Zeitung Heute : Krieg an den Börsen

HEIK AFHELDT

Seit dem 23.März, der Nacht der ersten Angriffe, haben fast alle kräftig zugelegt: Der deutsche Aktienindex Dax hat den Krieg bisher mit einem Plus von fast zehn Prozent quittiert, der Dow-Jones-Index in New York liegt 15 Prozent höher.Selbst im fernen Tokio sind die Aktien um über acht Prozent gestiegen.Es sieht ganz so aus als ob der leidvolle Waffengang in Jugoslawien der Wirtschaft und den Börsen gut täte.Sind die Anleger also die eigentlichen Kriegsgewinner?

Das wäre nicht ganz neu.Die Londoner Rothschilds haben seinerzeit den Grundstock für ihr sagenhaftes Vermögen gelegt, als sie dank ihrer "Telegraphen", als erste von der Niederlage Napoleons bei Waterloo wußten.Sie handelten - und gewannen.Aber nicht eigentlich am Krieg, sondern weil sie die wichtige Information über das Kriegsende als erste nutzen konnten.Als der Koreakrieg 1950 begann, brachen die Kurse der wichtigsten Weltbörsen zunächst kräftig ein.Rohstoffe wurden knapp, und die Preise stiegen extrem an.Aber dann schäumten die Börsen vor Optimismus geradezu über.Vom Korea-Boom profitierten nicht nur die deutschen Stahlwerke, sondern die ganze Wirtschaft - und mit ihr die Börsen.

Während in Kriegen alle Seiten großes Leid und unakzeptable Opfer zu beklagen haben, kennen die Börsen klare Gewinner und Verlierer.Es steigen die Aktien der Rüstungsindustrie und aller anderen "Kriegslieferanten".Vom Krieg profitieren aber auch die Nachrichtenmacher und Medien.Krieg "verkauft" sich, und mit "News" entstehen Stimmungen, die kurzfristig auch die Börsen bewegen.Wer Anteile von Firmen hält, die als Lieferanten und Nutznießer des Krieges gut verdienen, verdient mit.

Klare Verlierer dagegen sind all diejenigen Unternehmen, denen die Kriege ihre Geschäfte vermasseln und ihre Anlagen zerstören.Wer an ihnen direkt oder indirekt beteiligt ist, muß Wertverluste hinnehmen.Kriegsschäden sind nicht versichert.Schließlich registrieren die Börsen solche Schäden, die mittelbar auftreten: Der Niedergang der Wirtschaft Mazedoniens etwa, der jetzt die wichtigen Lieferanten und die Abnehmer in Jugoslawien fehlen oder die Umsatzausfälle und Mehrkosten bei der Lufthansa infolge von Streichungen und Verspätungen ihrer Flüge.

Wer nach dem Krieg am Wiederaufbau verdienen will, der pickt die Unternehmen raus, die sich Geschäfte in den zerstörten Regionen versprechen.Auf mindestens 30 Milliarden Mark werden die Aufträge alleine für das Kosovo geschätzt.Die Börse bewertet die Chancen deutscher Firmen, dabei zu sein, eher als gering, weil Deutschland seine neutrale politische Rolle dort verloren hat.Schweizer Werte wären da wohl besser.

Fazit: Der Krieg beeinflußt zwar die dann ganz besonders nervösen Börsen, aber er beeindruckt sie nicht nachhaltig.Zwei Drittel der Anleger - so belegt eine aktuelle Umfrage - lassen sich vom Kosovo-Konklikt bei ihren Dispositionen nicht beeinflussen.Erst wenn die fundamentalen Wirtschaftsdaten sich ändern, reagieren die Märkte.Es ist nicht einmal sicher, ob die aktuelle Schwäche des Euro sich darauf zurückführen läßt, daß jetzt ein "europäischer" Krieg stattfindet oder ob nicht der unbefriedigende Zustand der europäischen Wirtschaften und die müde "Performance" der deutschen Regierung hierfür verantwortlich sind.Bei aller Lust auf Gewinne, Anleger orientieren sich an Fakten.Die Börsen erklären keinen Krieg - aber sie registrieren Kriege und feiern ihr Ende.

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