Kriminalgeschichte : Der Abenteurer-Roman

Er wollte ein Leben führen, das man nicht in ein paar Minuten erzählen kann. Ludwig Lugmeier – der Dichter und Millionendieb

Torsten Hampel

An dem Abend, als sein Bild im Fernsehen war, saß er im Wohnzimmer fremder Leute, er hatte den Trenchcoat, den er ein paar Stunden zuvor gekauft hatte, nicht abgelegt und auch die Mütze – sie war ebenfalls neu – nicht abgenommen.

„Guten Abend, meine Damen und Herren. Einer der beiden Angeklagten im Prozess um den größten Raubüberfall in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik, der 25-jährige Lugmeier, ist heute aus dem Frankfurter Gerichtsgebäude, wo gegen ihn verhandelt wurde, geflüchtet. Zusammen mit seinem Mitangeklagten Linden soll Lugmeier im Oktober ’73 zwei Millionen Mark aus einem Transportwagen der Dresdner Bank geraubt haben.“

Es war der Abend des 4. Februar 1976. Die „Tagesschau“ fing an, und Ludwig Lugmeier, die Tarnkappe auf dem Kopf und den neuen Mantel um den Leib, wartete darauf, dass der Taxifahrer endlich käme, in dessen Wohnzimmer er saß und der ihn wegbringen sollte von hier, Frankfurt immer noch, das Viertel Nordweststadt. Dessen Frau ihn hereingebeten hatte, kommen Sie, es dauert noch eine halbe Stunde, bis er da ist. Dann war sie in die Küche gegangen, um Kaffee zu machen. Es war ihm furchtbar lange vorgekommen, die Meldung im Fernsehen und sein Bild dazu. Hoffentlich kommt die Frau nicht rein.

Der 4. Februar 1976 war der erste Tag von Ludwig Lugmeiers letzter Flucht. Er war 26 – die „Tagesschau“ hatte sich in seinem Alter geirrt –, am Mittag war er aus dem Fenster eines Verhandlungssaals gesprungen, Landgericht Frankfurt am Main, erster Stock. Im Jahr darauf haben sie ihn wieder gefangen. Lugmeier findet das erzählenswert, sein Leben bis zu dieser Stelle, er hat damals bald damit angefangen, es aufzuschreiben. Es ist ein Buch daraus geworden, es heißt „Der Mann, der aus dem Fenster sprang“.

Ludwig Lugmeier sagt, er hat immer ein Leben führen wollen von dieser Sorte, eines, das er anderen auch erzählen konnte, ohne nach ein paar Minuten damit fertig zu sein. Es sollte auf gar keinen Fall in der Normalität stattfinden. Er sagt, „ich wollte andere Räume betreten, dorthin kommen, wo die üblichen Gesetze nicht mehr gelten.“

Die „Tagesschau“ an einem Februarabend 2006. „Guten Abend, meine Damen und Herren. Die SPD-interne Diskussion über die Rentenpolitik droht die Koalition zu belasten.“ Lugmeier kann die Sendung nicht sehen, er sitzt auf einer Bühne, Duisburg, Kulturzentrum Hundertmeister, Scheinwerfer hängen unter der Decke. Vier davon sind eingeschaltet, weißes Licht trifft auf seinen Kopf und auf den Tisch, an dem er sitzt. Lugmeier ist auf Lesereise. Er fährt durchs Land seit letztem Herbst, ein Exemplar seines Buches verstaut in einer schwarzen Umhängetasche, mit Klebezetteln zwischen den Seiten. Abends legt er es auf die Tische, die ihm seine Gastgeber hingestellt haben, und liest daraus vor.

Der Raum vor der Bühne ist groß, Tanzabende finden hier sonst statt und Rockkonzerte. „Ich hab ein gutes Vorstellungsvermögen“, sagt Lugmeier, „deshalb stelle ich mir einen vollen Saal vor.“ Ludwig Lugmeier hören zu: der Mann an der Tontechnik, der Barkeeper, zwei von der Buchhandlung, die die Lesung organisiert hat, und einer, graue Locken, Brille, der aus freien Stücken hier ist. Vorverkauf zehn Euro, Abendkasse zwölf.

Lugmeier hätte die Veranstaltung absagen können, er ist nervös gewesen, als er sah, dass der Saal sich nicht füllte. Er lief minutenlang zwischen den leeren Stühlen entlang, sprach mit dem Barmann und dem Tontechniker. Und entschied, auch für den einen zu lesen. Es ist kalt vor der Bühne, und als Lugmeier nach eineinhalb Stunden fertig ist mit Vorlesen, bereut keiner, sich darauf eingelassen zu haben und dageblieben zu sein.

Ludwig Lugmeier ist ein kräftiger Mann. Er trägt schwarze Schuhe, Jeans, einen schwarzen Pullover, ein dunkles Hemd darunter, ein dunkelgraues Tweed-Jackett. Der schwarze, breitkrempige Hut, den er draußen immer auf dem Kopf hat, liegt rechts vor ihm auf dem Tisch.

Ein Leben, von dem der, der es führt, glaubt, dass es aufgeschrieben werden könne, beginnt so. Geboren wird Lugmeier 1949, am Alpenrand, dort ist er auch aufgewachsen. Das Geburtshaus war damals vielleicht schon 300 Jahre alt, es war eine ehemalige Relaisstation, ein Haus, wo die Kutscher die Pferde gewechselt haben, bevor sie den Pass hinauf sind. Die Berge warfen Schatten, der Sommer, wenn die Sonne über sie hinauskam und es hell wurde im Tal und warm, war kurz. Lugmeier sagt, es ist eine sehr enge Welt gewesen, die Kniebänke in der Kirche blank von lauter Demut. Er sagt, selbst das Erinnern daran sei widerwärtig.

Da wollte er weg. Er hatte einen Bibliotheksausweis. Las Piratenromane mit Orten darin, deren Namen anders klangen als Kochel am See, der Geburtsort, oder Ried, zehn Kilometer entfernt, wo die Familie hingezogen war, als Lugmeier sechs war. Nombre de Dios, Puerto Belo, Chequetan, Guayaquil. Sie klangen nach Hitze und Kampf und Poesie und auch nach Freiheit, sie lagen am Meer. Es gab sie in den Büchern, und es gab sie wirklich, im Atlas hat er die meisten von ihnen gefunden.

Die Schiffe hießen Relámpago, Hispaniola, Arrow, Nuestra Senora de la Concepción, Nuestra Senora de Covadonga, sie lagen vor Anker an den Inselküsten von Tortuga und New Providence. Lugmeier las die Romane in den großen Ferien nach der dritten Klasse. „Ich machte nie wieder so aufregende Reisen wie in diesem Sommer“, steht in seinem Buch.

Ein Tag im März. Es ist halb eins, die Straße in Berlin-Weißensee, wo Lugmeier wohnt. In der „Tagesschau“ am Abend wird am Anfang die Rede davon sein, dass die Rechtschreibreform voraussichtlich korrigiert werden wird. Der Tag ist grau wie das Haus, aus dem Lugmeier kommt, er steigt in ein Auto und fährt wieder zu einer Lesung. Ein Ort in der Nähe von Bielefeld diesmal. Lugmeier macht sich Sorgen. Krümel, seine Katze, ist krank. Sie kann nicht kauen seit Tagen, ihr ist ein Zahn gezogen worden, ein Stück der Wurzel steckt wahrscheinlich immer noch im Kiefer. Das Fressen tut weh, also lässt sie es. Krümel ist seit 16 Jahren auf der Welt, so lange, wie Lugmeier wieder in Freiheit ist.

Ein Leben, von dem der, der es führt, glaubt, dass es aufgeschrieben werden könne, muss dann schnell weitergehen. Es muss etwas passieren.

Die Schulzeit vorbei, eine Maurerlehre, wie vom Vater gewünscht, und eines Abends der Gedanke: Du musst jetzt ein Verbrechen begehen. Den Zigarrettenautomaten im Bahnhof ausrauben. Die Nerven reißen, Rückzug, zwei Nächte später ein Supermarkt, laut geht es zu, er wird bemerkt, noch mal zwei Nächte später steht die Polizei vor der Tür. Dann Untersuchungsgefängnis. Endlich angekommen.

„Der Richter hat mich damals gefragt, ob ich mein Leben erzählen wolle“, sagt Lugmeier. „Ich habe Nein gesagt.“ Ein Arzt ließ ihn die Zunge herausstrecken, ein Psychologe einen Baum zeichnen, dann sollte Lugmeier seinen Lebenslauf schreiben. Ihm fiel immer noch nichts ein.

Bei Bielefeld ist es kalt. Es ist die Kleinkunstbühne einer Schule, wieder wird Lugmeier angestrahlt von Scheinwerfern, wieder ist ein Buchhändler da, außer dem noch zwei Gäste. Auf dem Tisch steht ein Mikrofon. Lugmeier liest, ohne Versprecher, ohne Pausen, schnell und atemlos, und immer wieder auch langsam. Dann ist sein Schnaufen zu hören.

Lugmeier ist geübt im Vorlesen. Er hat in Berlin drei Jahre lang als Märchenerzähler gearbeitet, in Klassenzimmern und einer Bibliothek im Stadtteil Hohenschönhausen, dort, wo er vor zehn Jahren seine erste Berliner Wohnung bezog.

Wieder will ihn das Publikum nach der Lesung nicht gehen lassen, fragt, wie er heute lebt, der Buchhändler will wissen, wovon, vom Schreiben allein ja sicher nicht, das sei ja nicht möglich.

Lugmeier fährt sich mit der Hand übers Gesicht bis rauf auf den Schädel und sagt: „Doch.“ Es ist ein Moment der Unsicherheit, er könnte jetzt auch gelogen haben. Das Buch hat gute Kritiken bekommen, aber es wird nicht oft gekauft. Der Verlag setzt darauf, dass es sich noch herumspricht, über eine Neuauflage als Taschenbuch soll dennoch schon verhandelt werden, ebenso wie über eine neue Ausgabe von Lugmeiers erstem Buch. „Wo der Hund begraben ist“, ein Roman, 1992 erschienen, es ist die Geschichte eines Bauernknechts, der aus dem Krieg in seine oberbayerische Heimat zurückkommt und dort verzweifelt. Grandiose Kritiken.

Wie wird man vom Bankräuber zum Schriftsteller, fragt einer. „Das war verzahnt“, sagt Lugmeier. „Mit 15, 16 hatte ich die Vorstellung, das muss ich alles erst mal erlebt haben. Leben wie Hemingway, um so zu schreiben wie der. Völlig naiv, aber es ist dann doch so gekommen.“

Flucht aus dem Jugendgefängnis nach Italien, in Palermo eine Anwerbestelle der Mafia gesucht, von der ihm erzählt worden war. Nicht gefunden, zurück nach Deutschland, beim Zirkus angefangen, mit einem Bären gerungen, dann wieder Gefängnis, dann die Seefahrt, wieder abgehauen, diesmal von einem Schiff und ein halbes Jahr in Ghana geblieben, Whisky und Zigaretten geschmuggelt. In Kabul sollte es Opium sein, da hat er sich übertölpeln lassen, Heimkehr nach Deutschland, er stahl eine Madonna aus einer Kirche und kam wieder ins Gefängnis.

Das war der Preis, Gefängnis immer wieder. Aber es war auch ein Gewinn. Für die Leute, vor denen Lugmeier weggeschlossen war und denen er währenddessen nichts klauen konnte, und auch für ihn selbst.

