Zeitung Heute : Kriegerische Kurven

„Moral ist ein Begriff, der an der Börse keinen Wert hat“: Wie in Frankfurt Aktien gehandelt werden, während im Irak die Bomben fallen

Helmut Schümann[Frankfurt am Main]

Von Helmut Schümann,

Frankfurt am Main

Es war an diesem Morgen keiner dieser breiten Hosenträger zu sehen, wie sie Gordon Gekko in Oliver Stones Film „Wall Street“ als obligatorische Börsenbekleidung trug. Auch sprang nur ein Westenträger herum. Weste – das Accessoire des Klischee-Börsianers. Aber Stiftekopf, der war da. Dirk Müller eben, der Makler, der lange Zeit gleich unter der digitalen Dax-Anzeige der Frankfurter Börse gesessen hatte, der mit seinem kantigen Kopf und der kantigen Frisur immer dann abgelichtet wurde, wenn Panik oder Jubel zu vermelden war, der deswegen zum Gesicht der Börse avancierte und in Amerika „Dirk of the Dax“ genannt wird. Dirk of the Dax sagt: „Schauen Sie, wenn Saddam ins Exil gegangen wäre, dann wären die Kurse genauso nach oben gesprungen, mehr noch, dann wären sie durch die Decke geknallt.“ Er sagt das, ohne dass eine diesbezügliche Frage gestellt worden wäre – sozusagen als präventive Richtigstellung nach der Vorstellung des Journalisten, „aber auf keinen Fall als Ausdruck schlechten Gewissens“.

Das nämlich ist ein weiteres Klischee: Dass Börse amoralisch ist, dass sie nicht unterscheidet zwischen gutem Krieg und schlechtem Krieg, nicht einmal zwischen Krieg und Frieden, nur zwischen gutem Geschäft und schlechtem Geschäft. „Kaufen, wenn Kanonen donnern“, heißt das im blumigen Jargon der Anleger. Und sie haben gekauft, seitdem im Irak die Kanonen donnern.

Das Ultimatum

Der Dow Jones, der amerikanische Aktienindex, der Dax, sein deutsches Pendant, der Nikkei und der Hang Seng, sie alle hüpften in die Höhe, als US-Präsident George W. Bush vor zehn Tagen sein Ultimatum an Iraks Diktator Hussein aussprach. 50 bis 70 Prozent mehr Umsatz meldeten laut Müller weltweit die Börsen. Und an jenem Morgen, als kein Hosenträger in Frankfurt sich spannte, es war der Morgen nach dem ersten Angriff, hüpften sie wieder. Das heißt, erst einmal sackte der Dax, weil die Allianz-Versicherung eine Kapitalerhöhung angekündigt hatte, das ist Gift für die Kurse, weiß der Himmel, warum. Aber dann war die Allianz-Meldung doch kein Gift, nur ein Wermuts-Tröpfchen, das nicht bitter genug war, um den Kriegsjubel zu bremsen.

„Blut-Hausse“ nennen die Kritiker den Aktienaufschwung in Kriegszeiten. „Nicht einmal eine Rallye“, sagt dagegen Fiedel Helmer, sei dieser kleine Höhenflug, man dürfe schließlich nicht vergessen, dass der Dax in den Vormonaten 60 Prozent Verlust gemacht habe, „was sind schon die 20 Prozent, die er nun an Boden gut macht?“ Fiedel Helmer ist Leiter des Wertpapierhandels bei den Privatbankiers Hauck&Auffhäuser, er ist ein netter Mensch wie Müller, weniger hemdsärmelig als der, Helmer trägt Seidentuch in der Brusttasche. Helmer sagt: „Keiner hier will einen Krieg. Aber die Unsicherheit musste weichen, die Börse verträgt keine Unsicherheiten.“ Aber was ist an einem Krieg schon sicher? „Die Hoffnung auf ein baldiges Ende“, sagt Helmer. Aber hat Bush nicht gesagt, dass dieser Krieg zäher und langwieriger werde, als viele vermuten? „Das muss er doch sagen, die Hoffnung schmälert das noch nicht“, sagt Helmer. Aber worauf hoffen Börsianer? „Aufs Ende, auf den Aufbau, den Wiederaufbau“, sagt Helmer und dann hat man trotz aller Holzschnittartigkeit an kleine Kinder denken müssen, die Bauklötzchen auf Bauklötzchen setzen, bis der Turm groß ist und fertig, und ihn dann umschmeißen mit Gebrüll, um ihn wieder aufzurichten mit großer Freude. Nur dass im Irak keine Bauklötzchen fallen und Kinder nicht juchzen. „Na gut“, sagt Helmer, „Moral und Ethik sind Begriffe, die an der Börse keinen Wert haben, da zählen nur Fakten und die Analyse des Weltgeschehens. Das aber machen wir nicht, wir reagieren nur darauf.“

