Zeitung Heute : Krieg der Ideologien

Der Kampf gegen den Islamismus wird in den Köpfen gewonnen

Zeyno Baran

Obwohl Extremisten beider Lager anderes behaupten befinden sich der Westen und Islam nicht in einem Kulturkampf – noch nicht. Stattdessen wird der Westen in einen Krieg innerhalb des Islam verwickelt, in dem sich Vertreter zweier konkurrierender Ideologien bekämpfen. Auf der einen Seite stehen Muslime, die in säkularen Demokratien leben möchten (oder es bereits tun), in denen bürgerliche Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit geachtet werden. Auf der anderen Seite stehen Muslime, die die aktuelle Weltordnung durch ein Kalifat ersetzen wollen, also durch die Weltherrschaft des Islam. Diese zweite Gruppe will einen echten Krieg der Zivilisationen herbeiführen, so dass sich die stille Mehrheit der Muslime für die eine oder andere Seite entscheiden muss. Aus verschiedenen kulturellen, historischen und politischen Gründen glauben die Extremisten, dass sich die große Mehrheit der Muslime mit der Zeit für ihre religiöse Identität und gegen westliche Werte entscheiden wird.

Am Ende des Kalten Krieges, beim Zusammenbruch des internationalen Sozialismus schien es, als habe der demokratische Kapitalismus des Westens seine ideologischen Mitbewerber besiegt. Doch während der Westen dieses „Ende der Geschichte“ feierte, tauchte eine neue ideologische Bedrohung auf – die des radikalen Islamismus. Eigentlich hatte der radikale Islamismus zum ersten Mal 1979 im Iran gesiegt, doch weil damals der Kalte Krieg noch in vollem Gange war, begriffen im Westen nur wenige die historische Bedeutung dieser islamischen Revolution. Tatsächlich begann die Politik erst nach den Anschlägen des 11. September wirklich zu begreifen, welche ernste Gefahr die islamistische Bedrohung für die etablierte Weltordnung darstellte. Als man sich dann bemühte, eine gezielte Reaktion auf den islamistischen Terror zu entwickeln, verkannten jedoch viele dessen existentielles Wesen. Wenn nun die Suche ernsthaft nach einer Strategie für diese dezentrale, langfristige Bedrohung beginnt, ist es entscheidend, die Ideologie zu verstehen.

Während der radikale Islamismus sicher keine Bewegung aus einem Guss ist, teilen seine Führer und Anhänger gemeinsame grundlegende Ansichten und benutzen ähnliche Handlungsstrategien. Die modernen Islamisten gestalten die interne Debatte im Islam, indem sie letztendlich faschistische Rhetorik, marxistisch-leninistische Methodologie und westliche Slogans mit reaktionären islamischen Lehren verbinden – und sie sind dabei, zu gewinnen. Die radikalislamische Bewegung ist umso schwerer zu besiegen, weil sie von den Stärken früherer totalitärer Ideologien gelernt hat – und ihre Legitimation nicht von einem einzelnen Anführer kommt, sondern von Gott selbst.

Die radikalen Islamisten haben die Leerstelle besetzt, die der Zusammenbruch des Kommunismus und die in Verruf geratene ideologische Führungsmacht Amerika hinterlassen haben, und die westliche liberale Demokratie zu ihrem Feind in einem neuen „Krieg der Ideologien“ erklärt. Dazu versucht die Bewegung, das Ideal einer vereinigten muslimischen Weltgemeinschaft (umma) zu verbreiten, die sie als vollkommen getrennt von westlichen Nationalstaaten und Gesellschaften sieht.