Lugmeier hat vieles von dem, was er weiß und was er kann, aus dem Gefängnis. Er ist belesen, weil die Haftanstalten Bibliotheken hatten, er selber durfte eine Zeit lang eine verwalten. Er kann sich an die geringsten Einzelheiten seines Lebens erinnern, weil er das auf seiner Pritsche immer wieder geübt hat. Er kann beschreiben, weil er auch das dort übte. Er fing damit an, seine Zelle zu beschreiben, immer wieder, bis auch Fremde sie beim Lesen vor Augen haben sollten. Dann seine Träume. Ob er einmal eine Lesung im Gefängnis machen wolle. „Nein“, sagt Lugmeier. Unangenehm? „Ja. Ich geh da nicht gern rein.“

Dezember 1972, München, Leopoldstraße. Überfall auf den Geldtransporter eines Großmarktes, 676 000 Mark Beute. Flucht durch halb Europa, am Ende ein Verhör bei der Polizei in London, die ihn wieder laufen lässt. Zurück in Deutschland, Oktober 1973, der Überfall auf den Geldtransporter der Dresdner Bank in Frankfurt, zwei Millionen Mark in 90 Sekunden. Flucht durch die halbe Welt, am Ende die Festnahme in Mexiko. Der Fenstersprung in Frankfurt, dann Lateinamerika, dann Island, dann wieder Gefängnis.

Lugmeier liest das vor, immer wieder, es gab Wochen seit dem letzten Herbst, da war er jeden Abend in einer anderen Stadt. Hannover war schön, da kamen 100 Leute, und eine alte Frau hat ihn gefragt, ob der Name Lugmeier von Lug und Trug käme. Oder der Ort, vergessen welcher, wo ein Mann im Publikum saß, der am Ende aufstand und sagte, dass er selber auch einmal einen Überfall erlebt hat. Er sei Sparkassenangestellter. Sie haben sich in die Augen gesehen.

Lugmeier sagt, er konnte das alles jetzt erst schreiben, nachdem ihm der, der er einmal war, ein Fremder geworden ist. Vielleicht heißt fremd werden in seinem Fall auch, überhaupt erst einmal eine Form finden. Die Aufzeichnungen, die er im Gefängnis gemacht hatte, 400 Seiten, hat er jedenfalls weggeschmissen. „Da stand nichts drin“, sagt er. Anfang 2005 hat er mit der Arbeit am endgültigen Manuskript begonnen, im Herbst war das Buch gedruckt.

Lugmeier ist 56, die Zeit wird knapper, und er hat noch viel vor. In diesem Jahr will er ein Sachbuch schreiben und einen angefangenen Roman zu Ende bringen und fürs Radio arbeiten. Die Zeit vergeht auch schneller, sagt Lugmeier. Er trägt eine Armbanduhr, der Zeiger für die Sekunden nimmt immer zwei auf einmal.

Lugmeier, der sich als Kind erträumt hatte, ein Poesieleben wie die Romanpiraten zu führen, der auf seinen Fluchten etliche ihrer Häfen gesehen hat und dann bemerkte, dass Poesie im wirklichen Leben nur manchmal möglich ist und nie von Dauer. Er war ein Verbrecher geworden, und Verbrecher werden gefangen, und dann ist es aus mit der Poesie.

Zur Leipziger Buchmesse, die an diesem Sonntag zu Ende geht, ist Lugmeier nicht gefahren. Er hätte gern hingewollt, aber dann haben die Leute von der Agentur, die sich um ihn kümmert, angerufen und gesagt, dass sie neue Vorlesetermine organisiert haben. Ludwig Lugmeier hat seine Umhängetasche genommen, das Buch mit den Klebezetteln eingepackt und die Klarsichtmappen, in denen die Stadtpläne seiner Reiseziele stecken. Und sich auf den Weg gemacht.

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