Zeitung Heute : Krieg der Kekse

Manche feierten den Hansa wie die Auferstehung des Herrn – plötzlich war es zurück, das gelbe Gebäck der DDR. Wolfgang Fischer aus Sachsen-Anhalt hat es wiederbelebt. Die Geschichte eines Mannes, der keine Angst hat.

Nadja Klinger

In Viererreihen, die Abstände genau ausgerichtet und in straffem Tempo ziehen die Kekse auf dem Förderband an Wolfgang Fischer vorbei. Er nimmt die Parade ab. Steht. Guckt. Er trägt einen strengen Seitenscheitel, eine Lederjacke, Krawatte. Er grüßt stumm. Plötzlich fischt er einen Keks vom Band. Testet mit dem Finger die Creme, die aus einer Düse auf das Gebäck tropft. Sie ist zu weich. Er testet noch einen Keks. Auch zu weich! Er geht zu den Frauen an der Maschine. „Kaum schaut der Chef zu, klappt es nicht“, sagt eine. Das soll ein Witz sein. Aber der Chef lacht nicht.

Nicht dass er humorlos ist. Nicht dass nicht mal was mit der Creme nicht stimmen kann. „Aber das müssen die Frauen doch merken“, sagt er. „Und zwar schnell. Ist die Füllung zu weich, verrutscht das Gebäck. Jede Packung mit verrutschtem Gebäck ist eine, die nicht bestehen kann.“ Der Chef muss wachsam sein. Das hier auf dem Förderband ist so was wie eine Militärparade. Die Kekse sind Fischers Armee. Er zieht mit ihnen in den Kampf.

Dass er in diesen Kampf hineingeraten ist, ist ganz allein seine Schuld. Er wurde vor 59 Jahren geboren und ist im Städtchen Radis aufgewachsen. Er spricht den Dialekt der Menschen in Sachsen-Anhalt und sagt nie zu viel. Er hat Handball gespielt. Er wurde Dreher, Ingenieur für Wärmetechnik, und studierte Volkswirtschaft in Halle. Er war im Kombinat Nahrungsmittel und Kaffee für den Absatz verantwortlich. Mit den Angebotslisten fuhr er ins Ministerium nach Berlin. Dort wurden die Waren auf die Bezirke aufgeteilt. Das Meiste bekam die Hauptstadt, dann wurde Dresden bedacht. Am Ende musste für den Norden noch was übrig bleiben. Fischer hatte den Mangel zu verantworten, obwohl er die Verteilung nicht bestimmen konnte.

Zur Wende hat er mit einem Freund in Halle eine Handelsagentur gegründet. Die Arbeit war dieselbe wie vorher, nur dass er jetzt entschied. Anders als viele seiner Landsleute hatte er keine Angst, nicht zu bestehen. Was er nicht konnte, wollte er lernen. Er ist nach Bremen und hat sich mit Leuten zusammengetan, die Ahnung hatten. „Bromoschän und Mördschändeising war wichtig“, sagt er.

In Lutherstadt Wittenberg, ebenfalls Sachsen-Anhalt, erlebte derweil die alte Schokofabrik, die 1905 gegründet worden war, die Wende vom Sozialismus zum Kapitalismus. Was sie an Schwierigkeiten kannte, war der Mangel an Zutaten, vor allem an Kakao. Also hatte sie auf Bonbons umgestellt, dann auf Kekse. 1989 arbeiteten bei VEB Wikana 500 Leute. Dann hat ein Westdeutscher die Fabrik gekauft. Ein halbes Jahr war er da, dann war er weg. Es blieben 150 Mitarbeiter und kein Umsatz. Alle seien sie dann da gewesen, sagt Fischer, Bahlsen, Lambertz, De Beukela, Gresson. Sie haben das alte, siebenstöckige Backsteingebäude gesehen, „die Kiste“, mit ihren alten Fenstern und dunklen Gemächern, und sind wieder abgefahren. 1992 hat die Treuhand die Angestellten entlassen, die Fabrik liquidiert. „Für mich“, sagt Wolfgang Fischer, der einst nie genug Süßigkeiten von Wikana übers Land verteilen konnte, „war das immer noch eine supergroße Firma.“

