Kriminalität : Die Jäger des Phantoms

Mindestens drei Morde, dazu etliche Einbrüche – und an den Tatorten stets dieselbe genetische Spur. Vor 15 Jahren fand sie sich zum ersten Mal. Und den Ermittlern kommen langsam Zweifel.

Franz Schmider
Polizist
Rastlose Suche: Spurensicherung auf der Heilbronner Festwiese. -Foto: dpa

Freiburg/HeilbronnBruno Bösch kennt diese Frau bis in die Tiefe ihrer Zellen, die Struktur ihrer Gene. Er weiß, wo sie sich am 25. Mai 1993 aufgehalten hat, wo am 24. März 2001 und wo am 25. April 2007. Er weiß, dass sie an dem einen Tag aus einer Sprudelflasche getrunken, an einem anderen Keks gegessen hat. Er kennt auch eine ganze Reihe ihrer zeitweiligen Begleiter. Er weiß noch viel mehr. Doch ihr Gesicht kennt er nicht, er kennt nicht ihren Namen und schon gar nicht ihren heutigen Aufenthaltsort. Und manchmal zweifelt Bösch auch daran, dass die Frau überhaupt eine Frau ist.

Für die Informationen, die Polizeihauptkommissar Bruno Bösch in sieben Jahren über die Frau zusammengetragen hat, ist in seinem Büro längst kein Platz mehr. 50 Aktenordner füllen die Papiere unterdessen. In seinem Dienstzimmer in der Freiburger Polizeidirektion hat Bösch nur noch einen riesigen Übersichtsplan hängen. Die Skizze – eine Querlinie mit 30 Abzweigen – erinnert an einen Stammbaum. In der Mitte führt ein dünner Strich zum Bild einer Frau. Das Gesicht dieser Frau ist weiß. Man kann auch sagen: Sie hat keines. Noch nicht, sagt Bruno Bösch und macht sich Mut. Er arbeitet daran, es auszufüllen.

Immer wenn er sich nah dran glaubt, löst sich dieses Bild wieder auf. Das sind die bitteren Momente in seiner Arbeit, wenn Euphorie in Niedergeschlagenheit umschlägt. Manchmal, verrät der erfahrene Kriminalist, er ist 54 Jahre alt, stellt er sich vor die Aktenordner und fragt sich: „Habe ich etwas übersehen? Muss ich bei Blatt 1 noch einmal anfangen?“

Blatt 1 ist der Fund einer Leiche in Freiburg-St. Georgen am Montag, dem 26. März 2001. An jenem Montag wird die Leiche von Josef Walzenbach in seiner Wohnung gefunden. Er wurde am Samstag zuvor erschlagen, darauf weisen Zeugenaussagen wie auch die Erkenntnisse der Gerichtsmediziner hin. Der Rentner lebte allein, verkehrte im homosexuellen Milieu, in seiner Wohnung fand die Polizei 600 Sexvideos, teilweise mit pädophilem Inhalt. In die Wohnung war nicht eingebrochen worden, das Opfer hatte den oder die Täter offenbar selbst eingelassen. Die Ermittler gingen von einer Beziehungstat aus. Nichts deutete darauf hin, dass hier die Spur beginnt für eine einzigartige Verbrechensserie.

Am Tattag am Tatort

Es dauerte einige Tage, ehe die Polizei eine neue Spur hatte, die dem Fall und den Ermittlungen eine andere Richtung gab. Am Tatort hatten Kriminaltechniker die DNS-Spur einer Frau gefunden. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jene unbekannte Frau Josef Walzenbach erschlagen hat. Aber sie war am Tatort. Und zwar am Tattag. Wieso er sich an diesem Punkt so sicher ist, verrät Bösch nicht. Das sei Täterwissen, das man vor Abschluss des Gerichtsverfahrens nicht preisgeben dürfe.

Im Zuge der Befragung von Zeugen erfuhr die Polizei, dass in jenen späten Märztagen des Jahres 2001 Zeitschriftenwerber in St. Georgen von Haus zu Haus gezogen waren. Die Sonderkommission St. Georgen überprüfte die entsprechenden Betriebe, daraus ergab sich jedoch kein neuer Anhaltspunkt.

Im Oktober bekam Bösch dann drei Anrufe. Den ersten vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz, das bei einer Routineüberprüfung alter Fälle einen Treffer gelandet hatte. Es war DNS-Material gefunden worden, im Zusammenhang mit einem ungeklärten Mord in Idar-Oberstein vom 25. Mai 1993. Es stimmte mit dem aus St. Georgen überein.

An jenem 25. Mai war die Rentnerin Lieselotte Schlenger tot in ihrer Wohnung gefunden worden, die Schlinge eines Blumendrahtes um den Hals. Der Wohnzimmerschrank war durchsucht worden. Die Polizei suchte auch damals die Täter in der Szene der Zeitschriftenwerber, auch in Idar-Oberstein soll ein solcher Trupp unterwegs gewesen sein. Die Suche damals verlief ergebnislos.

Spur führt nach Freiburg und Idar-Oberstein

Auf Bruno Böschs Plan an der Wand steht seither Idar-Oberstein ganz links auf Platz 1, der Fall Walzenbach ist auf Platz 2 gerutscht. Zwei Meter weiter rechts endet der Stammbaum bei Position 29 in Kornwestheim, nahe Stuttgart. Position 30, Mannheim, ist noch nicht verzeichnet. Zu neu ist der Fall.

Der zweite Anruf in jenem Oktober 2001 kam ebenfalls aus Rheinland-Pfalz. In Gerolstein in der Eifel war auf einem Kinderspielplatz eine Spritze gefunden worden, daran der genetische Fingerabdruck einer „uwp“, einer „unbekannten weiblichen Person“. Der Datenabgleich führte nach Freiburg und Idar-Oberstein. Und noch eine dritte Spur aus Rheinland-Pfalz gehört zu der Frau: Am 24. Oktober war in einen Wohnwagen in Mainz eingebrochen worden.

Auf Böschs Übersichtsplan stehen an jeder Abzweigung kleine Symbole: Zwei Zahnräder in einem Kreis stehen für einen Einbruch in einer Fabrik, zwei Gläser auf einem Tisch für einen Einbruch in eine Gaststätte, ein Wohnwagen steht für das Knacken eines Caravans. Und wo kleine schwarze Männchen liegen, gab es Tote.

So wie auf Platz 27. Am 25. April 2007 sind in Heilbronn die Polizeibeamtin Michéle Kiesewetter und ihr Kollege gemeinsam im Streifendienst unterwegs. Es ist ein warmer Tag, die beiden jungen Polizeibeamten stellen ihr Fahrzeug am Rande der Festwiese im Schatten ab. Vermutlich wollten sie nur eine kurze Pause einlegen, sagt Frank Huber, Leiter der Heilbronner Sonderkommission Parkplatz. So weit man den Tathergang rekonstruieren kann, kamen von rechts und links zwei Personen an das Auto, beide trugen Waffen, zwei verschiedene Kaliber, beide schossen den beiden Beamten in den Kopf. Michéle Kiesewetter war sofort tot, ihr Kollege überlebte schwer verletzt.

Viele potentielle Zeugen - die nichts sahen

Die beiden Täter beugten sich über die Körper ihrer Opfer und nahmen deren Dienstwaffen und Handschellen mit. Es schien sie nicht zu stören, dass das Auto am Rande eines vielbefahrenen Radweges stand. Es störte sie nicht, dass auf der Festwiese Fußgänger unterwegs waren, dass Arbeiter gerade die Buden für das Frühlingsfest aufbauten. Viele potenzielle Zeugen also hielten sich im Umfeld auf. Aber keiner hat etwas gesehen. Die Polizei sicherte am Tatort zahlreiche DNS-Spuren. Eine stammt von der uwp, der großen Unbekannten. Der Fundort der Spur weist die Frau in diesem Fall als Mittäterin aus.

Der Hinweis ist wichtig, denn er verweist auf ein Problem vieler DNS-Spuren. Sie sagen aus, dass jemand an einer Zigarette gezogen, aus einer Flasche getrunken hat oder einen Schraubenzieher in Händen hielt. Mehr nicht. Viele DNS-Spuren besagen nichts über eine Tatbeteiligung, sie sagen nichts aus über einen Zeitpunkt, zu dem eine Person an einem Ort war. Ja noch nicht einmal, ob dies jemals der Fall war. Ein Tempotaschentuch kann auf vielerlei Weisen irgendwohin gelangen. So gesehen ist ein herkömmlicher Fingerabdruck oft aussagekräftiger.

Nach den ersten DNS-Funden war sich Bösch sicher, dass die Sonderkommission St. Georgen bald Erfolg haben würde. Hat man einen zweiten Strang, an dem man ziehen kann, muss man nur nach den Verknüpfungspunkten suchen. Er nahm sich also noch einmal die Zeitschriftenwerber vor, forschte akribischer und bundesweit. „Nach der Nachricht aus Idar-Oberstein saßen wir tagelang in deren Kellern und gingen die Personalkarteien durch“, erinnert sich Bösch. Doch die Spur verlief im Sande. „Manchmal gab es keine Karteikarten, manchmal stimmten die Personendaten nicht, manches lief wohl auch außerhalb der Bücher.“ Die ganze Aktion entpuppte sich als Schlag ins Wasser. Für solche Momente hat sich Bösch an die Tafel über den Übersichtsplan eine Art Motto gepinnt: „Das Leben ist das kostbarste und höchste Rechtsgut, das wir Menschen haben. Daraus ergibt sich die zwingende Verpflichtung von staatlicher Seite aus alles zu tun, um eine Straftat gegen das Leben aufklären zu können.“ Die Zeilen mahnen ihn, nicht nachzulassen.

