Zeitung Heute : Krieg der Welten

Gräfin gegen Sozi – in der Uckermark tobt ein Nachbarschaftsstreit. Es ist ein Kampf zweier vergangener Systeme

Deike Diening[Mahlendorf]

Der Tag, an dem sich der böse Verdacht in der Gräfin zu einer Gewissheit auswuchs, liegt jetzt über ein Jahr zurück. Sie wusste sofort, dass die Stangen von ihrem alten Holzstapel stammten. Sie konnte es an den Nägeln und Krampen sehen, nur dass ihr Holz jetzt angestrichen im Zaun ihres Nachbarn hing.

Es war ein Zaun, der eine Wiese umgrenzte, die die Gräfin auch lieber selber gekauft hätte, wenn nicht Markus Meckel den Zuschlag bekommen hätte. Meckel, SPD-Abgeordneter im Bundestag, letzter Außenminister der DDR, hatte vor Jahren neben ihr ein Häuschen gekauft, was ihr auch schon nicht gefallen hatte. Handelte es sich doch um Grund, der seit langer Zeit im Besitz derer von Arnims gewesen war.

Angelica von Arnim, 69, schrieb also Markus Meckel einen Brief, in dem stand, dass er nicht ihr Holz nehmen solle. Markus Meckel, 54, der sich keinen Dieb nennen lassen wollte, klagte beim Landgericht Neuruppin. Und ein Richter, 43, beugte sich deshalb gestern auf einer uckermärkischen Wiese über sein Diktiergerät und hielt fest, was die beiden über ihre Zaunstangen zu sagen hatten.

Mahlendorf ist ein malerischer Ort mit nur vier Häusern. An diesem Morgen sieht es so aus, als hätte hier über einem Zaunpfahl die Geschichte die deutsche Kunstform des Nachbarschaftsstreits angenommen: zwei untergegangene Systeme stehen sich gegenüber. Sie kämpfen noch.

Die Welt hat in den vergangenen Jahren aus der Presse von den Kollateralschäden dieses Kampfes erfahren, von abgesägten Mirabellenbäumen, von einer Attacke mit stinkender Flüssigkeit auf Meckels Auto. Man weiß, dass Meckel die Gräfin einmal mit Nacktbaden im See entsetzt haben soll, und dass die Gräfin im Prinzip jedem den Zutritt erlaubt, mit Ausnahme von Markus Meckel. Vielleicht betrachten die meisten Anwesenden auch deshalb ihr Hiersein an diesem Morgen als Satire.

Die Gräfin macht erst mal die bessere Figur. Wie sie agil und kurz vor zehn in ihren Reithosen eine Stange herbeischleppt. Wie sie den roten Arbeitsover- all überstreift, und wie sie dann mit altem Schmuck und in Arbeitsmontur mit dem roten Trecker heranknattert, vorne vier angriffslustige Forkenspitzen. Die Gräfin steigt vom Traktor und nimmt ein Bad im Blitzgewitter der Fotografen, „also nein, also nein“, lacht sie. Sie ist aufgeräumt. Ihre Familie geht seit Generationen auf die Jagd, und auch sonst nimmt sie die Dinge lieber bei den Hörnern. Und jetzt ist Ortstermin.

Ein paar Tage zuvor wollte Markus Meckel, er war gerade im Wahlkreis unterwegs, nicht sehen, dass die Sache eine geschichtliche Dimension angenommen hatte. „Es geht darum, dass ich den Diebstahlsvorwurf nicht auf mir sitzen lassen kann.“ So viel konnte man verstehen, auch wenn das Autotelefon knisterte. „Ich kann mich nicht einen Dieb nennen lassen – alles andere steht nicht zur Debatte.“

