Zeitung Heute : Krieg der Gärten

Schilder auf dem Rasen vor dem Haus, Schilder in den Fenstern – in den USA wird der Streit um den Irak zum Nachbarschaftszwist: Notizen aus der amerikanischen Provinz

Lars Törne

St. Paul/Minneapolis

Sie war doch so stolz auf ihn. So stolz, dass sie ein Farbfoto ihres Enkels ins Schaufenster ihres Ladens hängte: Wilfred, 22 Jahre, mit Tarnanzug und Maschinengewehr. Gleich daneben stellte Barbara Lindstrom ein Schild mit dem Schriftzug „Support our Troops“, unterstützt unsere Truppen, dazu ein paar Stars-and-Stripes-Flaggen und zwei Stofftiere in Armeeuniform. Damals, im März, fand die 66-jährige Inhaberin eines Schlüsseldienstes es ganz und gar richtig, dass ihr Wilfred und seine Kameraden endlich in den Irak zogen. „Die hätten schon viel eher reingehen sollen, bevor Saddam alle Beweise vernichten konnte, dass er Massenvernichtungswaffen hatte“, sagt sie. Seit ein paar Wochen findet Barbara Lindstrom jedoch: Es reicht. Seit jenem Junitag, an dem ihr Wilfred von einem Iraker mit einem Messer angegriffen wurde, zwei Finger verlor, den Iraker erschoss und jetzt unter Albträumen leidet. „Jetzt will ich nur noch, dass unsere Jungs heil von da unten zurückkommen.“

Über 150 US-Soldaten sind bislang im Irak getötet worden, mehr als im Golfkrieg 1991. Der Einsatz spaltet die Nation. Nur noch 55 Prozent der Amerikaner unterstützen das Vorgehen ihrer Regierung im Irak, ergab eine Umfrage von CNN-Time vergangene Woche. In den Monaten zuvor waren es bis zu 80 Prozent gewesen. Der Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht, lässt sich besichtigen. Und zwar in den Vorgärten der Nation. Mit zahllosen Schildern in ihren kleinen Gärtchen oder in den Fenstern zeigen die Bürger, wo sie stehen. Wer in den Zwillingsstädten St. Paul und Minneapolis im Bundesstaat Minnesota durch die Wohnviertel spaziert, trifft alle paar Meter auf einen neuen Beleg dafür, wie tief die Kluft ist. „Wage Peace“ (führe Frieden) steht zum Beispiel in großen Buchstaben auf dem Schild, das Heid Erdrich und ihr Mann John Burke in den frisch gemähten Rasen gesteckt haben. „Ich kenne niemanden, der diesen Krieg noch unterstützt“, sagt die junge Literaturprofessorin. Sie kniet in der Nachmittagssonne auf der Treppe vor ihrem Einfamilienhaus im Universitätsviertel von St. Paul und rupft Unkraut zwischen den Stufen heraus. Tausende dieser Schilder steckten damals in den Vorgärten der ganzen Stadt, sagt Heid Erdrich. Nach dem offiziellen Kriegsende haben einige Nachbarn ihre Schilder wieder abgenommen. „Wir lassen es drin, bis wirklich Frieden herrscht und die US-Armee durch internationale Truppen der Vereinten Nationen abgelöst wird“, sagt John Burke.

Manchmal geht der Riss auch quer durch die Vorgärten. „Unser Schild drückt aus, wie ambivalent wir sind“, sagt die pensionierte Rechtsanwältin Mariana Shulstadt. Sie sitzt vor ihrem Zweifamilienhaus in einem der besseren Wohnviertel von Minneapolis. „Peace“ steht in großen Buchstaben auf dem Schild, das sie und ihr Mann Craig im Vorgarten aufgestellt haben. Und darüber, in kleineren Buchstaben: „Support our Troops“ – unterstützt unsere Truppen. Das Schild ist ein Kompromiss zwischen den Shulstadts und ihren Nachbarn, mit denen sie sich den Garten teilen. „Wir waren von Anfang an gegen den Krieg, weil es nicht genug Beweise gab, dass Irak Massenvernichtungswaffen hat“, sagt Mariana Shulstadt. Also steckten sie zu Kriegsbeginn ein Schild in den Garten mit der Aufschrift „Say No to War in Iraq“. Als sie aus dem Urlaub wiederkamen, hatten die Nachbarn das Schild „Support our Troops“ oben auf das Antikriegsschild montiert. „Wir wollten nicht unpatriotisch sein und unseren Truppen in den Rücken fallen“, sagt Mariana Shulstadt, „also haben wir es gelassen.“ Nach dem offiziellen Kriegsende tauschten die beiden das Antikriegsschild gegen ein Friedensschild aus. Das Pro-Armee-Schild blieb.

Für George Kronschnabel sind Kriegsgegner wie die Shulstadts in seiner Nachbarschaft eine kleine radikale Minderheit. „God bless our troops“ steht in großen Lettern auf dem Schild in seinem Vorgarten – Gott segne unsere Truppen. Daneben weht die US-Flagge im Wind. „Krieg ist immer schlimm“, sagt George Kronschnabel, der im Zweiten Weltkrieg gegen Japan und Deutschland gekämpft hat. „Aber irgendjemand musste Saddam stoppen.“ Kronschnabels Vorfahren kamen aus Deutschland, jetzt aber ist er sehr verärgert über das Land seiner Ahnen. „Ihr Deutschen und die Franzosen habt uns mit der Befreiung von Saddam allein gelassen, und ihr lasst uns auch mit dem Wiederaufbau im Stich“, sagt er. „Habt ihr schon vergessen, dass wir euer Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben?“

Auch Elmer Joseph Hankes, der ein paar Häuser weiter wohnt, ist Weltkriegsveteran. Mit ganz und gar anderen Ansichten allerdings. „George W. Bush ist ein Aggressor, der uns belügt und unsere Verfassung in Gefahr bringt“, sagt der 90-Jährige. Im Zweiten Weltkrieg rüstete Hankes als Ingenieur Bomber aus, um deutsche und japanische Städte zu bombardieren, heute kämpft der alte Mann mit dem wirren grauen Haar und der Baskenmütze vehement gegen den Krieg. Bushs Kurs stürzt Amerika in eine Wirtschaftskrise, befürchtet er. „War is ruinous – War will ruin US“ hat Hankes deswegen mit dickem Filzstift auf ein Schild geschrieben, das er zu Kriegsbeginn in seinen Vorgarten steckte. Am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, entschied sich Hankes für eine neue Botschaft. „Unsere Truppen haben genug gelitten!!“, schrieb er in großen Buchstaben auf eine Pappe, die jetzt an seinem Gartenzaun hängt. „Bringt sie sofort nach Hause. Entschuldigt euch bei der moslemischen Welt. Überlasst es den Vereinten Nationen, und enthebt Bush seines Amtes.“ Die meisten Passanten, die an Hankes Grundstück vorbeieilen, nehmen sich jedoch keine Zeit, sein Schild zu studieren. „Das ist ein aussichtsloser Kampf“, sagt der alte Mann, „aber ich will wenigstens sagen können: Ich habe versucht, etwas dagegen zu unternehmen.“

Barbara Lindstrom in ihrem Schlüsselgeschäft hat inzwischen den Krieg auf ihre Weise beendet. Nachdem in der vergangenen Woche tagelang Bilder des ersten toten US-Soldaten aus Minnesota in den Nachrichten gezeigt worden waren, beschloss sie, den Sender zu wechseln. Jetzt laufen im Fernseher in der Ecke ihres kleinen Ladens statt CNN, Fox News und den lokalen Nachrichten den ganzen Tag lang Zeichentrickfilme.

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