Mitunter scheint sich diese Verteilung der Welt zu vermischen. Als ein Arbitrageur – das sind jene Händler, die die Schwankungen zwischen dem handfesten Handel auf dem Börsenparkett und dem virtuellen an der elektronischen Börse Xetra auszunutzen versuchen – als also so ein Arbitrageur auf Dirk of the Dax zugerast kommt, um von der Allianz-Schwankung zu profitieren und zu spät kommt, sagt Müller: „Mein Lieber, wenn du aus deinem Büro geschossen kommst und durch den Saal brüllst ,Saddam tot’, dann kannst du ein Geschäft machen.“ Und dann lachen beide, der Arbitrageur und der Makler, weil sie wissen, dass zwischen Gerücht und Aufklärung eine gewaltige Marge liegt. Der Arbitrageur bleibt aber dann doch lieber bei Allianz, und der Makler sagt der Abordnung eines japanischen Fernsehsenders, „dass wir hier unseren Job machen, aber unsere Gedanken sind bei den Menschen, die jetzt im Irak sterben.“ Und es gibt keinen Grund zu zweifeln, dass Müller es so am liebsten hätte.

„Wir sind nicht zynisch“

Oben auf der Galerie, von der man den besten Blick aufs Parkett hat, hat sich derweil Fiedel Helmer zum Kaffee hingesetzt und erzählt gut gelaunt, dass er in der Früh 300000 Bayer-Aktien losgeschlagen hat. Das Papier hatte nach dem ersten, gewonnenen, Prozess wegen der Lipobay-Klage um 40 Prozent zugelegt, das macht bei 300000 Stück einen Gewinn von 1,2 Millionen Euro. „Es wird noch mehr Prozesse geben“, sagt Helmer, „aber aus einer Schlacht kann man schon Gewinn erzielen.“ Dann stockt er, stutzt. „Sie müssen mich schon für zynisch halten. Aber wir sind nicht zynisch, ich zum Beispiel finde es schrecklich, dass wir Deutschen mit Russland und China ein Bündnis eingehen.“ Aber macht nicht die deutsche Wirtschaft wunderbare Geschäfte mit China? „Wir sind dort schon sehr gut aufgestellt“, sagt Helmer, „das stimmt, auch für China ist das von Nutzen.“ Mitunter hat man den Eindruck, als erkläre sich die Börsenwelt im Sekundentakt neu und richte sich weniger nach den Fakten, als nach dem, was die Börse als Fakt ansieht. „Ich gehe davon aus, dass der Krieg schnell vorbei sein wird, dass es negative Nachrichten nicht geben wird, weil die Amerikaner sie gar nicht rauslassen.“ Eine Spekulation war das, ein paar Tage später konnte auch die Börse sich die Realität nicht mehr wegdenken.

Das Parkett der Alten Börse in Frankfurt am Main, ist ein gediegener Ort. Holzgetäfelt sind die Wände, aus Bongassi-Holz, das aus Südafrika stammt, ist das Parkett gefertigt. Darauf quietschen die Schuhe, und zusammen mit dem Rattern der Anzeigetafeln sind das meist die einzigen Geräusche, die hier noch zu hören sind. Die Bilder von wilden Händlern und Maklern in den Börsensendern sind Show, weil auch hier die Geschäfte überwiegend lautlos am Computer gemacht werden, unter zehn Prozent schätz Dirk Müller den Anteil des Parkettgeschäftes am Gesamtumsatz. Es gibt Überlegungen, sie gibt es schon lange, aber sie werden präziser, Überlegungen also, die Präsenzbörse dicht zu machen, weil in Zeiten des Direkt-Brokings Makler überflüssig geworden sind und Präsenz an der Börse nur noch virtuell nötig ist. „Die Zukunft liegt in Händlerräumen“, sagt Müller.

Einen solchen Händlerraum gibt es bei der Commerzbank an der Mainzer Landstraße. Zwei, drei Fußballfelder groß, bietet er Platz für 550 Banker, die Kauf- und Verkaufsaufträge am Computer verarbeiten. „Na, ja“, sagt Matzke, Leiter der Research Analyse bei der Commerzbank, „der wurde in der Boom-Phase geplant, 1994/95, damals hatte diese Dimension auch noch ihre Berechtigung.“ Heute arbeiten 320 Menschen in der Halle fürs große Geld, in den letzten Tagen haben sie etwas mehr arbeiten müssen. Er wolle das aber nicht überbewerten, diesen Aktienaufschwung, immer wieder hätte es solche Phasen gegeben, er selbst wisse noch, wie er als junger Student nach der Realisierung eines japanischen Aktienpaketes mit seiner Freundin mal kurz zum Wochenende nach New York in die Met geflogen sei. „So weit sind wir noch lange nicht wieder, ob wir jetzt den Tiefpunkt verlassen haben mit dem Kriegsbeginn, wissen wir noch nicht. Schön wär’s, wenn die Konjunktur wieder anspringt. Konjunktur muss gemacht werden.“ Durch einen Krieg? Und da sagt Achim Matzke, der auch ein netter Mensch ist, weder Weste trägt noch Hosenträger: „Wir handeln ja nicht für uns, wir handeln im Auftrag unserer Kunden. Und Moral ist nicht Teil der Zielfunktion eines Mandates.“

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