Aber wenn nicht noch etwas anderes zur Debatte stünde, hätten sie in Mahlendorf nicht einen Bratwurstgrill angeworfen, dessen Grillgut die Fotografen verspeisen. Und dann wären hier nicht die anderen Nachbarn angereist. Die drei strittigen Koppelstangen lagern seit einem Jahr als Beweismaterial in einem Schuppen der Gräfin. Der Richter diktiert: „Absatz. Die Beklagte erklärt, die Stange mit dem durchgehenden Anstrich war im Brief nicht gemeint. Punkt.“

Markus Meckel ist studierter Theologe, also im Prinzip für Frieden immer zu haben. Im Charakter aber auch einer, der Auseinandersetzungen nicht fürchtet. „Nie habe ich etwas getan, das als Angriff zu werten war“, sagte er. Die Nachbarn beobachteten ihn dabei, wie er plötzlich mit einer neuen Frau auftauchte. Sie meldeten ihre Beobachtungen in den rosa Jagdsitz. Die Nachbarn, Familie Podschun, sind beide 37 und haben zwei Kinder. Warum sie Partei für die Gräfin ergriffen? Warum sie an die Baumstämme vor ihrem Haus Bibelsprüche in Klarsichtfolie, als Botschaft an „den Pfarrer“ Meckel, heften: „Die Sprüche Salomons 15,25: ,Der Herr wird das Haus des Hoffärtigen einreißen; an den Grenzstein der Witwe wird er schützen.’“?

Es ist Loyalität, die schon mehr als 200 Jahre alt ist. Schon der Urgroßvater hat beim Grafen gearbeitet, als Heckenwärter, und auch der Großvater habe immer gut über den Grafen gesprochen. Wenn die Podschuns die Familie der Gräfin verteidigen, verteidigen sie auch ihre eigene Familiengeschichte.

Was denn der Meckel überhaupt hier wolle, fragt sich ein Bewohner des Nachbardorfs, der habe doch den versteckten Flecken auf seiner Haussuche vor mehr als zehn Jahren gar nicht finden können, wenn er nicht schon von der Stasizeit her mit dem Ort bekannt gewesen wäre, als nämlich das ZK-Mitglied Werner Krolikowski auf dem von Arnim’schen Anwesen residiert habe. Erst als die DDR schon tot war, sagt der Nachbar, seien Leute wie Meckel als Revolutionäre aufgetaucht. „Nimm die Hände ausse Taschen“, ruft er in Richtung Markus Meckel. „Hände ausse Taschen!“ Beim Gericht schon habe der Meckel immer die Hände in den Taschen gehabt. „Der hat ’ne ganz schlechte Kinderstube.“

Haben sie sich jemals ein Friedensangebot gemacht, einfach so, unter Nachbarn? „Dafür wäre Jahre Zeit gewesen“, sagt die Gräfin, „jetzt ist es zu spät.“ Meckel hat erzählt, wie er anfangs mit einer Flasche Rotwein an die Tür des Jagdhäuschens trat. Die Gräfin hatte den alten Familienbesitz nach der Bodenreform, für die ja auch Meckel persönlich eingetreten ist, zurückkaufen müssen, statt ihn einfach überschrieben zu bekommen. Er also habe geklingelt, „lassen Sie uns in Frieden leben“ – und habe zu hören bekommen: „Sie wollen ja nur, dass Mahlendorf bürgerlich wird.“ Schriftlich habe die Gräfin ihm dann versichert, dass sie ihn hier nicht haben wolle.

Nun kommen alle Beteiligten von der Besichtigung zurück. Der Mann aus dem Nachbardorf baut sich vor Meckel auf: „Sie kennen das doch hier alles von früher.“ Meckel weicht nicht. „Bestellt“ nennt er den Ausbruch vor den Kameras. Die Tochter der Gräfin fängt plötzlich an zu weinen, „ich will, dass dieser Mensch hier endlich verschwindet“.

Der Richter aus Neuruppin wird nun einen Schriftsatz aufsetzen. Er hofft, dass beide Seiten damit werden leben können.

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