Krimi-Geburtstag : Unsere Stadt soll Tatort werden

Diesen Sonntag feiert Deutschlands erfolgreichste Krimireihe 40. Geburtstag. Fünf Bürgermeister bitten: Dreht auch mal in unserer Stadt!

David Krenz
Bald ein Tatort im "Tatort"? Die ehemalige Union-Brauerei in Dortmund.
Bald ein Tatort im "Tatort"? Die ehemalige Union-Brauerei in Dortmund.Foto: picture alliance / dpa-tmn

TATORT DORTMUND

VON OB ULLRICH SIERAU:

"Ob Schimanski in Duisburg oder Haferkamp in Essen – die Ruhrpott-„Tatorte“ sind legendär. In Dortmund soll die Tradition neu aufleben. Unser Kult-Kommissar hieße Dietmar Bär, den bräuchte man nur vom Kölner „Tatort“ versetzen. Bär ist Sohn unserer Stadt, er verkörpert gut die westfälische Leichtigkeit. Wir reden nicht lange um den heißen Brei herum, sondern sagen, wie es ist. Das ist nicht so oberflächlich wie bei den Rheinländern, die nach dem ersten Kennenlernen so tun, als hätten sie zusammen im Sandkasten gespielt. Bei uns lässt man sich mehr Zeit, aber wenn eine Freundschaft entsteht, hält sie auch.

An Bärs Seite könnte die Theaterschauspielerin Renan Demirkan ermitteln, die sich in Dortmund gut auskennt. Kürzlich war sie zu Besuch und ganz erstaunt, was sich alles verändert hat. Auf dem ehemaligen Hüttengelände im Süden der Stadt entsteht der Phoenix-See, ein riesiges Freizeit- und Erholungsgebiet. Im Umfeld unseres Dortmunder U, dem früheren Stammsitz der Union-Brauerei, basteln junge Kreative an ihren Projekten. Zudem boomt die Hochtechnologie: Jeder zehnte Beschäftigte in Europas Mikrosystemtechnikbranche arbeitet bei uns.
Die Geschichten sind oft im wahren Leben verankert. Entsprechend stünden beim Dortmunder „Tatort“ alle Zeichen auf Aufbruch. Ein Fall könnte so aussehen: Junger Wissenschaftler aus der Region schafft über die Hochschule den Aufstieg, gründet ein Start-up-Unternehmen, hat bahnbrechenden Erfolg – und finstere Typen heften sich an seine Fersen. Das ist eben nicht so aufgesetzt wie bei „Miami Vice“."

TATORT MANNHEIM

VON OB PETER KURZ:

"Mannheim wäre der ideale Schauplatz, weil wir die kleine Cousine New Yorks sind. Die Verwandtschaft ergibt sich aus dem schachbrettartigen Grundriss. Wie im amerikanischen Cop-Thriller, wo Streifenwagen den Gangstern Block um Block durch Manhattans Häuserschluchten hinterherrasen, wären solche Verfolgungsjagden auch bei uns möglich. Über den Polizeifunk laufen dann Sprüche wie „Flüchtiger an Ecke F5 und E6“. Und der Titel könnte sein „Mord im Quadrat“.
Ein anderes Szenario könnte in der Popakademie spielen, die hier seit 2003 junge Musikschaffende ausbildet. „Tod im Probenraum“ wäre ein passender Titel. Und natürlich darf eine Wasserleiche nicht fehlen: Denn Mannheim liegt mit Rhein und Neckar gleich an zwei Flüssen, besitzt als Wahrzeichen den 60 Meter hohen Wasserturm und beheimatet einen der größten Binnenhäfen Europas.
Das Ermittlerteam auf der Mannheimer Rheinseite könnte für frischen, etwas rauen Wind aus der Metropolregion Rhein-Neckar sorgen. Perfekt für den Job wären Moderatorin Charlotte Roche und der Mannheimer Comedian Bülent Ceylan als ihr Partner. Sie sind direkt, kreativ, unangepasst, selbstironisch, das passt zu den Leuten. In Mannheim lautet das Motto „Leben und leben lassen“. Enden könnte der Fall jeweils mit einer Szene auf einer Sonnenterrasse am Fluss, beispielsweise auf dem Musikpark oder am Strandbad. Dort lassen die Ermittler den Fall Revue passieren, im Hintergrund sieht der Zuschauer die linke Rheinseite mit der romantischen Industriekulisse Ludwigshafens oder den Rheinauen."

TATORT FREIBURG

VON OB DIETER SALOMON:

