Zeitung Heute : Krieg und Frieden machen

Wie eine Neu-Berlinerin die Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Großstädte mag ich. Im Wesentlichen mag das damit zu tun haben, dass ich meine Jugend in einer besonders öden niedersächsischen Provinzkleinstadt verbracht habe. Ich bin dann nach Hamburg gezogen. Ein Fortschritt, sicher. Aber irgendwie reichte es mir nicht: In Hamburg gibt es spätestens ab 15 Uhr in den meisten Cafés kein Frühstück mehr. Es gibt so wenig Veranstaltungen, dass die Stadtmagazine nur einmal im Monat erscheinen. Und wochentags nachts um drei ist es schwierig, noch irgendwo Falafel zu bekommen. Keine Frage: Hamburg ist doch irgendwie – provinziell. Seit diesem Sommer wohne ich in Berlin.

„Du bist aus Hamburg weggezogen?“, fragte mich M. kurz nach meinem Umzug am Telefon. M. ist gebürtiger Hanseat. Es lag ein unüberhörbarer Vorwurf in seiner Stimme, denn gebürtige Hamburger lassen auf ihr Hamburg nichts kommen.

„Ja, nach Berlin.“

„Ach Gott. Das tut mir Leid. In welchen Bezirk?“

„Neukölln.“

„Auch das noch.“ M. hatte mal wenige Semester in Berlin studiert und kannte sich aus. Für M. sind Frühstückscafés, Stadtmagazine und Falafel kein Argument. M. klärte mich schonungslos auf: Die Stadt ist hässlich, grau, dreckig und anonym, die ganzen Kampfhunde gemeingefährlich, die Taxifahrer unfreundlich, die BVG unzuverlässig, vor allem aber (und hier wurde seine Stimme wirklich ganz drohend): der Berliner Winter. Die Hölle auf Erden. Die sibirische Kälte (kälter als Hamburg), alles noch grauer als ohnehin schon (ganz anders als in Hamburg), die Winterdepression (schlimmer als in Hamburg, weil Berlin so anonym ist). „Du wirst Hamburg noch SEHR vermissen", sagte M. abschließend. Ich lachte tapfer. Ich finde es sehr schön in Berlin.

Aber ich bemerkte die Kampfhunde in meiner Nachbarschaft. Ich traf einen unfreundlichen Taxifahrer. Ein BVG-Bus, der mich zum Flughafen bringen sollte, kam einfach nicht. Ich las in einem Buch von unzufriedenen Neu-Berliner „FAZ“-Journalisten die erschütternden Berichte von Berliner Lebensmittelgeschäften, in denen Bonbel als Käse „für den anspruchsvollen Geschmack“ verkauft wird und von der Tram 50, die so langsam fährt, dass man „Krieg und Frieden“ auf dem Weg zur Arbeit durchlesen kann.

Ich dachte an M.s Worte und begann, mich vor dem Berliner Winter zu fürchten.

Und jetzt ist er fast da. In den Frühstückscafés sitze ich jetzt drinnen. Ich lese viel. Ich koche mit Freunden herbstliche Gerichte. Ich erwäge sogar, mir dieses Kürbisschnitzset zu kaufen, das ich neulich gesehen habe, für ein paar schöne gemeinsame Halloween-Basteleien.

Ich rief M. an. „So schlimm ist es nun auch nicht“, sagte ich. „Das sagst du jetzt noch“, sagte M. düster. „Aber warte erst mal Silvester in Neukölln ab.“ Das klang jetzt wirklich bedrohlich. Wissen Sie, was er meint? Sonja Niemann

Das Halloween-Kürbisschnitzset (mit mehreren praktischen Messern) gibt es unter anderem bei Karstadt am Hermannplatz. Das wirklich unfaire Berlin-Hass-Buch von Neu-Berlinern der „FAZ“ heißt bekanntlich „Hier spricht Berlin“.

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