Zeitung Heute : Krieg in Afghanistan: Grenzland, Zornesland

Ulrich Ladurner

Die Ausfallstraße ist schnurgerade, sie schneidet ein Häusermeer in zwei unterschiedliche Hälften. Rechts der Straße stehen armselige Hütten aus Lehm, auf der linken Seite Villen hinter hohen Mauern. Darüber hängt eine Wolke aus Staub und Smog. Das ist die Vorstadt von Peshawar, wenige Kilometer von der Grenze Afghanistans entfernt. Sie ist das natürliche Ziel afghanischer Flüchtlinge.

Rechts, in den Lehmhütten, lebt die erste Generation der unglücklichen Afghanen. Sie sind seit 1979 hier, als die Sowjets Afghanistan besetzten. Die Letzten kommen, seit die USA beschlossen haben, das Land hinter dem Khyberpass zu bombardieren; sie finden weiter draußen Unterschlupf, in den frisch angelegten Lagern. Die Neuen gelangen bisher nur tröpfchenweise hierher, denn die pakistanische Regierung hält die Grenze geschlossen. Zweieinhalb Millionen Afghanen leben bereits in Pakistan. Mehr, sagen die Behörden, sind nicht tragbar. Die Uno schätzt, dass innerhalb Afghanistans etwa siebeneinhalb Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind.

In einer schlammigen Gasse, wenige Meter von der Ausfallstraße entfernt, befindet sich eine Telefonvermittlungszentrale. Hier laufen viele Fäden zusammen. Die Menschen telefonieren rund um den Globus, nach Australien, nach Europa, in die USA, dorthin, wo ihre Angehörigen in den letzten 20 Jahren gelandet sind. Manche versuchen auch, eine Verbindung nach Kabul herzustellen, Kandahar, Herat. Sie haben noch Verwandte dort, und sie sorgen sich nun um deren Wohl.

Der Raum ist wenige Quadratmeter groß, und er ist überfüllt mit Männern. Stimmengewirr, Gedränge, ein Geruch nach gestampfter, nasser Erde. Gerade so viel kann ein Mann erzählen: "Als wir 1979 ankamen, gab es hier nichts als plattes, staubiges Land. Jetzt leben wir etwas besser." Dann kommt ein Polizist in den Raum und unterbricht das Gespräch. "Sie müssen weg hier!" Das Maschinengewehr pendelt an seiner Schulter. Draußen hält ein Polizeiwagen, und ein Offizier wiederholt den Befehl. "Sie können hier nicht bleiben! Das ist zu ihrem Besten!" Der Offizier salutiert. Der Fahrer braust tiefer in das Lager hinein. Die Flüchtlinge springen zur Seite.

Pakistans Militärregierung hat eine Warnung an alle Afghanen im Land ausgegeben. Wer von ihnen an Demonstrationen teilnimmt, wird umgehend deportiert. Das ist eine der Maßnahmen, mit denen Präsident Pervez Musharraf die Tag für Tag stattfindenden Proteste gegen den Bombenkrieg unter Kontrolle halten will. Zu den meisten Flüchtlingslagern ist der Zutritt verboten. Das liegt auch daran, dass die Flüchtlinge aufgebracht sind und sich in diesen Tagen schnell mit jedem anlegen, der wie ein Fremder aus dem Westen aussieht.

Die Menschen in den Lagern sind aus den unterschiedlichsten Gründen geflüchtet, vor den Russen, vor den Mujahedin der Nordallianz, vor den Talibanmilizen, andere schlicht vor Hunger und Kälte. Aber der "Krieg gegen den Terrorismus", den die USA ausgerufen und nach Afghanistan getragen haben, eint sie in ihrem Zorn gegen den Westen. Sollten die Strategen des Pentagon mit ihren Bomben beabsichtigt haben, die Gegner der Taliban zu ermuntern und zu stärken - in den Lagern von Peshawar haben sie eher das Gegenteil erreicht.

Auf der linken Seite der Straße ist es leichter, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Hier leben die gut situierten Bewohner von Peshawar, Unternehmer, Landbesitzer, Politiker. Sie können es sich leisten, ihre Kinder zum Studium in die USA zu schicken. Für sie sind die Flüchtlinge auf der anderen Seite der Straße armseliges Strandgut, das ihnen unglücklicherweise vor die Füße geschwemmt wurde - eine lästige Erinnerung daran, dass sie nahe an einem der unglücklichsten Orte der Welt leben: Afghanistan.

"Dieses Viertel heißt Kacha Ghari", sagt Anwar Karmal Marwat, "eigentlich ist es ein nobles Viertel von Peshawar. Sollte es sein!" Anwar Marwat sagt das nicht in einem wütenden Ton. In seinem Beruf muss er Worte abwägen, bevor er sie ausspricht: Er ist Politiker, Senator für die Muslim League Pakistans, jener Partei, die bis zum 12. Oktober 1999 das Land regierte. Damals hat Pervez Musharraf, der Generalstabschef der Armee, die Macht an sich gerissen und Marwats Parteichef Nawaz Sharif hinter Gitter gebracht. Der Vorwurf an Sharif lautete: Korruption und Aushöhlung der Institutionen. Marwat ist seitdem suspendierter Senator.

