Zeitung Heute : Krieg um die Herzen

Saddams Appelle ans Nationalgefühl kommen an

Asne Seierstad[Bagdad]

Er war immer ein Gegner des Regimes. Einer von denen, die flüsternd von ihrem Hass auf Saddam Hussein sprachen, wenn sie sicher waren, dass niemand zuhörte. Früher sagte Isam, die Amerikaner sollten nur kommen. „Dann werden wir endlich unseren Präsidenten los.“ Aber jetzt, nach den Tagen des Bombardements, sagt Isam plötzlich: „Sie haben unser Land besetzt, unsere Frauen und Kinder getötet und unsere Paläste zerbombt. Ich kann nicht ruhig dasitzen und zusehen, ich will für meine Stadt kämpfen. Kein Amerikaner soll jemals in Bagdad herrschen.“

Isam hat viel ferngesehen in letzter Zeit, tagelang. Das irakische Fernsehen hat sich geändert: Die Moderatoren tragen jetzt Uniform, ein Militärmarsch nach dem anderen wird gespielt, ständig gibt es Appelle, das Vaterland zu verteidigen. Verletzte werden im Krankenhaus interviewt, Stammesführer rufen zur Einigkeit auf.

Die Sirenen heulen, die Bomben fallen, und Bagdad richtet sich damit ein. Geschäfte sind in den Morgenstunden geöffnet, man trifft sich in den Teehäusern und Cafés, Autos stehen im Stau – nur sind diese Staus etwas kleiner als früher. Die Zeitungen erscheinen immer noch, es gibt Strom, und aus dem Wasserhahn kommt warmes Wasser. Das Telefon funktioniert. Der größte Unterschied zur Zeit vor dem 20. März besteht darin, dass niemand mehr zur Arbeit geht.

Aladins Café im Karada-Viertel von Bagdad ist halb voll. An ein paar Tischen hat die örtliche Miliz Platz genommen, an den Stammtischen sitzen die, die immer dort sind. Aladin serviert Kebab und gegrillte Fleischspieße mit Brot, Tomaten und Zwiebeln. Gellende Musik kommt jetzt aus dem Fernsehgerät, dann ist das Symbol des Irak zu sehen, der Adler. Die Rede kann beginnen. „Stolze Iraker, mutige Krieger der bewaffneten Streitkräfte, Friede sei mit euch“, beginnt Saddam Hussein. „Alle dieser stolzen, geduldigen, ehrlichen und heldenhaften Nation wissen, dass wir auf der richtigen Seite kämpfen. Jetzt müssen wir zusammenrücken, jetzt müssen wir der Welt zeigen, wer wir sind.“

Alle Augen im Café sind auf den Bildschirm gerichtet, auf den Mann, nach dem die Amerikaner suchen. Vor, während und nach der Rede sind Explosionen zu hören. Aber alle verharren unbeweglich auf ihren Stühlen und hören zu. Gelassen sitzt Saddam Hussein hinter seinem Tisch, spricht von Siegen in Basra und Nasria, von abgeschossenen Hubschraubern und Kriegsgefangenen. Und demonstriert damit, dass die Aufnahmen neu und echt sind.

Nach der Rede wird wieder ein Militärmarsch gespielt. Isam ist beeindruckt. „Das war wirklich sympathisch“, sagt er. „Am Schluss hat Saddam die Namen mehrerer Generäle, Stammesführer und Offiziere verlesen, die besondere Verdienste erworben haben. Als wolle er die Ehre nicht nur für sich beanspruchen. Als seien wir alle zusammengerückt bei diesen Kämpfen. Das hat er noch nie gemacht.“ Morgen will Isam zur früher so verhassten Baath-Partei gehen, dem verlängerten Arm Saddams. Er will jetzt Mitglied werden.

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