Zeitung Heute : Krieg und Spiele

Zerstörte Stadionsitze, Milizionäre überall – Terek Grosny trifft auf Lokomotive Moskau

Jens Mühling[Moskau]

Es gibt zwei Seiten in diesem Konflikt, die tschetschenische und die russische. Er wird 90 Minuten dauern. Und am Ende wird es einen Gewinner geben, Terek Grosny oder Lokomotive Moskau. Das Schöne am Fußball ist, dass er klaren Regeln folgt, im Gegensatz zum Krieg. An diesem Sonntag wird im Lokomotive-Stadion Fußball gespielt und nicht Krieg, und deshalb sind hier Verbrüderungen möglich, die selten geworden sind in Moskau.

Es ist vier Uhr am Nachmittag, das Spiel hat noch nicht begonnen. Der russische Milizionär, der mitten in der tschetschenischen Fankurve steht, verschenkt Zigaretten und diskutiert mit ein paar Anhängern von Terek Grosny über die Tabellenplatzierungen der Premier-Liga. Ist er etwa auch für Terek? „Machst du Witze?“, fragt er entgeistert zurück. „Ich bin Russe!“ Das sind die eineinhalbtausend tschetschenischen Grosny-Fans in der Nordkurve freilich auch, offiziell zumindest, und deshalb offenbart sich in der Antwort des Polizisten die ganze Tragik des Konflikts: Für Russen sind Tschetschenen keine Landsleute, Tschetschenen halten sich nicht für Russen – und trotzdem fließt im Kaukasus weiter Blut, um Tschetscheniens Abspaltung zu verhindern.

Islan steht ein paar Schritte weiter. Er ist in Grosny geboren, lebt aber seit zehn Jahren in Moskau, wegen des Krieges. Ein paar seiner Kumpel sind extra aus Tschetschenien angereist. „Beim letzten Spiel waren wir zu zwölft, diesmal sind es nur noch zehn“, erzählt Islan. „Einen haben sie tot im Wald gefunden, der andere ist immer noch verschwunden.“ Er spuckt auf den Boden. „Die Geschichten von der Normalisierung in Tschetschenien sind Märchen. Aber wir werden siegen.“ Worauf sich der letzte Satz bezieht, ist unklar, bis er ihn noch einmal in Richtung Spielfeld brüllt: „Wir werden siegen!“

Unter den zahlreichen Geschichten über die Normalisierung in Tschetschenien ist die von Terek Grosny vielleicht die eindrücklichste. Gerade vier Jahre alt war der Verein, als dem Zweitligisten im vergangenen Mai der Überraschungssieg im Pokalwettbewerb gelang. Dann qualifizierten sich die Jungs aus Grosny für den Uefa-Cup. Und schließlich stiegen sie auch noch in die erste Liga auf. Seitdem ist der Verein für viele ein Symbol der Hoffnung. Selbst Wladimir Putin hat mehrfach seine Vorliebe für Terek bekundet.

Damals, im Mai, nachdem Terek-Stürmer Andrej Fedow beim Pokalfinale das 1:0 geschossen hatte, war in Grosny die Hölle los, erzählt Islan: Überall tanzten Menschen auf den Straßen. Im Moskauer Dynamo-Stadion, wo das Spiel ausgetragen worden war, stürmte Ramsan Kadyrow, der Sohn des drei Wochen zuvor ermordeten tschetschenischen Präsidenten, nach dem Abpfiff zum Entsetzen der Leibwächter aufs Feld, ließ sich von den Spielern in die Luft werfen – und brach schließlich in Tränen aus. Das halbe Stadion weinte mit.

Das heutige Spiel steht dem damaligen an symbolischem Gehalt in nichts nach: Es ist der Supercup, jenes Spiel zwischen dem Sieger des Pokalwettbewerbs und dem Meister der Premier- Liga vom vergangenen Jahr, das die Saison traditionell einläutet, und dass dabei ausgerechnet Grosny und Moskau aufeinander treffen, die Separatisten und das Zentrum, sehen viele als Fügung des Schicksals. „Noch-sche- tschyn!“, dröhnt es durch die Nordkurve – ein Kampfruf, den Islan mit „Heimaterde“ übersetzt. Gemeint ist die tschetschenische Unabhängigkeit.

Wenig passiert in der ersten Halbzeit. Die Teams scheinen noch nicht richtig warm gespielt; die Torchancen bleiben ungenutzt. In der Halbzeit bauen sich in den Gängen hinter der Nordkurve ein paar Dutzend junge Tschetschenen im Kreis auf, sie klatschen einen Rhythmus, immer wieder springt einer in die Mitte und tanzt Lesginka: ekstatische Schrittfolgen und Sprünge, mit ausgestreckten Armen. Das Johlen wird lauter und lauter, die Tschetschenen hämmern den Rhythmus jetzt dröhnend mit den Handflächen auf Plastiktische, bis plötzlich ein russischer Milizionär im Kreis steht. Er weicht nicht von der Stelle. Murrend geben die jungen Männer schließlich auf. Eine Uniform reicht, um 50 Derwischen Einhalt zu gebieten.

Als die zweite Halbzeit beginnt, verläuft sie bis zur 74. Minute ähnlich wie die erste. Dann aber passiert es: Lokomotive-Stürmer Maminow prescht mit dem Ball in den gegnerischen Strafraum vor, wird hart von Terek-Verteidiger Nischegorodow bedrängt und kugelt plötzlich über den Rasen. „Simulant!“, brüllt die gesamte Nordkurve, aber es hilft nichts: Der Schiedsrichter hat ein Foul gesehen. Lokomotive-Kapitän Dmitrij Loskow platziert den Ball zum Elfmeter, nimmt Anlauf, und obwohl Tereks Torhüter den Ball mit der Faust berührt, ist er Sekundenbruchteile später im Netz. 1:0 für Lokomotive, die Südkurve tobt vor Freude, gegenüber geht ein Stöhnen durch die Reihen. Zwischen dem Polizisten und ein paar Terek-Fans entbrennt ein hitziger Streit über das Foul. Jetzt erweist es sich als ungünstig, dass im nagelneuen Lokomotive-Stadion zwecks Aufrüstung für die Uefa auch die Fanblocks bestuhlt wurden: Quer durch die Nordkurve hallt das Krachen berstender Plastiksitze, als Terek-Anhänger daran ihre Wut auslassen. Sofort springen Ordnungskräfte dazwischen, junge Männer in Zivil. Aber als das Spiel wieder beginnt, scheint Tereks Kampfgeist gebrochen. Lokomotive dominiert. Auch in der Nordkurve klingen die „Terek“-Rufe schwächer. Offenbar ist dieses Team dort unten auf dem Spielfeld nur so lange ein Team der Tschetschenen, wie es den Russen Kontra bietet.

Wie tschetschenisch also ist Terek Grosny wirklich? Weil kein Uefa-Verein in Grosny spielen würde, trägt Terek seine Heimspiele auf russischem Boden aus, im 300 Kilometer entfernten Pjatigorsk. Nur vier Tschetschenen gehören der Mannschaft an, davon zwei Auswechselspieler. Als der Klub 2001 von Präsident Achmad Kadyrow neu gegründet wurde, sprachen viele von einem kremlgesteuerten Marionettenverein – allen voran Terroristenführer Schamil Bassajew, der sarkastisch anmerkte, als nächstes würde der Kreml einen Tschetschenen bei „Wer wird Millionär?“ gewinnen lassen. „Klar ist das alles Politik“, sagt Islan. „Aber deshalb lasse ich mir doch nicht die Gelegenheit entgehen, in einem Moskauer Stadion ein tschetschenisches Team anzufeuern.“

Als der Schiedsrichter abpfeift, ist es beim 1:0 geblieben. Aus der Nordkurve dringt wieder das Krachen, im Lesginka-Rhythmus bersten die Sitze. Als die Lokomotive-Mannschaft bei der Ehrenrunde vor der Nordkurve ankommt, hagelt es zerfetztes Plastik. Sofort wird Terek-Kapitän Deni Gaisumow auf den Platz geschickt, er baut sich vor den Fans auf, zeigt auf die zerbrochenen Sitze und breitet fragend die Arme aus: Was soll das? Sekunden später herrscht Ruhe in der Nordkurve.

Nach der Pokalverleihung verlassen die Lokomotive-Fans jubelnd das Stadion. Um Zusammenstöße zu vermeiden, bleiben die Ausgänge der Nordkurve noch verschlossen. Nun, wo Spielfeld und Ränge leer sind, sieht das Stadion irgendwie größer aus. Eigentlich, man merkt es jetzt erst, waren nur drei kleine Sektoren gefüllt mit Zuschauern; Fußball ist in Russland nicht so beliebt wie in Deutschland. Aber drei Sektoren können eine Menge Lärm machen. „Schmeißt uns doch alle ins Gefängnis!“, brüllt ein Terek-Fan, vereinzelt antwortet ihm noch das vertraute Plastikkrachen.

Es dauert, bis Islan und seine Kumpels endlich an Polizeieinheiten vorbei ihre Sektoren verlassen dürfen. Die laute Menge zerfließt in nachdenkliche Grüppchen, die sich nach und nach in der grauen Riesenstadt verlieren, in der Tschetschenen keine Russen sind, keine Russen sein wollen und doch Russen sein sollen.

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