Vielleicht war das die einzige Chance der Fabrik: dass jemand sie allen Ernstes für das Beste hielt. Wolfgang Fischer kaufte die Schokofabrik. Nun hatte er beträchtliche Schulden. Er hatte die Auflage, 20 Arbeitskräfte an sich zu binden. Er hatte das Verbot, das denkmalgeschützte Gebäude billig zu sanieren. Er bat den alten Betriebsleiter, ihm 20 Entlassene zurückzuholen. Er hatte keine Ahnung, ob deren Produktionserfahrungen ihm heute noch nützten. Die Festung, auf der er nun der Herr war, taugte nicht zum Kampf. Aber was er immer noch nicht hatte, war Angst. „Es kann so schwer nicht werden“, sagte er sich. „Die Kekse haben doch immer geschmeckt.“

Erst mal mussten die Kosten runter. Fischer hat die Zeitungen abbestellt, Verträge mit Handwerkern gekündigt. Er hat jeden Quadratmeter, den er nicht brauchte, vermietet. Von den Mieteinnahmen hat er Löhne gezahlt. Er ließ die Fußböden machen und 200 Fenster mit Fliegengaze versehen. Seine Öfen und Teigmaschinen waren noch in Ordnung, jedoch mussten Verpackungsmaschinen her. Neue Produkte mussten entwickelt werden. Fischer hat wieder Kekse produziert, zehnTonnen, heute sind es 150 Tonnen. Er schrieb drei Jahre lang rote Zahlen, ohne die Aussicht, irgendwann über den Berg zu kommen. Denn nicht durch Überzeugungskraft gelangten seine Kekse auf die Produktlisten der Geschäfte, es mussten Listungsgebühren gezahlt werden. Fischer konnte nicht zahlen.

„Ich wollte was Schönes“

1997 waren die fünf Jahre Wikana, zu denen die Treuhand ihn verpflichtet hatte, um. Da ist er mit seinem Latein auch am Ende gewesen. Aber Wolfgang Fischer kann nicht aufhören, etwas zu tun, nur weil dem Kopf nichts mehr einfällt. Fünf Jahre war er täglich mit dem Auto aus Halle nach Wittenberg gekommen. Manchmal schlief er gleich in der Pension gegenüber der Fabrik. Wikana war sein ganzes Vermögen, das materielle und überhaupt. Wikana war Fischer. Sein neues Leben. Dieses Leben hatte noch die alten Fenster und eine unansehnliche Fassade. Lieber mit gesenktem Kopf herumlaufen als renovieren und danach Konkursmasse werden, sagte er sich. Heute sagt er: „1997 hätte ich auf keinen Fall mehr eine solche Fabrik gekauft.“

Für die Standhaften hält das Leben Überraschungen bereit. Es fanden sich Handelsketten, die keine Gebühren wollten. Plötzlich kam Wikana in die Listungen. Mit läppischen zehn Prozent Zuwachs ging’s in den folgenden Jahren voran. Bis mit „Othello“ der Durchbruch kam. „Die Idee war von mir. Ich hätte sie früher haben können, aber ich wollte so eine Idee nicht haben“, sagt Fischer. „Ich hatte mit der DDR abgeschlossen. Ich kannte sie. Sie war nicht gut. Ich wollte was Neues machen, was Schönes. Ich hab die Nostalgie nicht verstanden. Der Ostrummel ist an mir vorbeigerauscht. Der Zug war schon fast vorüber, da bin ich schnell noch aufgesprungen.“

Wie der eckige, dunkle Othello-Keks zu DDR-Zeiten gemacht worden war, stand in Rezeptbüchern, die bei Wikana im Tresor lagen. Den Mann, der die Verpackung kreiert hatte, fand Fischer in Thüringen. Sie waren nicht schön, die Verpackungen, aber man sollte sie wiedererkennen. „Der Othello marschierte ab wie der Teufel“, erzählt Wolfgang Fischer. Binnen drei Wochen waren die Kekse ausverkauft. Das war wirklich teuflisch, weil sie in der Fabrik nicht vorbereitet waren. Marktleiter riefen an. „Erst wollt ihr in die Regale, jetzt könnt ihr sie nicht füllen“, schimpften sie. „Typisch Ossis!“