Hizb ut-Tahirr (HT, die Befreiungspartei), eine der erfolgreichsten islamistischen Gruppierungen, fungiert als Förderband für Terroristen. Während sich die HT sorgfältig von terroristischen Aktivitäten fernhält, fördert ihre radikale Ideologie die Rekrutierung der Terroristengruppen und liefert die Legitimation für deren Aktivitäten. Die Parteizentrale befindet sich in London und wird von erfolgreichen, gut integrierten, in Großbritannien geborenen Muslimen geleitet, die trotz der Vorteile von Bildung, Wohlstand und Akzeptanz die utopische Alternative der HT dem aktuellen Weltsystem vorziehen. Sie nutzen die Vorteile der offenen westlichen Gesellschaften voll aus, um ihre stark gegen das Establishment gerichtete antisemitische Ideologie zu verbreiten. Deutschland ist bisher das einzige europäische Land, in dem die HT verboten ist. Nach den Terroranschlägen in London beschloss der britische Premierminister Tony Blair ebenfalls, sie zu verbieten. Doch es ist außerordentlich schwierig, die Aktivitäten der HT zu unterbinden, denn diese Bewegung nutzt die Vorteile der verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten in einer zusammenwachsenden Welt mit deutlich mehr Erfolg als die westlichen Länder. Wie ihre faschistischen und marxistisch-leninistischen Vorgänger stilisiert sich die Gruppe zum Gegner sozialer Ungerechtigkeit, kann diese Botschaft aber an unterschiedliche Kontexte anpassen, so dass sich Muslime aus allen gesellschaftlichen, ethnischen, Rassen- und Bildungshintergründen davon angezogen fühlen.

Der Westen konnte den Kalten Krieg nach langen und gründlichen Studien der kommunistischen Ideologie und Taktik gewinnen. Um ihnen zu begegnen, bot er eine bessere Alternative an: Freiheit, Demokratie und eine Stärkung der Rechte des Einzelnen. Diesmal kennt die Zielgruppe die westliche Alternative sehr gut – und lehnt sie großenteils ab. Mehr und mehr Muslime – und nicht nur Terroristen – glauben, dass man in der jetzigen Weltordnung immer auf sie herabsehen wird. Sie glauben, dass Bushs „Agenda für Freiheit und Demokratie“ lediglich ein Trick ist, um sie zu beruhigen, damit Amerika seine globale Hegemonie weiter ausbauen kann.

In diesem ideologischen Krieg haben die USA ihren Gegnern bereits einen unguten Vorsprung eingeräumt. Mit ihrem Verhalten im Krieg gegen den Terror, vor allem mit den Vorfällen in Abu Ghraib und Guantanamo haben die USA das moralische Recht zum Teil abgegeben; vielerorts werden sie nicht mehr als gerechte und moralische Macht betrachtet. Stattdessen schafft die gemeinsame Empörung in der ganzen muslimischen Welt zum ersten Mal eine wirklich globale umma. Wie vorangegangene ideologische Kriege wird der Kampf gegen den radikalen Islam durch die Macht der Ideen gewonnen. Der Westen hat noch immer kein Bezugssystem, um die Ideen zu begreifen, die von den radikalen Islamisten verbreitet werden, ganz zu schweigen vom Verständnis ihrer wachsenden Anhängerschaft. Der Geist ist jetzt aus der Flasche, die stolze muslimische umma wird sich des vergangenen Ruhms ihrer islamischen Zivilisation mehr und mehr bewusst. Ihr politischer und militärischer Aufstand wird daher nicht leicht zu unterdrücken sein.

Um zu gewinnen, muss der Westen den Radikalen Legitimationen wie den Nahostkonflikt entziehen, die sie sich jetzt zunutze machen können. Gleichzeitig muss er die Muslime stärken, die die Radikalen bekämpfen. Der Westen muss unbedingt gegen die Verbreitung radikaler Literatur im Internet angehen. Noch notwendiger ist eine Bildungsreform, die radikale madrassas schließt, Frauen und Mädchen einbezieht und kritisches Denken fördert. Diese Reformen werden allerdings erst in einigen Generationen Früchte tragen.

Zeyno Braan ist Leiterin des International Security and Energy Programs des Nixon Center sowie Autor von „Hizb ut-Tahrir: Islam’s Political Insurgency“.

Aus dem Englischen von Susanna Nieder

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