Kriege : Wieso kritisiert die Öffentlichkeit den Afghanistan-Einsatz?

Der Krieg in Afghanistan wird von der deutschen Bevölkerung kritisch gesehen. Aber auch in anderen europäischen Staaten ist die Öffentlichkeit nicht zufrieden mit dem Einsatz. Woran liegt das?

Michael Schmidt
Zeitung: Schwere Waffen fuer Bundeswehr in Afghanistan
Mit dem Marder in den Einsatz. Bundeswehr in Afghanistan.Foto: ddp

Gerhard Schröders Bekenntnis zur „uneingeschränkten Solidarität“ mit den USA mag schon seinerzeit nicht von allen geteilt worden sein. Gleichwohl sprach der Kanzler der rot-grünen Koalition damals etwas aus, was unter dem unmittelbaren Eindruck der Al-Qaida-Terrorattacken und einstürzender Word-Trade-Center-Türme am 11. September 2001 sehr wohl sehr viele empfanden: Das Gefühl, angesichts dieses Angriffs müsse die Welt zusammenrücken und eine gemeinsame Antwort finden.

Das passierte auch: Die Nato rief zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus. Und der UN-Sicherheitsrat mandatierte zum einen den weltweiten Kampf gegen den Terror. Dazu gehört der Krieg gegen Al Qaida und die Taliban in Afghanistan. Zum anderen genehmigte er die internationale Sicherheitsbeistandstruppe (Isaf). Die soll die Regierung am Hindukusch schützen und das Land beim Aufbau stabilisieren. Doch das Gefühl schwindet, Wille und Entschlossenheit zu gemeinsamem Vorgehen lassen merklich nach. Von den Amerikanern abgesehen suchen fast alle Nato-Partner den Notausgang aus Afghanistan. Zu groß sind die Opfer, zu gering die Erfolge.

Im achten Jahr des Anti-Terror-Kampfes, der am Hindukusch längst (wieder) zum Krieg geworden ist, ist vielen der Glaube an die Sinnhaftigkeit des Einsatzes abhanden gekommen. Er dauert einfach schon zu lange; ein anständiges Ende – wie immer das aussehen mag – zeichnet sich inmitten der täglichen Gefechte mit radikal-islamischen Taliban nicht ab; die Kosten, menschlich und monetär, sind vielen, vor allem in Europa, zu hoch.

Was Wunder. Militärs, Ausbilder und Entwicklungshelfer mögen sich noch so viel Mühe geben – die Lage in Afghanistan ist so schlecht wie nie. Um die Sicherheit ist es trotz – und zum Teil wegen – der Präsenz zehntausender ausländischer Soldaten nicht gut bestellt. Die Bundeswehr befindet sich im einst ruhigen Norden im Krieg. Hinzu kommt: Der Drogenanbau boomt. Staatsaufbau und Entwicklung lassen zu wünschen übrig. Al-Qaida-Oberhaupt Osama bin Laden ist so wenig gefasst wie Mullah Omar, der Chef der Taliban. Dafür steigt die Zahl ziviler Toter ebenso wie die getöteter Soldaten.

Für die Öffentlichkeit in Europas Staaten ergibt sich daraus die Forderung nach einem schnellstmöglichen Ende des Einsatzes. Fast drei Viertel der bundesdeutschen Bürger sagen in Umfragen, die Bundeswehr solle raus aus Afghanistan. In anderen Ländern sieht es ähnlich aus.

Dass mit 191 Toten inzwischen mehr britische Soldaten aus Afghanistan überführt werden mussten als aus dem Irak, lässt die Popularität der Mission in Großbritannien rapide schwinden. Der Juli war der verlustreichste Monat seit Kriegsbeginn: 22 britische Soldaten kamen in Afghanistan ums Leben. Gut die Hälfte der Briten wollen, dass Premierminister Gordon Brown die mehr als 9000 Soldaten – die Briten sind zweitgrößter Truppensteller – abzieht. Sie sind der Ansicht, dass der Krieg nicht zu gewinnen, der Einsatz am Hindukusch das Leben von Soldaten nicht wert sei. Rückenwind erhalten die Kritiker von einem Bericht des britischen Parlaments. Der Auswärtige Ausschuss kam jüngst zu dem Schluss, dass das Ziel des Militäreinsatzes kaum noch vermittelbar sei, weil sich die Armee mit Staatsaufbau, Menschenrechtsschutz und Drogenbekämpfung mehr Aufgaben aufgebürdet habe, als sie bewältigen könne. Durch das „Fehlen einer realistischen Strategie“ seien „längst nicht die Ergebnisse erzielt worden, die erhofft wurden“. Der Bericht bemängelt vor allem das „Fehlen einer Vision“, die „auf der realen Geschichte, Kultur und Politik des Landes beruht“. Die Parlamentarier schlagen daher vor, sich auf ein Ziel zu konzentrieren: die Sicherheit des Landes. Auch, um es der Regierung, die – noch – an dem Einsatz festhält, leichter zu machen, der Öffentlichkeit das Ziel der Mission erklären zu können.

Das fällt Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zunehmend schwer. Die Franzosen, die 29 ums Leben gekommene Soldaten am Hindukusch beklagen, wollen inzwischen mehrheitlich (55 Prozent) einen Abzug der französischen Soldaten. Zwar beteuert Sarkozy, Afghanistan müsse wieder ein freies Land sein können: „Wir werden nicht zulassen, dass die Taliban kleinen Mädchen die Hände abhacken, weil sie Nagellack tragen.“ Aber eine Entsendung weiterer Soldaten lehnt der Präsident ab, dessen Land seit kurzem wieder Nato-Vollmitglied ist.

Genau das aber fordert der neue Nato-Generalsekretär, Anders Fogh Rasmussen: mehr Truppen und Material von den europäischen Natopartnern. Das sei auch eine Frage der Solidarität gegenüber Ländern wie den USA, Kanada, den Niederlanden, die bisher ziemlich einsam in der Schusslinie standen, mehr jedenfalls als andere. Mit der Solidarität aber ist das so eine Sache. Sie sollte die Stärke des transatlantischen Bündnisses sein, erweist sich aber zunehmend als die Achillesferse der Allianz. Gerne zeigt man mit dem Finger auf den jeweils anderen, der unter seinen Möglichkeiten bleibe, Zusagen nicht einhalte oder einfach mehr tun könnte und sollte.

Rasmussen wird es nicht leicht haben. Er muss nicht nur die 28 Regierungen der Nato-Mitgliedsländer bei der Stange halten und sie gemeinsam auf sein Motto – „Afghanistan zuerst!“ – verpflichten. Selbst wenn das gelänge, was unwahrscheinlich genug ist, muss er außerdem 28 Öffentlichkeiten überzeugen, die durchaus nicht konform gehen mit der Politik ihrer jeweiligen Regierungen.

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