Zeitung Heute : Krieg um Santa Claus

Von Martin Kilian

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O Tannenbaum! Das amerikanische Weihnachtsfest zieht herauf! Seit Wochen giere ich dem Freudentag entgegen und schwelge rührselig im sentimentalen Plastikrausch made in China des hiesigen Christmas. Das amerikanische Weihnachten ist so süß wie Sirup, und auf meinem Landsitz im schönen Charlottesville im Staat Virginia erstrahlt bereits ein fertig präparierter Plastikweihnachtsbaum made in China mit kunterbunten Lichtern.

Die Anrichte ächzt unter der Last des obligatorischen „Fruitcake“, eines mörderischen Backwerks hart wie Beton, damit es noch in Jahrzehnten ohne zu bröseln nichts ahnenden Gästen vorgesetzt werden kann. Und vor dem Haus baumeln Lichterketten made in China und grüßt ein aufblasbarer Santa Claus von drei Metern Höhe made in China. Daneben platzierte ich ein herziges Bambi made in China mit blinkenden roten Lichtlein ums Näslein, auch soll eine vielfarbene Plastikkrippe made in China die Töchter erfreuen, wenn sie am Wochenende des Studiums schwere Last abschütteln und nach Hause jetten.

Rudolf, den rotnäsigen Hirsch made in China, habe ich sogar aufs Vordach gestellt, wo er nun lustig den Himmel nach ersten Anzeichen für die Ankunft des Weihnachtsmannes made in China abschnüffelt. Ergriffen vom goldigen Ambiente trinke ich einen Eierlikör und lausche der Weihnachtsmusik. Leider haben Iron Maiden, Megadeath und andere Schwermetaller auch heuer wieder keine Weihnachts-CD eingespielt, weshalb ich mit leichter Muse Vorlieb nehmen muss: Die Jackson 5 mit „Santa Claus Is Coming to Town“ und „All I want for Christmas is you“ von Mariah Carey.

Vor der Rückkehr nach Washington besah ich zufrieden die Vorbereitungen, stieg sodann ins Auto, schaltete das Radio an – und prallte zurück. Von einem „Krieg gegen Weihnachten“ war die Rede! Amerikanische Christenführer und rechte Kulturkämpfer wähnen ihn überall, diesen Krieg. Das schwarze Amerika feiere Kwanzaa, die jüdische Gemeinschaft Chanukka, Muslime, Agnostiker, Freidenker und Gottlose feierten überhaupt nicht, donnern sie.

Politische Korrektheit erfordere deshalb den Verzicht auf „Fröhliche Weihnachten“, allerorten hieße es nurmehr „Schöne Feiertage“, lärmen die gefährlich aufschäumenden Gottesmänner und ihre Haubitzen in den Medien. Obendrein würden die Symbole des Weihnachtsfestes geradezu stalinistisch unterdrückt, womit es nur eine Frage der Zeit sei, bis Christen wieder den Löwen vorgeworfen würden. Wow!

Unterwegs machte ich in einem riesigen Einkaufszentrum in einem Vorort Washingtons Halt, um dort zu sehen, ob tatsächlich „Krieg gegen Weihnachten“ geführt wird. Schlachtenlärm drang aus dem Gebäude, und Rauchschwaden kündeten von schweren Gefechten. Drinnen randalierten grässliche Gestalten, darunter Voltaire („jeden ehrenhaften Menschen muss es vor der christlichen Sekte grausen“), der einer Elfe made in China mit einem Prügel drohte. Neben ihm kippte Bertrand Russell („Religion ist eine Krankheit“) eine Krippe made in China um.

Es kam indes noch schlimmer: Kaltblütig legte Papa Hemingway („alle denkenden Menschen sind Atheisten“) vor einem Laden voller Lederjacken made in China mit einer Bazooka auf den rotnäsigen Rudolf made in China an, derweil Nietzsche („Gott ist tot“) bunte Girlanden made in China herunterriss. Und Benjamin Franklin („ich fand die christlichen Dogmen unverständlich“) attackierte mit einem Blitzableiter Weihnachtszwerge made in China, derweil Einstein („ich glaube nicht an einen persönlichen Gott“) in die mit Weihnachtssternen bepflanzten Blumentöpfe made in China pinkelte. Dazu erklang infernalische Musik: Marilyn Manson, Motörhead, Black Sabbath, Van Halen.

So geht es nun wirklich nicht. Es ist eine Sache, Agnostiker oder Heide zu sein. Aber das darf doch nicht in ungehemmten Vandalismus ausarten. Nicht nur ist es eine Schande. Es verstört die Kinder.

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