Es gab eine Zeit, da keimte in Bösch die Vorstellung, die Frau sei nicht mehr am Leben, sei als Drogenopfer irgendwo beigesetzt. Denn es gab keine neuen Hinweise. Doch seit 2003 ist diese These widerlegt. Eindrucksvoll. Durch eine fast beispiellose Serie von Delikten: Ein Einbruch in eine Fabrik im hessischen Dietzenbach am 1. Januar 2003 stand am Beginn, es folgte ein Autodiebstahl in Heilbronn zu Weihnachten 2003, ein Einbruch in Freiburg im April 2004. Dann verlagerte die Unbekannte ihr Tätigkeitsgebiet nach Österreich, wo sie zwischen dem 17. und 20. Oktober 2004 vier Einbrüche entlang der Inntalautobahn verübte. Immer wurden am Tatort DNS-Spuren der uwp gefunden. Mindestens einmal, vermuten die Ermittler, war sie erneut in Freiburg, im Frühjahr 2007. Aber hier fehlen letzte Beweise.

Der dritte Mann

Dann ermittelten die österreichischen Kollegen zwei Tatverdächtige, bei Bösch brach Euphorie aus. Die Polizei konnte die Männer als Mittäter überführen, aber sie schwiegen zu Details. Sie gaben nur zu: Ja, bei den Einbrüchen sei ein dritter Mann dabei gewesen. Ein Mann?

Rechtsmediziner und Genetiker wurden eingeschaltet, die Proben noch einmal analysiert. Dass Ergebnis war das alte: Die Spurengeberin ist eine Frau. „Sie kann aber in Aussehen und Auftreten etwas sehr Männliches haben“, sagt Bösch.

Zur Verwirrung trägt auch ein versuchter Einbruch in Saarbrücken bei: Dort wurde im Oktober 2006 die Scheibe einer Terrassentür mit einem Stein eingeschlagen. Der Schlag löste die Alarmanlage aus. Ein Zeuge beobachtete einen jungen Mann, der sich vom Tatort entfernte. An dem Stein aber wurde die DNS- Spur der uwp gefunden. War sie in eine andere Richtung geflohen als der beobachtete junge Mann, waren es also zwei Täter? Inzwischen gibt es von dem Mann ein Phantombild. Oder ist der Mann genetisch eine Frau?

Es gibt noch weitere Spuren, denen Bösch und sein Heilbronner Kollege Huber derzeit nachgehen. Österreich hat zwei Slowaken an Deutschland überstellt, die an diversen Einbrüchen mit der Frau beteiligt waren. Sie werden noch vernommen. Natürlich werden sie auf die 100 000 Euro Belohnung hingewiesen. In einem Massengentest werden derzeit 800 Frauen überprüft, die einschlägig bekannt sind. Seit einem Einbruch in eine Gartenanlage in Kornwestheim im August 2007 richtet die Polizei ihren Blick verstärkt auf das Umfeld des europaweiten Gebrauchtwagenhandels – an die Gartenanlage grenzt ein Umschlagplatz für Altautos. Auch in Böschs Plan sind mehrere Autosymbole verzeichnet. In einem Autohaus wurden zum Beispiel sämtliche Airbags aus Neuwagen ausgebaut. Eine Auftragsarbeit, um gebrauchte Autos nachzurüsten?

Drei tote Georgier im Auto

Auch der jüngste Fall, Nummer 30 auf Böschs Liste, spielt in diesem Milieu. Im Februar wurden die Leichen von drei ermordeten Georgiern im Altrhein bei Mannheim gefunden. In dem Auto, in dem die Opfer getötet worden waren, wurden auch Spuren der großen Unbekannten gefunden.

Obwohl Huber sehr zurückhaltend ist, wagt er die These: Die Frau, von der die Polizei nicht einmal das Alter kennt, hat nicht erst im Jahr 2001 angefangen einzubrechen. Aber in den 90er Jahren wurde bei Kleindelikten keine DNS-Spurenanalyse vorgenommen. Das wird auch heute eigentlich nicht gemacht. Eigentlich. Derzeit aber ist jede Spur von jedem Gartenhauseinbruch wichtig.

Die Verwertung des genetischen Fingerabdrucks wurde lange Zeit als Wunderwaffe der Kriminaltechnik gepriesen. Inzwischen wird immer deutlicher: Sie ist ein Hilfsmittel, aber sie ersetzt die herkömmliche kriminalistische Kleinarbeit nicht. Die Gefahr besteht, dass die Polizei Genspur auf Genspur sammelt und damit Aktenordner füllt – und in der Masse der Hinweise geht der entscheidende unter. Diese Frage stellt sich auch Bruno Bösch. Klarheit wird er erst haben, wenn die Frau gefasst ist.

Huber sagt: „Vielleicht haben wir die Frau schon einmal erkennungsdienstlich behandelt und wir wissen es nur noch nicht.“ Gäbe es den DNS-Test als Regel bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung, vielleicht wäre Bruno Bösch längst in der Datei fündig geworden. Und Frank Huber hätte nicht an der Beisetzung einer Kollegin teilnehmen müssen.

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