"Sonnenschein, französisch leichte Küche, guter Wein – der Breisgau ist so lieblich, man übersieht leicht die Abgründe, die sich bei uns auftun. Vor einiger Zeit traf ich einen pensionierten Kommissar. Er erzählte mir, dass sich in den 70er Jahren nahe meiner Wohnung ein grausamer Doppelmord ereignet hat, der nie aufgeklärt wurde. Da hatte ich richtig Gänsehaut. So ein Gegensatz aus Postkartenkulisse und bösen Absichten würde doch den Reiz Freiburgs als „Tatort“ ausmachen.
Vor einigen Jahren haben wir uns bereits beim Südwestrundfunk als Drehort beworben. Den Zuschlag erhielt Konstanz, weil es schön im Nebel liegt. Da kann man toll Leichen aus dem Schilf fischen. Aber Freiburg ist im Gegensatz zu Konstanz eine richtig große Stadt. Und akademisch sind wir mindestens so abgehoben wie Münster. Wir sind die Wiege der deutschen Umweltbewegung: Vor über 30 Jahren haben sich die Linksalternativen mit den Winzern am Kaiserstuhl verbrüdert und das Atomkraftwerk Wyhl verhindert. Die Menschen hier sind eben aufmüpfig.
Wer sollte die Hauptrolle spielen? Til Schweiger ist zwar Freiburger, nur weiß ich nicht, ob ich mir den als Kommissar vorstellen will. Interessant finde ich Johanna Wokalek, sie ist eine Freiburger Arzttochter, hat in der Stadt ihr Abitur gemacht und wurde als „Die Päpstin“ ein Star. Sie könnte eine Fahnderin spielen, die dem Akademikermilieu entstammt. Ihr Partner sollte das Bäuerliche des Umlands repräsentieren, er dürfte gern im Dienst mal sein Viertele „sürpfeln“. Jemand wie Klaus Spürkel würde da passen. Er spielte im Stuttgarter „Tatort“ früher den Pathologen und ist eine Lokalgröße. Einen super Filmtitel habe ich auch schon: „Schusswechsel auf dem Kanonenplatz“. Das ist ein beliebter Treffpunkt auf dem Schlossberg, von dort kann man die umliegenden Täler überblicken."

TATORT ERFURT

VON OB ANDREAS BAUSEWEIN:

"Es gibt einige Gründe, warum die Thüringer Landeshauptstadt einen „Tatort“ verdient: Zum einen ist Erfurt medienerfahren. Seit 1998 sitzt hier der Kinderkanal, 100 kleinere Unternehmen aus der Kindermedienbranche haben sich angesiedelt, in der Stadt entstehen einige Serien und Krimis für Kinder, warum künftig nicht auch einer für Erwachsene, ein guter Sonntagabendkrimi.
Von allen Ermittlerteams der Serie gefällt mir das Duo Axel Prahl und Jan-Josef Liefers aus Münster am besten. Ich mag den ironischen Humor der beiden. Daher wäre mein Wunschkommissar Jan-Josef Liefers. Ich habe ihn einmal persönlich getroffen, er erzählte mir, dass seine Oma aus Erfurt kommt. Regelmäßig verbrachte er die Sommerferien in der Stadt, er kennt sich also aus.
Die verwinkelten Altstadtgassen sind äußerst krimitauglich. Kaum eines der Häuser in der Innenstadt ist jünger als 200 Jahre. Im Zweiten Weltkrieg wurde nur wenig zerstört, und die großen Baumeister der DDR-Zeit haben sich mit ihren Neubauten freundlicherweise vor den Toren der Stadt verwirklicht.
Die „Tatort“-Stoffe basieren manchmal auf wahren Begebenheiten. Ein furchtbares Ereignis will ich mir aber nicht als Verfilmung vorstellen: den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium 2002. In den Tagen nach der Tat dachte ich, es wird nie wieder so wie vorher sein, so fertig waren die Menschen. Heute ist Normalität eingekehrt, aber der 26. April wird auf ewig ein Tag bleiben, an dem man innehält.
Zum Glück ist Erfurt friedlich. Probleme gibt es mit Graffitibeschmutzungen, das wäre vielleicht brisant für einen Krimi in den frühen 70er Jahren gewesen, aber heute muss mehr passieren. Das überlasse ich der Fantasie der Drehbuchautoren. Nur einen Tipp habe ich für die Schreiber: Wenn wir als einzige Stadt Thüringen repräsentieren würden, sollte der Kommissar ab und an mal in eine original Thüringer Bratwurst beißen."

TATORT AUGSBURG

VON OB KURT GRIBL:

"Der „Tatort“ ist die älteste Krimiserie des deutschen Fernsehens, Augsburg mit 2000 Jahren eine der ältesten Städte, das sind doch zwei Urgesteine, die zusammengehören. Unser Stadtname weckt Assoziationen zu großen Kriminalfällen, zum Beispiel zu den spektakulären Strafprozessen um Max Strauß oder Karlheinz Schreiber.
Wir können mit einem Schauplatz aufwarten, da würden die „Tatort“-Regisseure Augen machen: nämlich das ausgediente Gaswerk im Stadtnorden. Die Industriebrache und der riesige Gaskessel sind perfekt für einen Showdown in schwindelerregender Höhe, gleichzeitig verweist die Kulisse auf unsere industriegeprägte Geschichte.
Das Schöne am „Tatort“ ist ja, dass die Dinge oft anders liegen, als man sie erwartet. Ähnlich ist das mit uns. Viele halten Augsburg für eine verschlafene Stadt in Bayern, aber das Klischee passt nicht. Wir sind modern und weltoffen, das Leben findet auf den Straßen statt – und ist nicht so verdruckst und volkstümlich wie im Allgäu, wo der „Bulle von Tölz“ spielt.
Die Augsburger gelten zwar als grantig, ihnen liegt nicht gerade das Herz auf der Zunge, aber unsere Äußerungen sind hintergründig, in ihnen schwingt einfach schwäbische Bescheidenheit mit. Und diese Mentalität kann nur jemand von hier authentisch rüberbringen. Deshalb würde ich gerne Waldemar Hartmann zum Kommissar ernennen. Seine stärkste Waffe ist sein verschlagener Humor, da ist er treffsicher wie kein Zweiter. Als weiblichen Part wünsche ich mir Dinah Pfaus-Schilffarth, sie ist Schauspielerin, Musikerin und ebenfalls ein Augsburger Gewächs. Nicht auszuschließen, dass sich beide Kommissare nach Dienstschluss näher kommen – die Rolle des Charmeurs beherrscht Waldi gewiss."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben