Zeitung Heute : Krisen frühzeitig erkennen

Das Projekt „Networks against School Shootings“ der Freien Universität erprobt einen neuen Ansatz zur Gewaltprävention an Schulen.

Leonard Fischl

Seit 1999 gab es an deutschen Schulen zwölf School-Shootings. Die Amokläufe fanden jedoch nicht spontan statt, sondern wurden von langer Hand geplant. Einige Täter beschäftigten sich zuvor intensiv mit früheren Taten; andere spielten exzessiv Ego-Shooter-Spiele, also solche, in denen der Spieler die Perspektive der um sich schießenden virtuellen Figur einnimmt – wiederum andere kündigten die Tat im Internet an. Doch niemand wusste die Anzeichen zu deuten.

Damit sich diese Szenarien nicht wiederholen, wurde an der Freien Universität das Projekt „Networks Against School Shootings“ (Netwass) gegründet, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Es soll Lehrern dabei helfen, Hinweise auf eine krisenhafte und gewaltbereite Entwicklung von Schülern rechtzeitig zu erkennen und das Risiko von Schulmassakern zu vermindern. Vincenz Leuschner ist Koordinator des Projekts. Der Sozialwissenschaftler am Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und angewandte Entwicklungspsychologie hat alle Phasen des Projekts begleitet und die 108 kooperierenden Schulen in den Bundesländern Berlin, Brandenburg und Baden-Württemberg bei der Beschäftigung mit dem Thema betreut.

Am Anfang stand eine Evaluation, um herauszufinden, wie Lehrer bei Konflikten reagieren. „Wir haben Fallbeispiele vorbereitet, die von den Lehrern bearbeitet wurden“, erläutert Vincenz Leuschner. Anschließend nahmen die Lehrer an Fortbildungsseminaren teil, um ihre Antworten und Reaktionen neu zu bewerten. Es wurden erneut Fallbeispiele ausgeteilt, um festzustellen, ob sich die Perspektiven nach den Schulungen verändert haben. „Wir sehen, dass es die richtigen Tendenzen gibt“, sagt Leuschner. „Die Lehrer sind stärker sensibilisiert, sie gehen nicht mit so viel Angst an das Thema und sind sicherer bei der Einschätzung von Hinweisen.“ Auch falsche Annahmen müssten bei den Schulungen zerstreut werden. „In den Medien wird verbreitet, dass die Attentate spontan stattgefunden haben. Das ist aber nicht der Fall.“ Oftmals hätten die Lehrer die Vorzeichen erkennen können, wenn sie psychologisch besser geschult gewesen wären.

Ein Umdenken fand erst nach dem Attentat von Erfurt statt: Nach diesem Ereignis wurden die Schulen aufgefordert, Krisenteams zu bilden. Die Wissenschaftler der Freien Universität haben nun mit diesen Krisenteams zusammengearbeitet und Strategien entwickelt, wie man mit Problemfällen umgehen kann. „Wichtig dabei ist, dass Lehrer nicht nur auf ihre Schüler zugehen, sondern auch prinzipiell Gesprächsbereitschaft zeigen“, sagt Vincenz Leuschner. „Trotz der Angst, die momentan an manchen Schulen herrscht, darf die Vorsicht nicht in Panik umschlagen.“ Es gehe vielmehr darum, ein Gleichgewicht zu finden, um einerseits Problemfälle zu erkennen und andererseits gefährdete Schüler vor Stigmatisierung zu schützen.

Deshalb motivieren die Mitarbeiter des Netwass-Projekts dazu, unter den Lehrern sogenannte Vertrauenspersonen zu benennen, um bedrohliche Anzeichen an zentraler Stelle zu sammeln. Diese Personen stehen wiederum mit den Wissenschaftlern der Freien Universität in Kontakt und werden beraten, wenn sich besorgniserregende Vorfälle häufen. Vincenz Leuschner ist überzeugt: Nur durch enge Zusammenarbeit und stärkere Sensibilisierung kann das Risiko von Amokläufen in Schulen gemindert werden. Leonard Fischl

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar