Advokaten des Völkerrechts stilisieren, sagen gnädig die Amerikaner, „Hauptsache, sie machen mit".

Von dem Irrglauben, dass es in der Irak-Frage einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Europa und Amerika gibt, profitieren freilich beide Seiten. Bush kann das in konservativen US-Kreisen beliebte „Euro-Bashing“ betreiben, um seinen ungeduldigen Landsleuten zu erklären, warum der oft angekündigte Feldzug gegen Bagdad sich immer wieder verschiebt. Die Europäer wiederum können gegenüber einer höchst kriegsunlüsternen Bevölkerung so tun, als würden sie ihren mäßigenden Einfluss in Washington geltend machen. In Wahrheit hat sich noch nie ein Mitglied der Bush-Regierung gegen ein Einschalten der Uno gewandt. Ohnehin gehen die Strategen in den USA davon aus, dass der Sicherheitsrat ein neues Mandat verabschieden wird.

Wenn also Gerhard Schröder sagt, ohne UN-Mandat kein Mitmachen Deutschlands, dann heißt das übersetzt: Wir sind bereit! Schließlich weiß der Kanzler, dass der Sicherheitsrat sich inzwischen fast einstimmig für eine Rückkehr der Waffeninspektoren ausspricht. Er weiß auch, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass der Irak dies ohne Bedingungen akzeptiert. Und dann? Na ja, dann werden die Europäer eben in den sauren Apfel beißen und sich in den leider notwendig gewordenen Waffengang fügen. Wir wollten das nicht, wird es zerknirscht heißen, aber Saddam Hussein ließ uns keine andere Wahl. Wie gesagt: Das Spektakel lässt sich verlogen nennen – oder raffiniert.

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