Kriegsverbrechen : Aktenzeichen NS

Maillé bei Tours, August ’44: Deutsche Soldaten richten ein Massaker an. 64 Jahre später wird der Fall wieder aufgerollt. Ermittler: der deutsche Staatsanwalt Ulrich Maaß, spezialisiert auf Kriegsverbrechen.

Deike Diening[Dortm]
Maaß
Ein Mann an der Front. Ulrich Maaß vor einer Deutschlandkarte aus dem Jahr 1940. -Foto: Diening

In einem kleinen Zimmer im Neubautrakt der Staatsanwaltschaft Dortmund mit Blick auf den Parkplatz, in Gesellschaft einer Grünlilie und eines Ficus benjamini, direkt gegenüber einer Landkarte des Deutschen Reichs in den Grenzen von 1940, ordnet ein helläugiger Mann seine Akten. Den Pflanzen geht es gut. Braune Blätter knipst er sofort säuberlich ab.

Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß, 62, lebt, wenn man so will, seit Jahren im Krieg. Seit 1992 leitet er jene Stelle für NS-Massenverbrechen, wo deutsche Schuld ein Aktenzeichen bekommt. Und jetzt, da seit dem Krieg 64 Jahre vergangen sind, hat er auch die Zeit, um von dem Fall zu erzählen, der dafür sorgt, dass sein Telefon ständig klingelt, dass er plötzlich in die Studios eingeladen wird, als wäre das Verbrechen gerade erst passiert.

Am 25. August 1944, dem Sommertag, an dem Paris schon die Befreiung feierte, haben Deutsche in dem französischen Dorf Maillé nahe Tours ein Massaker angerichtet. 124 Menschen starben, darunter Säuglinge und Frauen, Häuser brannten aus, die systematische Erschießung dauerte einen ganzen Vormittag. Nur wenigen gelang es, sich zwischen den Leichen tot zu stellen. Ein Leutnant der Reserve, Gustav Schlüter, der den Befehl für das Massaker erteilt haben soll, ist wegen Beihilfe zum Mord 1952 in Abwesenheit in Bordeaux zum Tode verurteilt worden, hat aber weiter unbehelligt in Hamburg gelebt, wo er 1965 starb. Die französische Gemeinde weihte ein Erinnerungshaus ein, täglich geöffnet außer dienstags. Alle anderen vergaßen die Sache. Aber einem französischen Historiker ließ der Vorfall keine Ruhe. Er hat noch nicht ausgewertete Dokumente gefunden, die vielleicht zu den Männern führen werden, die Gustav Schlüters Befehl ausgeführt haben – zu den Männern mit den Gewehren.

Wer in diesem Metier forscht, weiß, dass man sich mit solchen Dokumenten an die „Schwerpunktstaatsanwaltschaft für NS-Verbrechen“ in Dortmund wenden kann, 1961 gegründet, 1400 Verfahren in 47 Jahren, zuständig für Massenverbrechen. 124 Tote in Maillé sind eine Masse. Kurz, der Chefankläger Ulrich Maaß nahm die Arbeit wieder auf und beschloss eine Dienstreise. Mitte Juli zog er sich seinen Anzug an und fuhr mit zwei Beamten des Landeskriminalamts Stuttgart nach Frankreich, zwecks Inaugenschein- und Beweisaufnahme, und Monsieur le Procureur Général traf Monsieur le Maire aus Maillé, sie schüttelten Hände und legten Blumen nieder, und Ulrich Maaß füllte die historische Leere schon einmal mit seiner persönlichen Demut.

Doch bevor man auf die verstörende Idee kommt, dass diese Geste vielleicht schon das meiste ist, was für die Opfer und die Versöhnung noch getan werden kann, beginnt Maaß von seiner Arbeit zu erzählen. Denn wie rekonstruiert man ein Kriegsverbrechen mehr als 60 Jahre nach der Tat? Worauf darf man hoffen nach so langer Zeit, worauf sich verlassen?

Ulrich Maaß kennt dreierlei Stützen seiner Arbeit: erstens das Geständnis oder die Aussagen eines Beschuldigten, zweitens die Berichte von Zeugen und drittens Urkunden. In Ermangelung von Zeugen werden die Urkunden, die zu Tausenden verstreut in Archiven von der Normandie bis nach Minsk lagern, immer wichtiger.