Aber die Ossis ließen sich nicht mehr abhängen. Bald belegte der Othello nach dem Russisch Brot aus Dresden in Ostdeutschland den zweiten Verlaufsplatz. Die Dänischen Butterkekse wurden Dritte. Die zu schlagen, war der Hammer. Plötzlich kam Geld. Fischer konnte Listungsgebühren zahlen. Wenn er eine Verpackungsmaschinen kaufte, war das der Mercedes unter den Verpackungsmaschinen. Jetzt produziert er 29 Sorten Gebäck. Seine Kekse haben das Qualitätssiegel der Marketing-Gesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft. Für die Sandwichkeksproduktion kaufte er eine Füllmaschine in Österreich, die modernste. „Wer weiß, ob Bahlsen so eine hat“, sagt er. Wolfgang Fischer hat eine Fanpostmappe. Das lutherische Kirchenamt bedankt sich für Gebäck zum Ökumenischen Kirchentag. Eine Ost-Rock-Party in Karlsruhe will auch Kekse haben. Othello-Fans hätten an der Packung gern ein Aufreißband. Zuweilen bringt Fischer Kekse in Wittenberger Schulen vorbei. Auch die Handballer von Radis haben etwas davon, dass er jetzt etwas Geld ausgeben kann. Als Gegenleistung steht Wikana auf ihren Trikots.

Drei Prozent mehr Lohn

Letzten Sommer riefen Fernsehsender in Wittenberg an. Fischer sollte Ostshows mit Keksen ausstatten. Der Rummel um den Osten hat ihm genützt, aber er taugt nicht als Lebensbedingung. „Othello ist der einzige Flachkeks mit Kakao“, sagt Fischer. „In ganz Deutschland.“ Mit diesem Keks will er jetzt in den Westen. Dort ist die Kaufkraft, da spielt die Musik. 50 Leute arbeiten bei Wikana, Bahlsen beschäftigt 22000. Das sind kaum vergleichbare Bedingungen. Aber auf der Süßwarenmesse hat ein Kollege von Bahlsen höflich gegrüßt und gefragt, wie es bei Fischer so läuft. Der anhaltinische Platzhirsch, der sich gerade zur Jagd auf die Westkundschaft rüstet, hat knapp geantwortet. Das könne er nicht genau sagen.

Einmal im Jahr, wenn Weihnachten ist, hält Fischer bei Wikana eine Rede, blickt zurück und voraus. Letztes Jahr hat er den Mitarbeitern drei Prozent Lohnerhöhung geschenkt. Ansonsten hält er nicht viel von Zusammenkünften, er sieht alle täglich, weil er fast täglich nach der Produktion sieht. Wird eine Schichtnorm nicht erfüllt, soll der Schichtleiter den Grund nennen. Stimmt was mit dem Antrieb an der Maschine nicht, muss der Schaden behoben werden. Ist der defekte Antrieb eine Woche später noch einmal der Grund, gerät Fischer aus der Ruhe. „Wenn ich an einer Sache nicht dran bleibe, erledigt sie sich nicht“, sagt er und zwar absolut verständnislos. „Ich bin bei Wikana härter geworden, als ich eigentlich bin“, sagt er. In den Produktionshallen trägt er einen weißen Kittel. Die Krawatte schaut am Hals hervor. „Ich will nicht wie ein Chefarzt rumlaufen“, sagt er. „Ich würde lieber blind vertrauen.“ Gestern hat er darauf hingewiesen, dass der Datumsstempel verrutscht ist. Heute ist er immer noch schief. Fischer geht in den Frühstücksraum und knallt das Stempelproblem auf den Tisch. „In der Teigmacherei sieht’s auch dreckig aus. Da sind Sie länger als zu Hause“, fügt er hinzu.

