Zeitung Heute : Krieg der Ferne

Was kommt nach Napster? Streit um die Musik aus dem Netz. Nun soll die Industrie die Internet-Nutzer hacken

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Von Markus Horeld

Die Universal Music Group ist stolz auf ihre neue Waffe. Heute wird sie im Beisein von Bundeskanzler Schröder der Öffentlichkeit präsentiert (siehe Kasten). Ihr : popfile.de. Ihr Einsatzgebiet: Deutschlands Internet. Ihr Angriffsziel: Napsters Erben. KaZaA, eDonkey, Shareaza und all die anderen Programme, die mit ihren kostenlosen Musik-Downloads die Plattenindustrie zur Weißglut treiben. Die sollen mit dem neuen Portal einen legalen Gegenpart erhalten.

Der Kampf zwischen der Musikindustrie und Napsters Erben hat längst begonnen – mit Methoden, gegenüber denen das popfile-Portal doch eher ein stumpfes Schwert ist. So verstopft seit Monaten eine kleine koreanisch-amerikanische Firma namens Overpeer die Tauschbörse KaZaA mit defekten Songs. Im Auftrag der Plattenindustrie und mit großem Erfolg: Neue Songs von den Red Hot Chili Peppers und Eminem waren zwar schon vor den CD-Veröffentlichungen bei KaZaA zu finden, die meisten Dateien beinhalteten aber bloß mehrfach hintereinander kopierte 30-Sekunden-Häppchen des Refrains. Nur wenige User nahmen die Attacke so gelassen wie jener, der im Zeropaid-Forum frotzelte: „Eminem hört sich doch immer so an.“

Die meisten Nutzer schäumten über vor Zorn und riefen die „Hacker zu den Waffen“. RIAA, die Recording Industry Association of America, frohlockte. Kein Wunder, der Lobbyverband der US-Plattenlabels hatte nach dem Urteil gegen Napster lange Zeit auf einen durchschlagenden Erfolg warten müssen. Zwar konnte die RIAA noch vor kurzem den Tauschdienst Audiogalaxy zwingen, copyright-geschützte Dateien vom Download auszuschließen, doch traf sie damit nur einen illegalen Marktplatz für Musik-Raritäten. Die Masse der User tummelte sich im Fasttrack-Netz – zunächst mit dem Programm Morpheus. Als dessen Betreiber unter mysteriösen Umständen aus dem Fasttrack-Netz geworfen wurde, wechselte die User-Herde fast geschlossen zu KaZaA – obwohl das Programm seine Nutzer ganz gehörig ausspioniert. Inzwischen wurde die Software 100 Millionen Mal heruntergeladen.

Lange Zeit sah es so aus, als wären Fasttrack-Clients wie KaZaA unbesiegbar. Im Gegensatz zu Napster verzichten sie auf zentrale Server. Napster war ein absolut hierarchisches, sozusagen diktatorisches System. Keine Suchanfrage, kein Download geschah ohne Wissen der Zentrale. Es war erstaunlich, wie lange es derart angreifbar überlebte. 15 Monate brauchte die Plattenindustrie, um Napster lahm zu legen. Nur vier wurden benötigt, um das Fasttrack-Netz zu etablieren. Wie bei allen peer-to-peer-Netzwerken fungieren auch bei KaZaA alle angeschlossenen Computer automatisch als Server. Es herrscht eine dünne Hierarchie: Schnelle Computer, wie zum Beispiel Overpeers „fake server“, werden bei Suchanfragen häufiger angesprochen als langsame, zur „Einwahl“ ins Netz sind dezentrale Verbindungs-Computer nötig. Selbst wenn ein solches Gateway „stirbt“, entstehen nur für kurze Zeit chaotische Verbindungen. Kurz: Um KaZaA abzuschalten, müsste jeder einzelne User seinen PC vom Netz nehmen.

Um so zufriedener ist die RIAA mit ihrem Etappensieg durch die kaputten Songfiles. „Die Dinge sind aus dem Gleichgewicht geraten“, zitiert die Zeitung „San Jose Mercury News“ einen Analysten. „Jetzt bewegt die Industrie die Waage wieder in die andere Richtung.“ Nicht besonders weit, allerdings. Die Labels können mit manipulierten Dateien nur solange Download-Frust erzeugen, bis genügend „gesunde“ Files im Netz stehen. Außerdem kursiert im Web mit dem Programm „sig2dat“ das erste Gegenmittel.

Howard Berman, kalifornischer Abgeordneter im US-Kongress, will deshalb den wirklichen Cyberwar: Er hat ein Gesetz vorgeschlagen, das der Entertainment-Industrie erlauben soll, ihre Copyright-Rechte mit nicht näher spezifizierten „Hackermethoden“ zu verteidigen. Ein Krieg der Ferne. Beispielsweise könnten Viren in die PCs eingeschleust werden, die sich nach illegal kopierten Musik-Files umschauen und diese löschen. Motto: „Bekämpfe Feuer mit Feuer, Technologie mit Technologie“. Unter den Usern hat der Gesetzesentwurf zu wahren Hasstiraden gegen Berman und die RIAA geführt. Bereits letzte Woche war die Website des Lobbyverbandes für einige Tage nicht mehr zu sehen, weitere Denial-of-Service-Attacken wurden angedroht, die RIAA-Zentrale mit Dutzenden Pizza beliefert, die sie gar nicht bestellt hatte. Auch KaZaA selbst nimmt Bermans Plan ernst. Das Unternehmen ruft die User zum Protest auf. In den nächsten Tagen soll gemeinsam mit dem Hersteller einer Anti-Viren-Software eine Sicherheitsstrategie veröffentlicht werden.

Lange nicht so hoch schlagen die Wogen in Deutschland. Obwohl 2001 fast 500 Millionen Titel heruntergeladen wurden, hätte eine Initiative „Berman“ im Bundestag keine Chance. Politiker und der Bundesverband Phono lehnen sie als unverhältnismäßig ab. Viel mehr als in den USA fürchtet die Branche um ihr Image. So will EMI-Business-Planner Dr. Carl Mahlmann Tauschbörsen allenfalls für „Promo-Aktionen“ nutzen: Soundfiles, bei denen nach 30 Sekunden die Musik abbricht und ein Sprecher auf das Veröffentlichungsdatum hinweist. Dr. Hartmut Spiesecke vom Bundesverband Phono will der Stimme aus dem Off lieber ermahnende Worte einhauchen: „Der User soll wissen, dass er illegal handelt. Man muss den Leuten klarmachen, dass sie nicht anonym surfen.“

Tatsächlich ist die IP-Adresse eines KaZaA-Rechners leicht zu ermitteln. Der amerikanische Verband der Filmindustrie sammelt solche Adressen und wendet sich an die entsprechenden Internet-Provider. Ein paar Nutzer haben deshalb von T-Online Post bekommen. „Nichts Schlimmes“, versichert ein Sprecher. Sie seien lediglich gebeten worden, urheberrechtlich geschützte Inhalte im Internet nicht wieder anzubieten. Egal, was im Brief vom Provider letztlich steht, der User wird ihn lange in Erinnerung behalten. Länger jedenfalls als einen kaputten Song von Eminem.

Im Internet:

www.zeropaid.com

www.janisian.com

www.house.gov/berman/

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