Nach der Methode seines Berufs unterscheidet Maaß die polizeiliche Arbeit und die juristische Arbeit. Vernehmungen zum Beispiel sind meistens Sache der Polizei. In Maillé rückten Maaß und seine zwei Kriminalisten mit modernstem Gerät der Vergangenheit zu Leibe: Vermessung des Ortes mit GPS-Geräten, Höhenmessung, wie sind die geografischen Gegebenheiten? Sind also die Aussagen der Zeugen plausibel? Da war der Hügel, wo in einem Bauernhaus am Abend vor dem Massaker Partisanen einem deutschen Auto aufgelauert haben sollen, was den Anlass lieferte für den Befehl, den Bewohnern des Dorfes am nächsten Tag eine Lehre zu erteilen. Maaß wollte die Tatorte besichtigen, er wollte die Wege rekonstruieren, die in der Nähe stationierte Einheiten hätten zurücklegen müssen, um dabei zu sein. Soweit er bisher weiß, lagerte in der Nähe ein Feldersatz-Bataillon der 17. Panzergrenadierdivision mit nicht kampferprobten Soldaten. Das deckt sich mit den Aussagen von Überlebenden, die von sehr jungen Männern gesprochen hatten. Maaß sah sich auch einige Archive an, und in einem zeigte man ihm mehrere Kisten mit Dokumenten, die noch nie ausgewertet worden sind.

Denn überall, wo die gründlichen Deutschen gewesen sind, haben sie Spuren hinterlassen. Ihr Material lagert heute wie nach einer gewaltigen Explosion auf der ganzen Welt verstreut in den kleinsten Stadtarchiven und in großen Nationalarchiven. Es gibt Militärarchive, und wenn eine Sache schon einmal untersucht wurde, finden sich Vernehmungsprotokolle in Polizeiarchiven. Maaß braucht Material aus Prag und Minsk und Dahlwitz-Hoppegarten, um die Puzzlestücke für seine Anklage zu finden. Er müsse, sagt Ulrich Maaß, dafür auch wissen, wie die ehemals deutschen Orte des Ostens heute heißen, müsse die verschiedenen Schreibweisen kennen und den Verlauf der Front für jeden beliebigen Tag rekonstruieren können. Man muss wissen, wer zu welchem Zwecke wo stationiert war, wer unter wessen Befehl stand, wer zu welchem Zeitpunkt verletzt war und deshalb für eine Schießerei nicht in Frage kam. Maaß hat den Krieg in sich aufnehmen müssen, und es fällt ihm nicht so schwer wie man meinen könnte, er ist historisch interessiert. Seine Gesprächspartner sind Historiker, sie machen sich gegenseitig auf Artikel aufmerksam. Historiker sind für ihn manchmal so wichtig wie die Spurensicherung. Sie bringen eine Sache erst wieder ins Rollen.

Während das Wissen von Ulrich Maaß in den Jahren also stetig wuchs, hatte seine Arbeit eine schwankende Konjunktur, abzulesen an den Aktenrücken in seinem Büro: dünne Ordner in den 80er Jahren, dicke ab den frühen Neunzigern. Denn mit dem Fall der Mauer waren ganz neue Archive und das Material der Stasi zugänglich geworden. 1987 öffnete die Uno ihre Dossiers mit 30 000 Namen.

Warum aber das Interesse gerade jetzt so enorm ist, warum Berichterstatter aus England und Kanada angereist sind, das kann Maaß sich nicht erklären.

Weil es der letzte große Fall sein könnte?

Ich habe hier nur letzte Fälle, sagt Maaß und lacht. Seit Jahren schon. Zur Zeit laufen 20 Verfahren parallel. Er ist ja auch beständig drauf und dran, den letzten „Großen“ zu fassen zu kriegen. „Ich habe auch noch einen letzten großen Fall in Aachen.“ Ulrich Maaß guckt etwas ironisch auf dieses makaber anschwellende Interesse so kurz vor dem Tod. Dieser „letzte Große“ wohnt in einem Altenheim und soll laut Anklage mit großer Grausamkeit 1944 drei Holländer ermordet haben. Die Holländer sind an der späten Gerechtigkeit so interessiert, dass sie Maaß am Wochenende zu Hause anrufen.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Ermittlungen in Anklagen münden, ist nicht groß. Viele mögliche Täter sind schon auf den Rückzugsgefechten gestorben. Diejenigen, die die Heimat erreicht haben, sind jetzt 64 Jahre älter als zum Zeitpunkt der Tat. Und das Einzige, was in Deutschland in dieser Zeit nicht verjährt, ist Mord. Alles Geringere lohnt deshalb keine Untersuchung mehr.