Wie man in Pakistan zum Politiker wird, lässt sich leicht an Marwats Wohnzimmer ablesen. An der Wand ein Porträt seines Großvaters; er war ein hohes Tier in der Muslim League. Gegenüber dem Bild des Großvaters, über dem Fenster, das zum Garten hinausführt, ist eine Fotografie von Marwat ausgestellt. Ein weitgeschwungener Schnauzbart, leichte Stirnglatze, volle Lippen, große, schwarze Augen - er könnte Schauspieler in einer der indischen Bollywood-Produktionen sein. In einigen Jahrzehnten wird sicher noch ein drittes Bild an der Wand hängen: das von Marwats Sohn. In Pakistan vererbt sich nämlich die politische Macht wie anderswo Reichtümer. Hier herrschen Dynastien.

Afghanische Flüchtlinge leben schon seit Jahrzehnten in Pakistan. Wie haben sie das Land verändert? "Kalaschnikow", sagt Marwat bestimmt, "sie haben die Kalaschnikow nach Pakistan gebracht! Das gab es vorher bei uns nicht." Marwat fügt noch eine ganze Liste weiterer übler Dinge hinzu, darunter aber vor allem eines: Drogen.

Tatsächlich hat der Drogenkonsum in Pakistan in den letzten Jahren nach offiziellen Zahlen dramatische Ausmaße angenommen. 1979, als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten, gab es in Pakistan so gut wie keine Drogenabhängigen, 1986 waren es 650 000, 1992 schon drei Millionen, und 1999 ist die Zahl auf fünf Millionen geschnellt - der Drogenkomsum stieg in direktem Verhältnis zum Zerfall Afghanistans an. Auch das berichtet Marwat mit der Nonchalance eines Mannes, der in einer etwas rauen Nachbarschaft lebt: schlimm, aber Alltag.

Dazu gehört die Erkenntnis über die Verantwortung, die Pakistan trägt. Der Geheimdienst des Landes hat kräftig mitgeholfen, die Taliban zu etablieren - mit der Folge, dass Afghanistan zum größten Opiumexporteur der Welt aufstieg. Das leugnet niemand mehr, auch nicht Marwat. Aber von der Vergangenheit will er nicht reden. Ihn interessieren das Heute und die Zukunft seines Viertels, in der sich ein Stück von der Zukunft Pakistans spiegelt. "Die Flüchtlingslager auf der anderen Seite der Straße", sagt er, "haben sich zu einem Staat im Staate ausgebildet. Die Polizei hat dort nichts zu melden. Die Lager sind inzwischen zu einem Stammesgebiet geworden. Alle sind bis auf die Zähne bewaffnet."

In diesen Dingen kennt Marwat sich aus. Er selbst ist der Chef eines Stammes an der Grenze zu Afghanistan. In diesen Gegenden hat der pakistanische Staat wenig Autorität. Pervez Musharraf kann sich noch so sehr hinter die US-geführte Koalition stellen, er kann noch so gekonnt die Balance zwischen den Fundamentalisten im eigenen Land und den Wünschen der Supermacht halten: Gegen den Willen der Stämme kann er sich nicht durchsetzen.

Fünf Stämmesführer haben in diesen Tagen angekündigt, dass sie ihre Kämpfer nach Afghanistan schicken werden. Außerdem wollen sie die Waffenproduktion, in der sie eine lange Tradition haben, wieder aufnehmen. In den Stammesgebieten haben die Bomben eine Solidarisierungswelle mit den Taliban ausgelöst, so wie sie in den Lagern von Peshawar Einheit herstellen, wenn auch nur in blinder Wut gegen den übermächtigen Westen. "Das war zu erwarten", sagt Marwat in gewohnt beiläufigem Tonfall.

Noch einmal über die Straße, zu den Lehmhütten. Kaum hält der Wagen, ist er auch schon umringt von Jugendlichen, die neugierig durch das halb geöffnete Fenster blicken. Es dauert keine Minute, und sie trommeln mit den Fäusten auf das Blech. Ein Polizist kommt und bellt Befehle. Die Flüchtlinge stieben auseinander. Ein Junge wirft noch ein Blatt Papier ins Auto. Mit eiliger Schrift steht geschrieben: "We will take Jihad to USA. It will end like Russia. I also go to Jihad." Unterschrieben: Seraj-u-ddin. Geschätztes Alter: jünger als 14.

Auf dem Weg zurück ins Zentrum der Stadt stehen Soldaten an den großen Kreuzungen, Stahlhelme auf dem Kopf, Gewehre im Anschlag. Grimmig blickende Schützen haben sich hinter Maschinengewehren verschanzt, die auf Pritschenwagen befestigt sind. Die Polizisten haben sich reihenweise in den Gassen des Bazars postiert, mit langen Schlagstöcken, Schildern, Tränengaspitolen bewaffnet. Misstrauisch blicken sie auf die Demonstranten, die an ihnen vorbeiziehen. Es sind nicht viele, 2000 vielleicht. Auf einem Platz, an dem mehrere Gassen zusammenlaufen, richten einige von ihnen eine Puppe in die Höhe. Es ist George W. Bush. Die Menge johlt. Die Puppe brennt. Die Menge schreit. Danach verliert sie sich ohne großes Aufsehens im Gassengewirr des Bazars. Das ist Peshawar, Pakistan, am fünften Tag nach dem Beginn des Bombenkrieges gegen Afghanistan. Es ist ein Freitag, Tag des Gebets.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!