Wolfgang Fischer sagt nicht mehr Betrieb, sondern Firma. Sagt nicht Kollektiv, sondern Team. Seine Kollegen sind jetzt Mitarbeiter. „Natürlich könnte ich hier alles so nennen, wie sie es immer genannt haben. Jeder würde mich verstehen.“ Aber es ist nicht mehr, wie es immer war. „Das kollegiale Wischiwaschiprinzip funktioniert nicht“, sagt der Chef. „Es passt nicht zur Wirtschaft.“

Es heißt, Fischer habe einen langen Atem. Weist man ihm einen Fehler nach, gibt er ihn trotzdem nicht gleich zu. Möglicherweise gibt er ihn nie zu. Frauen sagen, dass er sich verändert habe, sagt Fischer. Seine Männerfreundschaften sind sowieso anders geworden. Bei jedem Bier kommt man auf die Firma zu sprechen, auf die Kunden, auf Mitarbeiter, menschliche Schwächen. Wolfgang Fischers Leben ist größer geworden, aber irgendwie hat er sich auch eingeschränkt. Er ist 59. Seine Tochter soll alles mal übernehmen. Aber sie will die Fabrik nicht, denn sie müsste sie wohl heiraten. Ein bisschen so wie man den Partner fürs Leben findet, ist Fischer jetzt zu „Hansa“ gekommen. Auch dieser DDR-Keks war verschwunden. Fischer hat ihn gesucht. In Norddeutschland fand er einen Honighändler, dem der Name und das Rezept gehörten. Fischer hat verhandelt und gekauft. Er kam sich wie ein Agent vor. Irgendwie fühlte er sich beobachtet. Ist zum Patentamt geschlichen, um die Marke auf sich umschreiben zu lassen, und erst dann an die Öffentlichkeit gegangen. Das war Ende 2003. Die Mitteldeutsche Zeitung vermeldete die Rückkehr des Kekses wie die Auferstehung des Herrn.

Derweil buken sie bei Wikana nach dem Rezept, bekamen aber die Kekse nicht hin. Das Zitronenaroma in der DDR war viel milder als im Westen. Fischers Verkosterteam identifizierte nicht Hansa, sondern Zitronengebäck. Auch waren die Kekse nicht so schön gelb wie in der DDR. Also haben die Wittenberger sich ins sächsische Brand-Erbisdorf aufgemacht, wo Hansa einst hergestellt wurde. Sie haben den Backmeister gefunden. Der ist mit in die Lutherstadt gekommen. Es war ein Auflauf, als ginge es darum, den Osten zu retten. Ohne den Backmeister wäre die Rettung nicht gelungen. Er veränderte den Geschmack durch die Reihenfolge der Zugabe. Er bekam die gelben Kekse hin. Seit März ist der Hansa nun da und er ging noch schneller ab als der teuflische „Othello“. Wolfgang Fischer sagt: „Jetzt kann ich die Fenster sanieren.“

Lutherstadt Wittenberg hat 20 Prozent Arbeitslose. Wolfgang Fischer nimmt dem Arbeitsamt jährlich fünf Leute ab. Jetzt will er in seinem Haus einen Mechaniker ausbilden. Er hat Zettel in der Fabrik aufgehängt. Zunächst sollen sich Söhne, Neffen und Bekannte seiner Mitarbeiter bewerben. Er hat schon viel Post. Wenn der „Hansa“ weiter so läuft, will er irgendwann dreischichtig fahren mit dreimal so vielen Leuten. Irgendwann. Er hat ja seinen langen Atem.

Vor Monaten ist er mit dem Verkaufsleiter der sächsischen Süßwaren GmbH „Zetti“, die DDR-Schokoladen wieder aufgelegt hat, auf einer Messe gewesen. Der Veranstalter hatte gleich hinterm Eingang einen großen Pfeil angebracht, der die Besucher geradewegs an den Ostdeutschen vorbei in die erste Etage zu den Weihnachtsprodukten schickte. Also haben Fischer und sein Kollege aus Leipzig sich direkt neben den Pfeil gestellt. Sie hielten jeder ein Tablett mit ihren Keksen und der Schokolade. „Da oben gibt’s das Weihnachtszeug“, haben sie zu den Leuten gesagt, „aber da hinten in der Ecke, da stehen wir!“

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