In dem Maße, wie das Interesse steigt, sinkt also die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Und in dem Maße, wie die Täter sterben, öffnen sich die Archive. Je mehr Informationen zugänglich sind, desto weniger kann er sie noch verwerten. Jedenfalls juristisch gesehen. Und dann, sagt Ulrich Maaß, gibt es noch diese Besonderheit der NS-Täter. Anders als andere Kriminelle begehen die meisten in der Bundesrepublik nie wieder ein Gewaltdelikt. Nie wieder geben sie Anlass, ihre Vergangenheit zu überprüfen. „Eigentlich“, sagt Ulrich Maaß, „ist es ja unser gesellschaftliches Ziel, Kriminelle wieder zu resozialisieren.“ Aber genau das ist hier das Problem. Es ist hervorragend gelungen.

Die Verdächtigen ausfindig zu machen, hat sich als eine der schwierigsten Aufgaben herausgestellt. Maaß beginnt mit den Namen aus den beteiligten Einheiten bei der Deutschen Dienststelle, der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle. Ist hier kein Tod verzeichnet, sucht er bei Einwohnermeldeämtern, er bittet Führerscheinstellen und Versicherungen um Auskunft. Dann versucht er es beim Kraftfahrtbundesamt. Das alles kann zwei Jahre dauern. Es ist eine Zeit, in der Ulrich Maaß hofft, dass der Name ursprünglich auch richtig buchstabiert worden ist. „Und am Ende schreibt die EU, der ist tot. Vor zwei Jahren im Ausland gestorben.“

Dann ist Mittag. In der Gerichtskantine haben die Kollegen schon bemerkt, dass Maaß zurzeit wieder ein gefragter Mann ist. Na, kommst du auf deine alten Tage auch noch mal zum Arbeiten, sagt einer und ordert das Tagesmenü. Maaß bestellt ein Schnitzel mit geschmelzten Zwiebeln und setzt sich an den Tisch der Staatsanwälte, neben dem Tisch der Richter. Du lachst zu viel, haben sie ihm über die Fotos gesagt, die jetzt von ihm erschienen sind und auf denen Maaß sehr freundlich aussieht, beinahe optimistisch. Es ist vermutlich nicht so einfach, jederzeit die einer Arbeit innewohnende Tragik in die Gesichtszüge zu legen.

Früher haben Ärzte die 60-Jährigen für verhandlungsunfähig erklärt, sagt Maaß, 30 Jahre später machen sie das jetzt mit den 90-Jährigen. Das Argument der alten Männer gab es schon, als er hier anfing bei der Staatsanwaltschaft Dortmund, das war 1975. Bald wird die Wahrscheinlichkeit, einen Täter lebend anzutreffen, gegen null laufen. „Es ist natürlich die Frage“, wirft ein Kollege aus dem Jugendstrafrecht am Mittagstisch jetzt ein, „wer dann wohl den Mut haben wird, diese Stelle zu schließen …“

Ulrich Maaß beeilt sich, auf dem Rückweg ins Büro noch an der Poststelle vorbeizugehen, wo in einer roten Pappmappe ein unfreundlicher Brief auf ihn wartet. Maaß liest vor. „Dieser feine Herr Maaß“ habe „offenbar keine Ahnung von der Materie“. Dann ist die Rede von einer Zecke, die von Steuerzahlern lebe. Der anonyme Absender werde Anzeige erstatten. Maaß kommentiert jeden Satz. Er ist wütend, aber er kennt so etwas schon. Man müsste es ignorieren. Und doch. Maaß ist jetzt unruhig, er läuft ins Sekretariat. „Na, ist schon eine Anzeige gegen mich eingetroffen?“ ruft er. Das sind seine bitteren Scherze. Er legt ein Aktenzeichen an. So etwas muss er weiterleiten. Sie haben ihn mal bewachen lassen, weil die Drohungen so zugenommen hatten. Es ist, als sei Ulrich Maaß, geboren nach Kriegsende, noch immer dabei, die hässliche Hypothek des Dritten Reiches abzutragen. In kleinen Raten und noch sehr, sehr lange.

Die drängendste Frage in Maillé, sagt der Chefankläger, war die Frage nach dem Warum. Das ist natürlich die Frage, die aller Gewalt zugrunde liegt. Es ist die Frage, die er juristisch wohl kaum beantworten kann. Sie führt zu weit. Er ist auf die Idee gekommen, einen Psychologen zu Rate zu ziehen.

Was könnte der sagen?

Vielleicht, sagt Maaß, könnte er darauf kommen, dass die unerfahrenen Soldaten nach einer Gelegenheit suchten, endlich zu kämpfen. Es könnte den Bewohnern von Maillé, die ihn in ihren Häusern nach allem, was geschehen ist, so herzlich zu Kuchen und Schnaps eingeladen haben, den Versuch einer Antwort geben.

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